Die Verkannten der Meere

Das Kinodrama um den Orca Willy begann mit einer Lüge: Die Dreharbeiten waren noch nicht beendet, da erfuhr die Öffentlichkeit, dass der Filmheld in einem heruntergekommenen Vergnügungspark in trauriger Beengtheit lebt. Die Rettung bewegte die halbe Welt

Was hing da auf einmal für ein merkwürdiges Ding im Wasser? Der Spiegel interessierte Shouka sofort. Sie positionierte sich vor ihm – und streckte sich selbst die Zunge heraus. Dann schüttelte sie heftig den Kopf, nach oben, unten, zur Seite. Als sie einen Fisch zugeworfen bekam, biss sie ein kleines Stück ab, spuckte es aus und fing es wieder auf, sich selbst dabei immer im Blick behaltend.

Wie das Orcaweibchen Shouka vor dem Spiegel herumalberte, wirkt nur allzu vertraut. Wenn sie ihr Spiegelbild sehen, sind sich Homo sapiens und Orcinus orca offenkundig sehr ähnlich. Dabei ist es keineswegs selbstverständlich, sondern stellt eine beträchtliche kognitive Leistung dar, wenn ein Tier erkennt, dass das Gegenüber das eigene Spiegelbild ist. Wer das schafft, der verfügt vermutlich über eine Form von Ichbewusstsein, wie es nur wenige Spezies besitzen dürften, darunter Schimpansen und Elefanten.

Und eben Orcas. Die schon Mitte der 1990er-Jahre veröffentlichte Spiegelstudie aus einem südfranzösischen Aquarium ist ein weiteres Puzzleteil einer faszinierenden Erkenntnis: Auf den ersten Blick scheinen die Unterschiede immens zu sein zwischen Schwertwal und Mensch. Der eine wird mehrere Tonnen schwer und lebt im Ozean, der andere baut sprechende Roboter und bezwingt den Mount Everest. Und doch sind uns diese Meeressäuger aus der Familie der Delfine auf den zweiten Blick erstaunlich ähnlich. Sie sind klug, verspielt, sprachbegabt, äußerst familienbezogen und ungemein variabel in den Ernährungsgewohnheiten. Wenn sich der Mensch als Krone der gesamten Schöpfung sieht, dann darf sich der Orca mit einigem Recht als ein herausragender Vertreter der Meeressäuger fühlen.

Der Schwertwal sei „zusammen mit dem Menschen einer der kosmopolitischsten Säuger“, sagt Jochen Wolf, Biologe an der Universität München. Orcas schwimmen vor der Küste Kanadas ebenso wie vor Südamerika und Neuseeland. Sie schaffen es, fast überall in den Meeren heimisch zu werden. „Andere Säugetiere wie Ratten, Mäuse, Katzen und Hunde sind Kulturfolger des Menschen oder wurden gar von ihm domestiziert“, sagt Wolf. Schwertwale dagegen hätten unabhängig vom Menschen ein außergewöhnliches Ausbreitungspotenzial und unterschiedlichste Lebensräume besiedelt.

Aus Sicht des kanadischen Meeresbiologen Hal Whitehead verdankt der Orca diesen Erfolg etwas, das häufig als rein menschliche Domäne gilt: der Kultur. Darunter verstehen Biologen, dass sich Traditionen innerhalb einer Gruppe bilden, die charakteristisch für genau diese Gemeinschaft sind. In ihren Gewohnheiten unterscheiden sich die Gruppen und ihre Mitglieder dann voneinander.

So wie man anhand eines Abendessens in menschlicher Gemeinschaft erkennen kann, ob es in einem westeuropäischen oder ostasiatischen Kulturkreis stattfindet – die einen servieren Weißbrot und decken mit Messer und Gabel ein, bei den anderen gibt es Reis und Stäbchen –, so leben auch Orcas in verschiedenen Kulturen. Im Nordpazifik fressen zum Beispiel manche fast ausschließlich Lachs und leben in großen, stabilen Familienverbänden. Andere im selben Meeresgebiet dagegen schließen sich in kleineren Gruppen zusammen, in denen ein ständiges Kommen und Gehen herrscht; sie ernähren sich von Robben und haben einen unsteteren Lebenswandel.

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 143. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 143

mare No. 143Dezember 2020 / Januar 2021

Von Katrin Blawat, Jasmine Carey und Darren Jew

Die Münchner Journalistin Katrin Blawat, Jahrgang 1982, ist froh, dass Aquarien für Orcas heute aus der Mode gekommen sind – selbst wenn Biologen manch wichtige Erkenntnisse über die Schwertwale nur dank dieser Haltung gewinnen konnten.
Die beiden australischen Naturfotografen Darren Jew und Jasmine Carey eint eine besondere Leidenschaft: Jedes Jahr begeben sie sich in die Fjorde Norwegens, um mit ihren Kameras den Orcas so nahe zu sein wie kaum ein anderer Mensch.

Mehr Informationen
Vita Die Münchner Journalistin Katrin Blawat, Jahrgang 1982, ist froh, dass Aquarien für Orcas heute aus der Mode gekommen sind – selbst wenn Biologen manch wichtige Erkenntnisse über die Schwertwale nur dank dieser Haltung gewinnen konnten.
Die beiden australischen Naturfotografen Darren Jew und Jasmine Carey eint eine besondere Leidenschaft: Jedes Jahr begeben sie sich in die Fjorde Norwegens, um mit ihren Kameras den Orcas so nahe zu sein wie kaum ein anderer Mensch.
Person Von Katrin Blawat, Jasmine Carey und Darren Jew
Vita Die Münchner Journalistin Katrin Blawat, Jahrgang 1982, ist froh, dass Aquarien für Orcas heute aus der Mode gekommen sind – selbst wenn Biologen manch wichtige Erkenntnisse über die Schwertwale nur dank dieser Haltung gewinnen konnten.
Die beiden australischen Naturfotografen Darren Jew und Jasmine Carey eint eine besondere Leidenschaft: Jedes Jahr begeben sie sich in die Fjorde Norwegens, um mit ihren Kameras den Orcas so nahe zu sein wie kaum ein anderer Mensch.
Person Von Katrin Blawat, Jasmine Carey und Darren Jew