Tiefes Land

Wild und unzugänglich und von fremder Schönheit sind die flachen, sumpfigen Marschen der Camargue. Mensch und Tier scheinen hier immer mit einem Fuß im Wasser

Der Gitarrist warf den Kopf in den Nacken, hielt die Gitarre senkrecht und schlug in schneller Folge mit vier Fingern über die Saiten, das berühmte rasgueado des Flamenco. Sofort war es still im Raum. Mit heiserer Stimme sprach er zu der dunkelhaarigen jungen Frau zu seiner Rechten. Sie senkte den Kopf zur Seite und lächelte kaum merklich, dann schlug sie ihre Hände wie Kastagnetten über dem Kopf, und die Gäste in dem abgedunkelten Restaurant schlossen sich ihr an. Zwei weitere Männer nahmen Gitarren in die Hand, ein Gast stand auf und begann zu singen, und fast alle im Restaurant schlossen sich dem Chor von „Caminando por la calle“ an, dem berühmten Lied der Gipsy Kings.

Am Ende nahm einer der Gitarristen ein gerahmtes Foto von der Wand und küsste es. Es waren zwei Männer darauf, Manitas de Plata, „Silberhändchen“, und Nicolas Reyes, Kopf und Herz der Gipsy Kings, die zu Popstars gewordene gitanes-Combo, die Anfang der 1980er-Jahre hier in Saintes-Maries-de-la-Mer ihre ersten Auftritte hatte.

Es ist ihre Musik, die der Roma, der Kalé, der Manouches, der Jenischen, der Sinti. Und es ist die Musik der Camargue, wild und fremd wie die Landschaft. Das Delta der Rhône ist ein topfebener Flickenteppich aus Sumpf und Schwemmland, Feuchtwiesen, Reisfeldern, Kanälen, Salzseen und Steppen, von Meer und Fluss und Wind ständig verwandelt, unzugänglich, verwirrend und schroff, das Gegenteil der nahen Provence. Ein Dreieck aus kaum zersiedelter Natur, von Mistral und Sonne eher geplagt als gesegnet, nicht größer als Rügen, je nach Definition etwas mehr oder weniger, und Heimstatt für Tausende anmutige Flamingos, wilde Stiere und drahtige weiße Pferde. Und für nur wenige Menschen. Sieht man von den Städten der Camargue ab – sie liegen mit Ausnahme von Saintes-Maries-de-la-Mer und Salin-de-Giraud alle am Rand des Deltas –, sind es kaum mehr als 10 000, eine der am dünnsten besiedelten Gegenden Europas. Sie leben von Tourismus, aber in der Hauptsache von Landwirtschaft, von Stier- und Pferdezucht, von Reis und Reisig, Salz, Kartoffeln.

Von März bis Oktober ist es warm in der Camargue, von Juni bis September heiß. Jetzt, im Frühjahr, sind die Moskitoschwärme im Reet der étangs noch nicht in der Luft, die Touristenschwärme noch nicht angekommen.

Eine gute Zeit, die Meeresfrüchte oder Schmorgerichte der Camargue in den Restaurants zu probieren. Die daube des gardians, eine Art Gulasch vom Stier in kräftigem heimischem Rotwein mit dem roten Reis der Camargue, kam an diesem Abend in Saintes-Maries erst spät. Die Kellnerin hatte immer wieder Freunde zu begrüßen und tanzte zwischen den Tischen ihre Flamencos. Lange nach Mitternacht spielten ein halbes Dutzend Gitarristen und sangen Sänger in der Sprache, die sie le Gitane nennen, ein Amalgam aus katalanischem Spanisch, französischem Patois und Romani, der alten Sprache der Roma. Solche soirées gitanes werden in der Nebensaison zu wunderbaren Weltfluchten.

Die gitanes sind eine Minderheit in der Camargue. Aber sie prägen das Land und geben ihm einen besonderen ethnischen Reiz. Sie ließen sich nach ihrer Vertreibung durch Franco während des Spanischen Bürgerkriegs hier nieder; in der Ödnis blieb der Widerstand der Franzosen gering. Längst haben sie ihr Nomadendasein aufgegeben, leben verstreut in ihren oft einfachen, einsamen Gehöften, den mas, oder an den Rändern der Deltastädte.

Die allgegenwärtige Präsenz ihrer Kultur verleiht der Camargue sogar einen touristischen Superlativ. Alljährlich kommen am 24. Mai weit mehr als 10 000 Mitglieder von gitanes-Familien aus aller Welt nach Saintes-Maries, um zwei Tage lang ihre Schutzpatronin Sarah zu verehren. Sie kommen mit Wohnwagen und Pick-ups, mit Rolls-Royces und Privatjets und mit Pferdefuhrwerken. 

