Feiern und tanzen in Ruinen: Das Berlin der 1990er-Jahre war berühmt für dieses Lebensgefühl. In baufälligen Industrieanlagen ließen es junge Leute nächtelang krachen. Die Partys hatten einen ganz besonderen, morbiden Charme – unvergesslich, aber längst Vergangenheit.
In der Welt der Meerestiere scheint sich in jüngster Zeit aber etwas ähnlich Spannendes zuzutragen wie damals in Berlin. Das hat mit Marco Barotti zu tun, einem Wahlberliner aus der Toskana, dessen große Liebe der Musik und der Natur gilt.
Eigentlich hatte Barotti nur Kunst im Sinn. Mit Multimediainstallationen wollte er Museumsbesucher für die Schönheit und Fragilität mariner Ökosysteme sensibilisieren. Beim Tauchen nahm er Geräusche auf, sammelte Unterwasserklänge für seine Skulpturen. Dann jedoch machte er eine erstaunliche Entdeckung: Diese Aufnahmen könnten dabei helfen, abgestorbenen Korallen neues Leben einzuhauchen.
Marco Barotti – 47, dunkle Haare, schwarzer Kapuzenpullover, schwarze Jeans, Fünftagebart – hat an der Jazzakademie in Siena Schlagzeug studiert. Er spielt auch Synthesizer und singt. Vor gut zehn Jahren erfand er sich als Künstler noch einmal neu. „Bildhauerei und Biologie interessierten mich schon damals mehr als die aktuelle Popmusik“, sagt er. Dennoch spielen Klänge bis heute eine zentrale Rolle in seinen Werken.
Eine seiner frühen Skulpturen besteht aus einer Fläche von Muschelschalen, die durch niederfrequente Schallwellen in Bewegung geraten und zittern. Seit fünf Jahren beschäftigt sich der passionierte Taucher mit Korallenriffen. Diese Ökosysteme, in denen – von Fischen, Algen und Schwämmen über Krebs- und Weichtiere bis zu Schildkröten – Hunderttausende Arten leben, sind „zauberhafte Klanggärten“, sagt er. „Lässt man sich darauf ein, kann man die Unterwassermusik beim Tauchen auch ohne technische Verstärkung hören.“
Fachleute schätzen, dass mehr als 10 000 Fischarten auf akustischem Weg kommunizieren. Manche erzeugen Geräusche über Knochen oder Sehnen, andere versetzen ihre Schwimmblase in Schwingung. Auch wirbellose Tiere tragen zum Klangbild bei: Meeresschnecken knistern, Pistolenkrebse machen Geräusche, die an das Brutzeln von Speck in der Bratpfanne erinnern.
Barotti mischt solche Klänge wie andere Künstler die Farbtöne aus ihrem Malkasten.
Ein grauer Novembertag in Berlin-Friedrichshain. Am Holzmarkt 25, einer ehemaligen Brache am Spreeufer mit Bars, Clubs und Ateliers, hat die Berlin Science Week 2025 eröffnet. Barottis neueste Installation „Coral Sonic Resilience“ gehört zu den Hauptattraktionen. Auf einer Leinwand verwandeln sich Korallen in kosmische Gebilde. Eine tanzende Frau im scharlachroten Kleid er-
scheint, dann wieder abstrakte Strukturen. Besonders eindringlich ist die Tonspur: Gurgeln, Knacken, Singen, ein fernes Pfeifen. Tiefer und tiefer taucht das Publikum in eine fremde Klangwelt ein.
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Till Hein, Jahrgang 1969, Wissenschaftsjournalist in Berlin, weiß aus eigener Erfahrung, dass Klänge Lebewesen auch in die Flucht schlagen können. Seine beiden Söhne wollten jedenfalls früher nie schlafen gehen. Schlug er aber vor, ihnen ein Gutenachtlied vorzusingen, sprangen sie sofort ins Bett und zogen die Decke über den Kopf.
Marco Barotti, geboren 1979, nennt das Projekt sein erstes Kunstwerk, das nicht für Menschen gedacht ist.
| Vita | Till Hein, Jahrgang 1969, Wissenschaftsjournalist in Berlin, weiß aus eigener Erfahrung, dass Klänge Lebewesen auch in die Flucht schlagen können. Seine beiden Söhne wollten jedenfalls früher nie schlafen gehen. Schlug er aber vor, ihnen ein Gutenachtlied vorzusingen, sprangen sie sofort ins Bett und zogen die Decke über den Kopf. Marco Barotti, geboren 1979, nennt das Projekt sein erstes Kunstwerk, das nicht für Menschen gedacht ist. |
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| Person | Von Till Hein und Marco Barotti |
| Vita | Till Hein, Jahrgang 1969, Wissenschaftsjournalist in Berlin, weiß aus eigener Erfahrung, dass Klänge Lebewesen auch in die Flucht schlagen können. Seine beiden Söhne wollten jedenfalls früher nie schlafen gehen. Schlug er aber vor, ihnen ein Gutenachtlied vorzusingen, sprangen sie sofort ins Bett und zogen die Decke über den Kopf. Marco Barotti, geboren 1979, nennt das Projekt sein erstes Kunstwerk, das nicht für Menschen gedacht ist. |
| Person | Von Till Hein und Marco Barotti |