Turm und Drang

Die Legende vom letzten Leuchtturmwärter ist nur eine Legende. Es gibt noch viele von ihnen. Und sie lieben ihren Beruf

Eugenio Linares
57 Jahre,
Leuchtturmwärter an der Punta Estaca de Bares,
Galicien


Meine Frau ertrug das Leuchtturmleben zwei Jahre lang, dann hat sie die Scheidung gefordert und ist nach Mallorca gegangen. Sie ertrug die Kälte nicht, den Wind nicht und nicht die Sturmfluten. Für mich ist es das ganze Leben. Es ist keine romantische Arbeit, du lebst zwischen Kabeln, Batterien, Lampen, Elektrizität, da ist nichts romantisch. Aber der Platz! Und der Stolz auf deine Arbeit: Du arbeitest nicht in einer Tabakfabrik, die den Menschen den Tod verkauft, sondern du hilfst bei der Navigation und trägst vielleicht indirekt dazu bei, Leben zu retten. Ich bin jetzt seit 28 Jahren Leuchtturmwärter, und ich bin allein hier oben. Der Leuchtturm ist schon sehr alt, 100 Jahre und älter. Er ist aus Stein und ohne Zement gebaut, und die Zwischenräume der einzelnen Blöcke sind mit Austernschalen gefüllt. Wenn ich vom Leuchtturm spreche, sage ich „mein Leuchtturm“, ich empfinde ihn als Teil von mir – dabei bin ich es, der Teil der Einrichtung des Leuchtturms geworden ist. Ich habe Stunden damit zugebracht, das Meer zu beobachten; es ist unglaublich, was es dich alles lehren kann. So kannst du an der Farbe des Schaumes und seiner Form an der Oberfläche erkennen, wie das Wetter wird.
Leuchtturmwärter zu werden war eine Entscheidung, die ich notgedrungen treffen musste. Ich studierte Ingenieurwesen, aber als ich heiratete und zwei Kinder kamen, musste ich mein Studium abbrechen und mir Arbeit suchen. So wurde ich Fischer. Immer wenn ich auf dem Meer war, betrachtete ich die Leuchttürme, sie zogen mich magisch an. Ich nahm an einem Auswahltest für Leuchtturmwärter teil und gewann. Jetzt denke ich, ich hätte mich schon viel früher bewerben sollen. Ich würde nie in ein anderes Leben zurückkehren.

Elena Aramendia
50 Jahre,
Leuchtturmwärterin von San Ciprián,
Galicien
Ich bin Madriderin, mir hat Trubel immer besser gefallen als Einsamkeit. Ich hatte einen Onkel, der Leuchtturmwärter aus Berufung war. Ihm gefiel Madrid nicht, er wollte sich aus der Welt zurückziehen. Zu jener Zeit habe ich weder studiert noch gearbeitet. Er sagte zu mir: „Warum wirst du nicht Leuchtturmwärterin?“ Ich war unentschlossen. Bis er hinzufügte: „Bedenke, dass es eine sehr harte Arbeit für eine Frau ist!“ Das überzeugte mich total. „Dir werde ich es zeigen, dass ich das kann“, dachte ich. Und so bin ich hier. Für alles Geld der Welt würde ich nicht nach Madrid zurückkehren. Ab und zu gehe ich dorthin, zu Festen, aber es gefällt mir nicht mehr.
Ich weiß nicht, wie viele Leuchtturmwärterinnen es in Spanien gibt, ich vermute, wenige. Diejenigen, die ich kenne, sind alle aus Madrid, das kommt mir merkwürdig vor. Vielleicht wollten sie flüchten. Die verbreitete Vorstellung unseres Lebens ist nach wie vor eine romantische. Vor einigen Jahren gab es eine Nescafé-Werbung mit einem Leuchtturmwärter mit Mütze, Bart und Pfeife Kaffee trinkend auf dem Turm. Das geht mir auf die Nerven. Wir sind nicht die von früher, die auf den Turm gestiegen sind, das Acetylen kontrolliert haben und die halbe Nacht dort oben verbracht haben! Ich schlafe nachts, und wenn der Leuchtturm sich ausschalten sollte, gibt er Alarm und man sieht sofort, was zu tun ist. Trotzdem wache ich oft in der Nacht auf und kontrolliere, ob er angeschaltet ist, denn ich denke immer daran, was mir einmal ein Seemann gesagt hat: „Es kann sein, dass wir einen ganzen Monat auf dem Meer sind, ohne Land zu sehen, dann kommst du zurück und siehst das Licht des Leuchtturms, das öffnet dir das Herz, auch wenn dein GPS dir schon bestätigt hat, wo du dich befindest.“

