Der heisse Norden

Vor Millionen Jahren war der Norden Deutschlands ein tropisches Meer. Seine Relikte bescherten den Menschen großen Wohlstand

Wo heute Hamburg liegt, befand sich einmal ein Meer. Kein kaltes Nordmeer, sondern ein heißes, flaches Becken unter Wüstensonne. Fische waren selten, doch das Wasser barg bereits den Rohstoff späteren Reichtums. Vor 255 Millionen Jahren ­bedeckte das Zechsteinmeer weite Teile Nordeuropas und hat Spuren hinterlassen: in Bergen aus Salz, in ausgehöhlten Hügeln und im Wohlstand ganzer Städte.

Die meisten Hamburger ahnen nicht, worauf sie stehen. Tief unter Straßen und Häusern lagern grauer Salzton und Anhydrit, Reste jenes uralten Meers. Staßfurt in Sachsen-Anhalt lag ebenfalls im Bereich dieses Meers. Am 31. Januar 1852 wurde die Stadt zur Wiege des weltweiten Kalibergbaus: Im Königlich Preußischen Salzbergwerk entstand das erste Kalibergwerk der Erde. Kalium, neben Stickstoff und Phosphor einer der Grundstoffe moderner Düngung, wurde zum unsichtbaren Motor einer wachsenden Weltbevölkerung. Ohne die Hinterlassenschaften des Zechsteinmeers gäbe es in Bad Segeberg heute keine Karl-May-Festspiele, und das einst reiche Lüneburg wäre seit dem Mittel­alter ein unbedeutendes Dorf geblieben. 

Auch Gips und Kupfer prägten ganze Regionen, vor allem am Südrand des Harzes, wo die Ablagerungen dieses Ozeans bis heute offen zutage treten. Selbst in unserem 21. Jahrhundert greift die Gesellschaft auf diese Schichten zurück: Salzstöcke dienen als Speicher für Erdgas oder als umstrittene Endlager für radio­aktive Altlasten. Viel schöner aber ist der kulturelle Nachhall dieses Meers. Ohne Gips, Marienglas und Alabaster wären Jugendstil, Barock und Rokoko kaum denkbar, ebenso wenig die Altäre und ­Epitaphe zahlloser Kirchen.

Der Name des Meers klingt bergmännisch – und ist es auch. „Zechstein“ stammt aus dem Mansfeldischen Kupferschieferbergbau, wo die „Zeche“, das eigentliche Bergwerksgebäude, auf genau diesen Steinschichten stand. Hier, im Revier des Kupferschiefers, arbeitete vor rund 500 Jahren auch der Vater von Martin Luther als Bergmann.

Wie aber entstand dieses Meer? Oder anders gefragt: Wieso kam es zur Überflutung weiter Teile des heutigen Europa? Im späten Perm lagen alle Kontinente dicht beieinander, vereint zum Superkontinent Pangäa. Im Inneren dieses gewaltigen Landblocks herrschte trockenes Klima, während sich am Rand Senken ­bildeten. Eine solche Senke öffnete sich zwischen dem heutigen Norwegen und Schottland und schuf zeitweise eine ­schmale Verbindung zum Weltmeer. Durch sie drang Wasser nach Pangäa ein und überflutete tief liegende Landschaften – das Zechsteinmeer entstand. Bei Bartolfelde im Südwestharz ist diese uralte Küstenlinie noch sichtbar: In einer Felswand zeichnet sich die Anbrandung jener Fluten ab.

Die Hitze ließ das Wasser schneller verdunsten, als Nachschub kommen konnte. Der schmale Meeresarm zum Ozean versandete immer wieder, Flüsse führten zu wenig Wasser – das Becken trocknete schleichend aus. Meerwasser enthält große Mengen gelöster Stoffe: Salz, Kalk, Gips. Mit zunehmender Verdunstung stieg ihre Konzentration, bis sie kristallisierten und sich wie ein feiner Niederschlag Schicht um Schicht am Boden ablagerten: zuerst Ton, dann Kalk, darauf Gips, schließlich mächtige Lagen aus Steinsalz und Kalisalzen. Öffnete sich die Verbindung zum Ozean erneut, strömte frisches Meerwasser ein, und der Prozess begann von vorn. Siebenmal wiederholte sich dieses Füllen und Verduns­ten. Unter Hamburg stapeln sich diese Zyklen heute zu Gesteinspaketen von vielen Hundert Meter Mächtigkeit; an den Rändern des einstigen Zechsteinmeers, etwa am Harz, sind nur die ersten Folgen erhalten.

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mare No. 175

mare No. 175April / Mai

Von Firouz Vladi und Orlando Hoetzel

Als der Geologe Firouz Vladi, Jahrgang 1948, zum ersten Mal im Schlamm einer Gipskarsthöhle aus dem Zechstein robbte, schwor er sich: nie wieder. Daraus wurde nichts. Heute lebt er im Südharz und forscht zu den weißen Gesteinen.

Orlando Hoetzel, geboren 1971, Illustrator in Berlin, staunte, wie gut manche Fossilien aus der Zechstein­zeit erhalten sind.

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Vita

Als der Geologe Firouz Vladi, Jahrgang 1948, zum ersten Mal im Schlamm einer Gipskarsthöhle aus dem Zechstein robbte, schwor er sich: nie wieder. Daraus wurde nichts. Heute lebt er im Südharz und forscht zu den weißen Gesteinen.

Orlando Hoetzel, geboren 1971, Illustrator in Berlin, staunte, wie gut manche Fossilien aus der Zechstein­zeit erhalten sind.

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Als der Geologe Firouz Vladi, Jahrgang 1948, zum ersten Mal im Schlamm einer Gipskarsthöhle aus dem Zechstein robbte, schwor er sich: nie wieder. Daraus wurde nichts. Heute lebt er im Südharz und forscht zu den weißen Gesteinen.

Orlando Hoetzel, geboren 1971, Illustrator in Berlin, staunte, wie gut manche Fossilien aus der Zechstein­zeit erhalten sind.

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