Ich kann einen sehr genauen Vergleich ziehen zwischen den Kräften, die mich an meine Kunst binden, und denen, die mich an das Meer binden. Komponist, ich bin der Sklave; Seemann, ich bin der Herr.“ Bis ans Ende seines Lebens ist sich Jean Cras bewusst, dass die beiden Kulturen, die er in sich vereint, eigentlich unvereinbar sind. Als Sklave sieht er sich, weil er nie eine Note geschrieben hat, „die mir nicht diktiert wurde“. Diesen göttlichen Eingebungen, wie er es sieht, kann und will er sich nicht entziehen. Als Herr fühlt er sich hingegen, sobald er ein Schiff kommandiert. Der Seemann ist frei, der Komponist unfrei.
Nicht, dass er der Einzige wäre, der versucht, Musik und Marine gleichberechtigt unter einen Hut zu bringen. Albert Roussel und Antoine Mariotte treten ebenfalls an – und scheitern. Roussel, wie Cras Absolvent der École navale, quittiert 1894 den Dienst, um Musik zu studieren; Mariotte verlässt 1897 nach Einsätzen im Südchinesischen Meer die Marine, um Komponist zu werden. Beide suchen vergeblich nach einer Balance zwischen ihren Begabungen. Nur Jean Cras gelingt das scheinbar Unmögliche.
Émile Jean Paul Cras wird am 22. Mai 1879 im bretonischen Brest geboren. Der vielleicht wichtigste Marinehafen Frankreichs, exponiert an der Atlantikküste gelegen, prägt seine Kindheit. Im Hafen kennt er bald jeden Poller und jedes Schiff; Anlegemanöver sind ihm ebenso vertraut wie Flaggensignale, der Geruch von Tang und Tauwerk. Die See wird früh zu seinem Sehnsuchtsort – nicht zuletzt dank seines Vaters Pierre Charles Cras, Offizier und Chefarzt der Marine in Brest.
Der berufliche Weg scheint damit vorgezeichnet: Auch Jean soll Offizier werden. Der Junge folgt diesem Wunsch.
Aber die Marine ist nicht der einzige prägende Faktor. Nicht weniger folgenreich ist das Faible seiner Eltern für die Musik. Seine Mutter, Marie-Claire Pauline Robin, führt einen bekannten Salon, in dem Konzerte stattfinden und Gedichte rezitiert werden. Jean ist von klein auf dabei und lernt Musik und Musiker kennen. Selbstverständlich erhält er Klavierunterricht und brilliert schon als Kind am Flügel. Mit gerade einmal sechs Jahren beginnt er zu komponieren und legt 1892 mehrere Werke für Klavier und Gesang vor. Zwei Jahre später folgt eine Messe für vier Stimmen und Orgel, uraufgeführt in der Kirche Saint-Marc bei Brest.
Auch die Lyrik hat es ihm angetan. Wieder liefert der mütterliche Salon Vorbilder und Inspiration. Zusammen mit seinem Schulfreund Alfred Droin verfasst er ein lyrisches Drama in zwei Akten mit dem Titel „Echo“.
Nach dem Schulabschluss am Lyzeum von Brest muss sich der 17-jährige Jean eigentlich für eine der beiden Welten entscheiden: Musik oder Marine. Doch genau das tut der begabte Bretone nicht. Er fährt fortan zweigleisig. Zunächst allerdings muss er nautische Defizite wettmachen und wechselt auf die Marineschule École navale in Lanvéoc.
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Auch Bernd Flessner, Jahrgang 1957, Autor in Uehlfeld, macht seit seiner Kindheit Musik und ist in einem Hafenort am Meer aufgewachsen. So findet er an einer Figur wie Jean Cras zwangsläufig Gefallen.
| Vita | Auch Bernd Flessner, Jahrgang 1957, Autor in Uehlfeld, macht seit seiner Kindheit Musik und ist in einem Hafenort am Meer aufgewachsen. So findet er an einer Figur wie Jean Cras zwangsläufig Gefallen. |
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| Person | Von Bernd Flessner |
| Vita | Auch Bernd Flessner, Jahrgang 1957, Autor in Uehlfeld, macht seit seiner Kindheit Musik und ist in einem Hafenort am Meer aufgewachsen. So findet er an einer Figur wie Jean Cras zwangsläufig Gefallen. |
| Person | Von Bernd Flessner |