Unsere Spezies besteht bekanntlich aus solchen und solchen, je nachdem, welche Kriterien man zugrunde legt. Unter den diversen Möglichkeiten, die Menschheit zu klassifizieren und sie hübsch übersichtlich in jeweils antagonistische Gruppen zu teilen, ist auch jene, bei der nach den Urlaubspräferenzen verfahren wird, vermutlich nicht die gebräuchlichste, aber sie hat ihren eigenen Reiz. Denn ebenso, wie es Männer und Frauen gibt, Paare und Singles, Gute und Böse, Arme und Reiche, Hunde- und Katzenliebhaber, Biertrinker und Weinfreunde, Rad- und Autofahrer, Veganer und Schnitzelesser, existieren auch zwei Arten von Urlaubern: Die einen lieben die Berge – die anderen das Meer.
Im Zeitalter des globalen Pauschaltourismus mit seinen schier unbegrenzten Ferienmöglichkeiten mag diese These in ihrer Pauschalität vielleicht auf den ersten Blick ein wenig verwegen anmuten. Und sicherlich verhält es sich mit den meisten Zeitgenossen so, dass sie sich diesbezüglich gar nicht auf eine bestimmte Vorliebe festlegen lassen würden und dies auch nicht müssen, zumal es auf diesem Planeten zum Glück Gegenden genug gibt, in denen die Natur beides zugleich bietet. Hinzukommt, dass es immer schon schwierig war, über Geschmäcker zu streiten, wie bereits die alten Römer wussten. Unmöglich ist es indes nicht, und wenn solch eine Kontroverse wie die um die richtige Urlaubsgegend dann erst einmal ausgebrochen ist, können die Wallungen umso heftiger ausfallen.
Wie in allen Bereichen des Daseins, wo Alternativen bis hin zum harten Kontrast gegensätzliche Urteile ermöglichen, trifft man nämlich auch hier bisweilen auf Protagonisten der einen wie der anderen Reiserichtung, die ihre Position mit wahrer Leidenschaft vertreten. Mag den einschlägigen Disputen auch vielleicht das allerletzte Quentchen Ernsthaftigkeit fehlen – wie ja überhaupt all den Versuchen, die Menschen in diese und jene Kategorien zweizuteilen, etwas eher Spielerisches anhaftet –, so bleibt doch erstaunlich, welch ein Konfliktpotenzial solche verbalen Kollisionen zwischen echten Bergfexen und Wasserfreunden bergen können. Da treffen Weltanschauungen im wahrsten Wortsinn aufeinander, und Welten scheinen sich aufzutun zwischen der einen und der anderen Sicht auf jene Regionen der Erde, wo angeblich die arbeitsfreie Zeit des Jahres am besten zugebracht und genossen wird.
Die Sache lässt sich, kurz gesagt, ohne Weiteres emotional aufladen. Und besonders leicht fällt dies dann, wenn das ins Spiel gebracht wird, was man den traditionellen innerdeutschen Nord-Süd-Konflikt nennen könnte. Oben an der Küste verhallt der Ruf der Berge bekanntlich oft nicht nur ungehört, sondern weckt regelrechte Animositäten. Bayern kontra Hanseaten, München versus Hamburg – aus dieser altbewährten Gegnerschaft, die nicht nur beim Fußball gilt, lässt sich mancherlei herleiten. Nordlichter und solche, die es nun mal notorisch zu ihnen an die Ufer der nördlichen Meere zieht, haben zwecks Begründung ihrer Vorliebe immer einmal wieder ein paar mit kleinen landsmannschaftlichen Giftspitzen gen Süden versehenen Pfeile im Köcher. Die Bergbewohner im Alpenraum samt deren touristischer Anhängerschaft sind ihnen suspekt, genau wie umgekehrt.
Der Mensch mit ausgeprägter maritimer Neigung schätzt allenfalls die Wellenberge und betrachtet alles als störend und hinderlich, was ihm den Blick aufs Weite, Offene verstellt – und wo wäre der Blick weiter, als wenn er auf die endlose Fläche des Wassers fällt, die nur vom Horizont begrenzt wird. Berge verstellen ihn nur, so wie, dem scherzhaften Schnack zufolge, speziell die Alpen die freie Sicht aufs Mittelmeer blockieren und von daher gesehen eigentlich ganz und gar entbehrlich sind. Für denjenigen, der sich oben vom Berg am Ausblick erfreut und davon schwärmt, wie schön es doch dort unten sein mag, hat der Freund der Meere nur den ironischen Rat übrig, dass er dann ja auch gleich unten im Tal bleiben könne. Und es gab sogar schon satirische Betrachtungen darüber, dass es für Völker und ihr inneres Befinden nicht unbedingt gut ist, wenn ihnen der freie Zugang zum Meer fehlt und sie von lauter Nachbarland umgeben sind. Der unvergessene Satiriker Matthias Beltz etwa mokierte sich einst diesbezüglich über die Hessen als „die Serben Deutschlands“, die aus besagten Gründen so seien, wie sie seien.
In der Tat und ganz im Ernst ist das Streben nach Häfen zum Ozean ja schon häufig genug Gegenstand von Machtpolitik bis hin zum Krieg gewesen, was ihre Wichtigkeit nachdrücklich vor Augen führt. Und damit verlassen wir nun endgültig die eher trivialen Gefilde des Geschmäcklerischen, in denen es um Entscheidungen zwischen Sylt und Garmisch, den Malediven und Berchtesgaden, der Côte d’Azur und Hinterzarten geht. Denn es zeigt sich alsbald, dass für die Untermauerung der maritimen Präferenz ein ganzes Arsenal an schwergewichtigen Argumenten zu Gebote steht. Sofern dem Meeresfreund an einem Ausufern derartiger Dispute gelegen ist, kann er auf einiges zurückgreifen respektive ziemlich tief in die Gründe von Raum und Zeit eintauchen. Mühelos lässt sich dabei die Evolutionsbiologie ebenso aufs Tapet bringen wie die Weltgeschichte.
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Mathias Zschaler, Jahrgang 1947, ist Autor in Berlin. Nach etlichen Jahren als Redakteur bei großen deutschen Tageszeitungen schreibt er heute überwiegend literarisch, aber auch weiterhin journalistisch, unter anderem für Spiegel Online.
| Vita | Mathias Zschaler, Jahrgang 1947, ist Autor in Berlin. Nach etlichen Jahren als Redakteur bei großen deutschen Tageszeitungen schreibt er heute überwiegend literarisch, aber auch weiterhin journalistisch, unter anderem für Spiegel Online. |
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| Person | Von Mathias Zschaler |
| Vita | Mathias Zschaler, Jahrgang 1947, ist Autor in Berlin. Nach etlichen Jahren als Redakteur bei großen deutschen Tageszeitungen schreibt er heute überwiegend literarisch, aber auch weiterhin journalistisch, unter anderem für Spiegel Online. |
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