Trumps Flucht nach Amerika

Im Jahr 1885 landet ein minderjähriger Pfälzer Friseurlehrling auf der Suche nach dem amerikanischen Glücksversprechen in New York. Er ist der Großvater des heutigen Präsidenten der USA

Alles verzögerte sich, und sie mussten noch warten. Der Kapitän der SS „Eider“ ließ am ­17. Oktober 1885, wahrscheinlich bei Sandy Hook, in der Bucht noch vor der Einfahrt in den Hafen, ein Telegramm an den Norddeutschen Lloyd in Bremen ­schicken: „1 Uhr nachmittags wohlbehalten in Newyork angekommen.“ Unten im Zwischendeck war es heiß, es roch nach den Ausdünstungen der über 500 Menschen, die hier zusammen­gepfercht waren. Man hatte zwar zum Luftschnappen auf das Teakholzdeck gehen dürfen, aber es gab keine Duschen und, so schreibt es ein Reisender, das „Gekotz“ der Seekranken war groß. Geschlafen ­hatten sie auf dünnen Matratzen und ab-getrennten Metallpritschen, 43 mal 174 Zentimeter, das wenige Hand­gepäck immer im Blick.

Zuerst durften die knapp 200 Passagiere der ersten und zweiten Klasse von Bord. Mit kleineren Barkassen wurden sie an Land gebracht. Dann wurden die Zwischendeckpassagiere gerufen. Nun dürfte auch ein schmächtiger, junger Friseur­lehrling aus dem Winzerdorf Kallstadt, im heutigen Rheinland-Pfalz, an die Reling gekommen sein. 

Friedrich Trump hatte früh seinen Vater verloren, was die Winzerfamilie nach ­Missernten zusätzlich in wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht hatte. Für die harte Arbeit in den Weinbergen schien er nicht geschaffen. Doch hatte er auch nach seiner Lehrzeit „keine lohnende Beschäftigung in Kallstadt“ gefunden. Es war die „Hoffnung, mir rascher eine sichere Exis­tenz zu gründen“, die ihn veranlasst hatte, seine „alte Heimat zu verlassen“. So zumindest beschreibt er es selbst in der erhaltenen „Trump-Akte“ im Landes­archiv Speyer.

An der Reling der „Eider“ lehnend, hätte er in einiger Entfernung einen mehrere Meter hohen, im Bau befindlichen Sockel auf Bedloe’s Island erkennen können. Exakt vier Monate vor Trumps Ankunft hatte die Fregatte „Isère“ dort ein Geschenk Frankreichs angelandet (mare No. 1), in mehr als 200 Kisten mit Kupferblechen: die Freiheitsstatue. Für Trump, wie für viele Immigranten, enthielten die in Kisten verpackte „Lady Liberty“ und die jungen USA ein Versprechen: Freiheit und Wohlstand.

Die Neuankömmlinge wurden schließlich nach Castle Garden gebracht. Die ehemalige Festung an der Südspitze Manhattans, 1811 gebaut, fungierte als „State Emigrant Landing Depot“. Der Hauptbau war eine riesige überdachte Rotunde, in die die Reisenden geschleust wurden. Dort wurden sie in zwei Warteschlangen aufgeteilt: in die, die Englisch verstanden, und die, die der Sprache noch nicht mächtig waren. Die größte Sprachgruppe von den gut acht Millionen Menschen, die zwischen 1855 und 1890 hier abgefertigt wurden, waren Deutschsprachige, danach kamen Iren, Engländer, Schweden, Italiener, Russen, Norweger und Franzosen.

Das Stimmengewirr von Tausenden Menschen, die ängstlich darauf warteten, eingelassen zu werden und ein neues Leben zu beginnen, sei so laut gewesen, schrieb ein Skandinavier seinen Verwandten, dass „man dem anderen ins Ohr schreien musste, um gehört zu werden“. Mitten in diesem Chaos stand der minderjährige unbegleitete Armutsflüchtling Trump. Ordentlich, aber wohl undeutlich oder schüchtern gab er dem Beamten seine Daten an. Der Mann notierte: „Friedr Trumpf, 16, kein Beruf, Deutschland, Zwischendeck, Kallstadt“.

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mare No. 175

mare No. 175April / Mai

Von Stephan Kroener

Stephan Kroener, Jahrgang 1984, geboren in Freiburg im Breisgau, ist freier Journalist und Historiker mit Schwerpunkt Lateinamerika. In seiner Zweit­heimat Kolumbien begleitete er vor einigen Jahren Migranten auf ihrem Weg in das Amerika Trumps. Die Parallelen zum pfälzischen Großvater des US-Präsidenten waren dabei offensichtlich, weshalb er sich für mare zusammen mit einem guten Dutzend Archivaren auf Spurensuche begab.

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Vita Stephan Kroener, Jahrgang 1984, geboren in Freiburg im Breisgau, ist freier Journalist und Historiker mit Schwerpunkt Lateinamerika. In seiner Zweit­heimat Kolumbien begleitete er vor einigen Jahren Migranten auf ihrem Weg in das Amerika Trumps. Die Parallelen zum pfälzischen Großvater des US-Präsidenten waren dabei offensichtlich, weshalb er sich für mare zusammen mit einem guten Dutzend Archivaren auf Spurensuche begab.
Person Von Stephan Kroener
Vita Stephan Kroener, Jahrgang 1984, geboren in Freiburg im Breisgau, ist freier Journalist und Historiker mit Schwerpunkt Lateinamerika. In seiner Zweit­heimat Kolumbien begleitete er vor einigen Jahren Migranten auf ihrem Weg in das Amerika Trumps. Die Parallelen zum pfälzischen Großvater des US-Präsidenten waren dabei offensichtlich, weshalb er sich für mare zusammen mit einem guten Dutzend Archivaren auf Spurensuche begab.
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