Steuermann der Allmacht

Kapitän Georgi Grigorjew befehligte das geheimste Schiff der Sowjetmarine – eine schwimmende Satellitenschüssel

Georgi Fjodorowitsch Grigorjew steht auf dem Balkon seiner Berliner Wohnung und schaut streng. So mag er vor Zeiten gestanden haben, im Kommandostand seiner Schiffsbrücke – damals, als er noch Kapitän war. Nicht irgendein Kapitän: Georgi Grigorjew war Befehlshaber eines der geheimsten Schiffe seines untergegangenen Reiches. So geheimnisvoll wie die Atom- U-Boote der Sowjetunion, die legendären Polartaucher. Sein Schiff war die „Kosmonaut Juri Gagarin“, und es eroberte die eisigen Tiefen des Universums.

Es war ein ganz besonderes Raum-Schiff: eine schwimmende Leitzentrale, die vom Nordatlantik aus die Satelliten und Raumstationen der UdSSR steuerte – denn von dort ließen sich die im Orbit kreisenden künstlichen Himmelskörper am besten kontrollieren.

Vier gewaltige Satellitenschüsseln, bis zu 25 Meter groß, beherrschten das Oberdeck der schwimmenden Erdstation. Ein ausgeklügeltes Hydrauliksystem sorgte dafür, dass das Schiff trotz Schwenkung der riesigen Satellitenschüsseln in stabiler Lage blieb. Selbst Kontakte zu den Richtung Mars oder Venus düsenden Sonden waren so möglich. Im Notfall hätte die „Juri Gagarin“ sogar die Moskauer Flugleitzentrale ersetzen können.

Bis zu zwei Monaten war sie ununterbrochen unterwegs, nicht weit von der kanadischen Ostküste, doch stets in internationalen Hoheitsgewässern. Lief sie einen Hafen an, dann nur, um Treibstoff und Lebensmittel zu bunkern.

Ein eigener Kosmos für den Kosmos: 232 Meter lang, 32 Meter breit und mit einer Wasserverdrängung von 45000 Tonnen. Offiziell ein Forschungsschiff, gebaut 1970, 500 Millionen Dollar teuer. An Bord Schwimmbecken, ein Kinosaal, Musiksalons. „Ich hatte sogar meine eigene Sauna“, erzählt Kapitän Grigorjew. Rund 360 Menschen gehörten zur ständigen Besatzung, darunter 50 Frauen. „Sie versüßten uns das lange Leben auf See“, schwärmt der Kapitän und greift zum nächsten Stück Kuchen, das Eigengebäck seiner Frau Swetlana. Auch sie war stets dabei, als Bibliothekarin Hüterin Tausender Bücher.

Im Januar 1980 hatte der damals 45-jährige Grigorjew das Kommando übernommen, er führte es 13 Jahre lang. Allerdings nur auf nautischer Ebene. Offiziell gehörte das Schiff der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, der heiße Draht ins Weltall war Sache der Wissenschaftler an Bord. „Aber auch die“, sagt Grigorjew, „unterstanden dem obersten Dienstherrn des Schiffes, dem Verteidigungsministerium.“ Damit das auch niemand vergaß, gehörte zur ständigen Führungsebene ein KGB-Mann.

Ob der lediglich der inneren Sicherheit diente, weiß Grigorjew nicht. Aber er hat so seine Zweifel. Immerhin befand sich die „Juri Gagarin“ in strategisch günstigen Gewässern, knapp vor der Haustür des Klassenfeindes. Auch den Amerikanern war der nahe Gegner nicht geheuer. „Manchmal“, erinnert sich Grigorjew, „kamen Militärjets, kreisten über uns und verschwanden wieder.“ Oft, weiß er noch, flogen sie sehr tief. „Kein schönes Gefühl.“

Die Flugzeuge bedrohten das Schiff zwar nie, störten aber die Arbeit. Fühlte sich die Mannschaft zu arg belästigt, richtete sie die Antennen schon einmal auf die Jets. Grigorjew: „Das jagte ihnen Angst ein.“ Manchmal auch tauchten plötzlich westliche Kriegsschiffe auf und beobachteten die „Juri Gagarin“. Dann schickte Georgi Grigorjew einen Funkspruch nach Moskau.

Die Nervosität der Gegenseite scheint nicht unberechtigt. Zumindest die Raumstation „Mir“ war in der Lage, Bewegungen der Nato zu beobachten und weiterzugeben. Aber fand der große Lauschangriff seinerzeit wirklich statt? Langsam stellt Kapitän Grigorjew die Kaffeetasse ab. „Das“, sagt er leise, „gehörte zu den überflüssigen Fragen. Die Kommunikation mit dem All war nicht mein Bereich.“


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mare No. 42

No. 42Februar / März 2004

Von Roland Brockmann

Roland Brockmann, 41, traf Grigorjew in Berlin. Von der ruhmreichen Zeit blieben dem Kapitän nicht mehr als ein paar Orden und ein Fotoalbum, aus dessen Inhalt mare die Bilder zu diesem Beitrag entnahm.

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Vita Roland Brockmann, 41, traf Grigorjew in Berlin. Von der ruhmreichen Zeit blieben dem Kapitän nicht mehr als ein paar Orden und ein Fotoalbum, aus dessen Inhalt mare die Bilder zu diesem Beitrag entnahm.
Person Von Roland Brockmann
Vita Roland Brockmann, 41, traf Grigorjew in Berlin. Von der ruhmreichen Zeit blieben dem Kapitän nicht mehr als ein paar Orden und ein Fotoalbum, aus dessen Inhalt mare die Bilder zu diesem Beitrag entnahm.
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