Die Engelsflügelsammlerin

Eine junge Arbeitertochter mit Hang zu Fossilien verhalf in England zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur Geburt der Paläontologie, wie wir sie heute kennen

In dieses Meer möchte man keinen Fuß setzen. „Duria Antiquior“, ein Aquarell des Geologen Henry De la Beche, zeigt seine Vorstellung von dem Urmeer, das zur Dinosaurierzeit seine alte Heimat bedeckte, die Grafschaft Dorset an der Küste Südenglands. Es ist eine Meereshölle mit gigantischen Kreaturen, die aussehen wie Kreuzungen aus Krokodilen, Delfinen und Schildkröten.

Dass De la Beche dieses Bild überhaupt malen kann, verdankt er Mary Anning, seiner Jugendfreundin in Lyme Regis. Nachdem er hierhergezogen ist, schließt sich der 16-Jährige oft der drei Jahre jüngeren Mary an, die hier bei jedem Wetter immer wieder fantastische Entdeckungen macht: Fossilien. Mal sind es Wirbel, mal Zähne und, wenn sie großes Glück hat, auch ganze Skelette, von denen noch kein Mensch auf der Welt weiß, welchen seltsamen Wesen sie einmal gehört haben. Eines aber wissen sie in Lyme Regis: Niemand kennt sich hier mit den versteinerten Knochen so gut aus wie Mary Anning.

Heute nennen sie die Gegend hier „Jurassic Coast“. Mit Glück findet man immer noch Fossilien, einen schneckenförmigen Ammoniten vielleicht oder Seelilien. Ein kleines Museum am Hafen zeigt seit 1901, wie es hier zur Zeit des Erdmittelalters aussah, der geologischen Ära, die vor etwa 252 Millionen Jahren begann. Es steht genau dort, wo Mary Anning aufwuchs. Man kann das Meer hier hören, seinen Duft riechen. Es ist so nah, dass es das Haus der Annings in manchen Wintern überflutete.

Hier wird Mary am 21. Mai 1799 geboren. Obwohl ihr Vater, der Zimmermann Richard Anning, einen respektablen Beruf hat, lebt die Familie an der Grenze zur Armut. Von den zehn Kindern der Familie überleben nur Mary und ihr älterer Bruder Joseph. Es sind schwere Zeiten: Wegen des Kriegs gegen Napoleon steigen die Lebensmittelpreise, selbst der Zimmermann Anning muss sich ein Zubrot verdienen. An der Küste sucht er nach Fossilien, die er an einem Tisch vor seinem Haus an Touristen verkauft.

Joseph und Mary sind oft dabei, sie lernen, wo man die beste Funde macht, wie man sie vorsichtig aus dem Stein herausschlägt und reinigt. Der Vater fertigt Mary einen kleinen Pickel, damit sie ohne seine Hilfe an den steilen Klippen emporklettern und Fossilien freilegen kann. Die Mutter, Molly, die die Begeisterung ihres Mannes für alte Steine „völlig lächerlich“ findet, lässt sie nur widerwillig mitgehen. Ein Mädchen, das im Schlamm wühlt, um versteinerte Knochen aus Felsen herauszuschlagen! Gefährlich ist es obendrein. Die Klippen sind rutschig, im Winter, wenn man nach einem starken Sturm besonders viele Schätze finden kann, begraben manchmal Gerölllawinen Teile des Strands unter sich. Und wenn man Pech hat, schneidet die Flut einem den Rückweg ab.

Bald aber ist sie froh über jeden Stein, den Mary mit nach Hause bringt. Nachdem ihr Mann 1810 an Tuberkulose stirbt und 120 Pfund Schulden hinterlässt, beginnt Joseph eine Lehre als Polsterer, und es ist auch das Einkommen der Tochter, das die Familie vor Hunger bewahrt. Denn in Lyme Regis reiht sich an manchem Sommertag Kutsche an Kutsche, darin wohlhabende Kurgäste, die ihre Häuser gern mit Kuriositäten wie den versteinerten Tieren und Pflanzen schmücken, um die sich Mythen ranken.

Die Leute nennen sie „Krokodilknochen“ und „Engelsflügel“. „Dinosaurier“ kennt man noch nicht, den Begriff wird der englische Arzt und Zoologe Richard Owen erst 1842 prägen. Vor allem Ammoniten sind ein Renner. Diesen „Schlangensteinen“ sagt man magische Kräfte nach. Sie sollen gegen Schlangenbisse, Schlaflosigkeit, Unfruchtbarkeit und Impotenz helfen. Einmal kauft eine Dame Mary ein besonders schönes Exemplar für eine halbe Krone ab – genug, um davon Brot, Fleisch und Tee für eine Woche zu kaufen.


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 145. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 145

mare No. 145April / Mai

Von Silvia Tyburski

Silvia Tyburski, Jahrgang 1976, hat für ihre Recherche noch einmal „Persuasion“ von Jane Austen gelesen. Ein Teil des Romans spielt in Lyme Regis, wo es Austen offenbar gut gefallen hat. Angeblich war sie dort kurz Richard Anning begegnet.

Mehr Informationen
Vita Silvia Tyburski, Jahrgang 1976, hat für ihre Recherche noch einmal „Persuasion“ von Jane Austen gelesen. Ein Teil des Romans spielt in Lyme Regis, wo es Austen offenbar gut gefallen hat. Angeblich war sie dort kurz Richard Anning begegnet.
Person Von Silvia Tyburski
Vita Silvia Tyburski, Jahrgang 1976, hat für ihre Recherche noch einmal „Persuasion“ von Jane Austen gelesen. Ein Teil des Romans spielt in Lyme Regis, wo es Austen offenbar gut gefallen hat. Angeblich war sie dort kurz Richard Anning begegnet.
Person Von Silvia Tyburski