Mercedes Aranceta Martija
53 Jahre,
Leuchtturmwärterin am Cabo Prior,
Galicien


Ich bin jetzt seit 25 Jahren Leuchtturmwärterin, und ich kann mich nicht mehr erinnern, warum ich es geworden bin, so viel Zeit ist seit damals vergangen. Als ich mich dazu entschieden hatte, wusste ich nicht, was mich erwarten würde, wie ich auf ein Leben im Leuchtturm reagieren würde. Wir haben nie Psychotests oder so gemacht. Aber es gefällt mir. Ein früherer Wärter des Leuchtturms von der Punta Estaca de Bares hat sich mit Rattengift umgebracht. Vier Tage hat es gedauert, bis er starb. Er lebte im Häuschen des Leuchtturms mit seiner Frau und zehn Kindern. Es war offensichtlich, dass er den Job nicht mehr aushielt. Sagen wir mal so: Man muss schon Hippie sein, um diesen Job zu machen, und wir waren alle Hippies, lange bevor dieser Begriff überhaupt geprägt wurde. Und wer es nicht war, hatte große Schwierigkeiten im Leuchtturm.
Für Frauen ist die Arbeit doppelt hart. Wegen der Chauvis. Zum Beispiel kam mal ein Elektriker vorbei, der nur mit meinem Kollegen gesprochen hat, obwohl das meine Schicht und ich die diensthabende Wärterin war. „Hey“, sagte ich ihm, „heute bin ich die Leuchtturmwärterin.“ Anderes Beispiel: Bei meiner ersten Beförderung schickten sie mich zum Leuchtturm von Candás in Asturien. Dort gab es bereits einen alten Leuchtturmwärter, weil sie zu der Zeit beschlossen hatten, auf jedem Leuchtturm zwei Wärter zu beschäftigen. Er empfing mich mit den Worten: „Verdammt, jetzt bin ich 40 Jahre lang in Ferien gewesen, und nun schicken sie mir eine Nervensäge, noch dazu eine weibliche!“

Leuchtturm von La Jument
Île d’Ouessant, Bretagne
„Die Franzosen können ohne Brot leben, aber nicht ohne Worte“, schrieb jemand. Er kannte offenbar nicht die Leuchtturmwärter der Bretagne. Keiner dieser Eremiten, die jahrzehntelang Leben, Tod und Wunder dieser unwegsamen Küste gesehen haben, gefangen in ihren Leuchttürmen oben auf den Felsen, ist bereit, davon zu erzählen. Das Stillschweigen, auch nachdem sie in Pension gegangen sind, entspricht den Prinzipien eines Lebens in selbst gewählter Einsamkeit. Nehmen wir den Wärter von Vierge, einem Felsen, eineinhalb Kilometer vor der Nordküste der Bretagne. Als ich ihm die Nachricht, dass ich ihn treffen möchte, überbringen lasse, bellt er den Boten an: „Sag ihm, dass er sich von der Insel fernhalten soll!“ Lecocq, Leuchtturmwärter von Stiff, bürstet mich mit den Worten ab: „Ich bin seit zehn Jahren in Pension, gehen Sie zu meinem Kollegen vom Leuchtturm von Créac’h.“ Der wiederum meint zu mir: „Mir geht es nicht gut, ich will niemanden sehen.“ Schließlich versuche ich es beim ehemaligen Wärter von La Jument. Der Leuchtturm, der sich vor Ouessant aus dem Meer erhebt, ist auf dem berühmten Foto zu sehen, das Jean Guichard im Dezember 1989 geschossen hat. Es zeigt den Leuchtturmwärter Théodore Malgorne auf der Schwelle der Eingangstür, kurz bevor eine Riesenwelle sich hinter ihm bricht. Malgorne beschuldigte anschließend den Fotografen, ihn genötigt zu haben, sein Leben zu riskieren, weil der mit dem Hubschrauber um den Leuchtturm herumgeflogen war und ihn damit dazu gebracht habe, „hinauszugehen und nachzusehen, was zum Teufel dort los war“. Seine Antwort, als er erfahren hat, dass ein Kollege von Guichard ihn treffen möchte, sollten wir getrost vom ohrenbetäubenden Donnern der Brandung überdecken lassen.


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mare No. 88

No. 88Oktober / November 2011

Von Sergio Ramazzotti

Sergio Ramazzotti, Jahrgang 1964, ist ein italienischer Autor und Fotograf in Mailand. Für die Reportage ist er sieben Wochen durch Europa gereist und hat Charaktere vorgefunden, „die das Meer geschliffen hat“.

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Vita Sergio Ramazzotti, Jahrgang 1964, ist ein italienischer Autor und Fotograf in Mailand. Für die Reportage ist er sieben Wochen durch Europa gereist und hat Charaktere vorgefunden, „die das Meer geschliffen hat“.
Person Von Sergio Ramazzotti
Vita Sergio Ramazzotti, Jahrgang 1964, ist ein italienischer Autor und Fotograf in Mailand. Für die Reportage ist er sieben Wochen durch Europa gereist und hat Charaktere vorgefunden, „die das Meer geschliffen hat“.
Person Von Sergio Ramazzotti