Traditionell und modern gekleidet und begleitet von einem Cordon von gardians, den traditionellen camarguischen Rinderhirten zu Pferde, tragen sie eine Statue der heiligen Sarah aus der Kirche durch die Straßen bis an den Strand, wo sie unter Segnungen auf ein Boot verladen wird.

Während der turbulenten Tage erfüllt Musik die Straßen, die Kirche ist für Hochzeiten und Taufen von früh bis spät im Akkord gebucht, Clans versammeln sich in Restaurants und auf Plätzen, Ikonenverkäufer und Wahrsager buhlen um Kunden, die manadiers, Rinder- und Pferdezüchter, zeigen die besten Tiere und brennen ihnen das Zeichen ihres Gestüts ins Fell. Sie feiern ihre raue Freiheit. Auch wenn das Fest manchmal als Touristentheater verunglimpft wird: Wer zu dieser Zeit in der Camargue ist, sollte ihr Fest nicht versäumen.

Ruhiger geht es an den langen Stränden der Camargue zu. Um zu ihnen zu gelangen, muss man über einsame Sandpisten fahren, die bis ans Ende der Welt führen, nach Beauduc etwa, eine Ansammlung von Hütten und Schafen unter Pinien am Étang du Galabert, aber vielmehr noch eine Lebensweise, die sich in vier Worten zusammenfassen lässt: Aperitif, Dösen, Angeln, Muschelnsammeln. Ein Leben in Frieden und Liebe in Harmonie mit der Natur.

Die Strände sind nicht die Côte d’Azur, ihr Glamour ist auf ein Minimum beschränkt. Ein Jetsetter auf der Promenade von Saintes-Maries oder Grau-du-Roi erregt mehr Aufmerksamkeit als ein Cowboy, der auf seinem Camargue-Pferd durch die Gassen trabt, um ein Baguette oder eine Flasche Wein zu kaufen. Die Atmosphäre ist leger, Jeans und Reitstiefel sind so beliebt wie Bikinis, Hotelübernachtungen und Restaurantbesuche sind für südfranzösische Verhältnisse günstig zu haben.

Die Camargue wurde seit den 1920er-Jahren von Paris und den regionalen Regierungen nach und nach unter Schutz gestellt. Sie hat heute einen Ruf als Forschungs- und Bildungszentrum. Es gibt mehrere Umweltzentren, von denen einige für die Öffentlichkeit zugänglich sind, den wundervollen Ornithologischen Park am Pont de Gau, und Luc Hoffmann, Zoologe und Enkel des Schweizer Pharmazeuten Fritz Hoffmann-La Roche, baute Mitte der 1950er bei Arles die internationale Forschungsstation La Tour du Valat auf.

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No. 139

mare No. 139April / Mai 2020

Von Karl Spurzem und Paolo Verzone

Karl Spurzem, mare-Redakteur und Jahrgang 1959, kennt die Camargue seit Schüleraustauschtagen. Einmal und nie wieder war er im Hochsommer dort. Zu viele Mücken.

Paolo Verzone, geboren 1967 in Turin, lebt in Barcelona. „Die Camargue war für mich wie eine Reise in meine Kindheit, wie ein Aufenthalt in einem Raum, in dem alles Licht und Farbe als ein magisches Diorama projiziert wird.“ Verzone wird von VU vertreten.

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Vita Karl Spurzem, mare-Redakteur und Jahrgang 1959, kennt die Camargue seit Schüleraustauschtagen. Einmal und nie wieder war er im Hochsommer dort. Zu viele Mücken.

Paolo Verzone, geboren 1967 in Turin, lebt in Barcelona. „Die Camargue war für mich wie eine Reise in meine Kindheit, wie ein Aufenthalt in einem Raum, in dem alles Licht und Farbe als ein magisches Diorama projiziert wird.“ Verzone wird von VU vertreten.
Person Von Karl Spurzem und Paolo Verzone
Vita Karl Spurzem, mare-Redakteur und Jahrgang 1959, kennt die Camargue seit Schüleraustauschtagen. Einmal und nie wieder war er im Hochsommer dort. Zu viele Mücken.

Paolo Verzone, geboren 1967 in Turin, lebt in Barcelona. „Die Camargue war für mich wie eine Reise in meine Kindheit, wie ein Aufenthalt in einem Raum, in dem alles Licht und Farbe als ein magisches Diorama projiziert wird.“ Verzone wird von VU vertreten.
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