Seepferdchen, Hü!

Das Gasthaus „Sea Horse“ in Helsinki ist ein Ausbund an Authen­tizität und charmantem Eigensinn – ganz wie die Finnen selbst

Eine Gaststätte mit Geschichte braucht ein Geheimnis. Im „Sea Horse“ im finnischen Helsinki ist es das Gemälde: Wie kamen die beiden Seepferdchen an die Wand? Eine Theorie besagt, Kunststudenten seien in den 1940er-Jahren in das Restaurant eingebrochen und hätten das Wandbild über Nacht gemalt. Einem anderen Gerücht zufolge hat ein verarmter Künstler seine Restaurantrechnung mit dem Bild bezahlt. 

„Beides falsch“, sagt Lamppu Laamanen, lächelt wissend und nimmt unter einem der Seepferdchenköpfe erst einmal einen Schluck frisch gezapftes finnisches Lager. Dann fängt er an zu erzählen. Aber nicht die Geschichte vom Wandbild, sondern wie alles begann: Das „Sea Horse“ eröffnete 1934, als an den Häuserfassaden in der Straße noch weiße und rote Fahnen wehten. Rot für die Kommunisten, Weiß für den Westen. Ein anderes Zeitalter. Nicht, dass der 63-Jährige damals dabei gewesen wäre. Aber Lamppu, Nachbar und selbst Künstler, hat recherchiert, mit Zeitzeugen gesprochen, über die Anfänge als einfaches Nachbarschaftslokal, bald gekapert von Matrosen und Hafenarbeitern, wo mehr getrunken und geraucht als gegessen wurde. 

Dann kamen Künstler und Intellektuelle als Gäste. „Die Linken saßen immer im hinteren Teil des Restaurants“, so Lamppu. „Schriftsteller Arto Paasilinna etwa saß in der Nähe der Tür. Und als der linke Dichter Pentti Saaritsa hereinkam, rief er: ‚Hallo, Kommunisten, kommt an meinen Tisch! Ich zahle!‘“ 

1965 brachte Saaritsa den späteren  Nobelpreisträger Pablo Neruda ins „Sea Horse“, und auch da wurde laut Saaritsa mehr getrunken als gespeist. Manche behaupten, Miles Davis, Naomi Campbell oder Jean-Paul Sartre im „Sea Horse“ gesehen zu haben. Fest steht laut Lamppu, dass Jazztrompeter Dizzy Gillespie die gebratenen Heringe mit Kartoffelbrei und Rote Bete (Rezept unten) liebte. Und so etwas kann man sich einfach nicht ausdenken. 

Heutzutage kostet der Mittagstisch elf bis 15 Euro. Moderat für Helsinki. Das Menü gleicht dem von früher: Hausmannskost, aber immer frisch. Die Baltischen Heringe kommen direkt aus der Ostsee. Man isst sie ohne Kopf, aber mit Haut und Gräten – wenn es denn welche gibt. „Bieten die Großhändler wegen der Fangquoten gerade keine an, nehmen wir sie von der Karte, Tiefkühlkost wollen wir nicht“, erklärt Sanna Oinonen, seit 2005 „Sea Horse“-Geschäftsführerin. „Manchmal bekommen unsere Köche einfach keine, weil die finnischen Pelzfarmen einen besseren Preis bezahlen.“ Heringe als Futter für Füchse und Nerze? „Verrückt, aber wahr“, sagt Sanna. „Sie sind angeblich gut fürs Fell, bringen es zum Glänzen.“ 

Zurück zur Geschichte der Gaststätte. Leider ist Marco Morelli gerade im Urlaub. Der 64-Jährige arbeitete schon bei den Vorbesitzern als Türsteher im „Sea Horse“. „Genauer, bis zu deren letztem Tag“, erzählt Lamppu Laamanen. „Eines Abends 1999 standen vier Herren vorm Restaurant. Marco meinte: ‚Ihr könnt nicht rein, wir machen gerade zu.‘ Die Männer antworteten: ‚Genau, denn wir schließen den Laden jetzt.‘“ Die Besucher kamen vom Amt, denn die damaligen Besitzer waren pleite – und wohl auch keine geborenen Gastgeber. Besonders einer der beiden war angeblich selbst sein liebster Gast. „Gefiel dem ein Lied nicht, das gerade in der Jukebox lief“, so Lamppu Laamanen, „zog der schon mal den Stecker.“ Anekdoten. Einmal habe Türsteher Marco angetrunkene Gäste abgewiesen. Die aber konterten: „Du bist doch selbst betrunken.“ „Stimmt“, habe der Türsteher geantwortet, „ich komme auch nicht rein.“

Alte Zeiten. Noch immer kommen Nachbarn zum Essen, inzwischen haben aber auch japanische Touristen das Lokal für sich entdeckt. Die aktuellen Besitzer Petri Laitinen und Ari Väresmaa ließen sieben Lagen Bodenbelag entfernen, Waschräume und Küche renovieren. Das neue Gestühl wurde vom Designer Jarmo Suominen nach alten Fotos entworfen. Wirklich original ist nur noch der Tresen. Und natürlich das Wandbild. Also, Lamppu: Wie war das jetzt mit den Seepferdchen an der Wand? 

„Es wurde wirklich von zwei Studenten gemalt“, klärt er am Ende auf, „in drei Nächten des Jahres 1970, beauftragt von ihrem Professor an der Akademie.“ Hm, wenig spektakulär. Aber dann hat Lamppu doch noch ein Highlight parat: „2004 tauchte das Wandbild plötzlich als Teil eines Bühnenbilds im Deutschen Theater in Berlin auf – in einer Adaption von ,Wolken ziehen vorüber‘.“ Ein Film, wie könnte es anders sein, von Aki Kaurismäki. 


Gebratene Heringe
 
Zutaten (für vier Personen)
16 Baltische Heringe, ausgenommen, ohne Kopf. 300 g Roggenmehl, 4 EL Salz, 1/2 EL Pfeffer, 600 g Kartoffelbrei, 400 g Rote Bete, Butter.

Zubereitung 
Mehl, Salz und Pfeffer in einer Schüssel vermengen, darin die Heringe wenden. Die Fische in einer Pfanne mit Butter braun braten. Anrichten mit Kartoffelbrei und Scheiben von Roter Bete.

Sea Horse
Kapteeninkatu 11, Ullanlinna, Helsinki, 
Telefon +358 9 628 169,
www.seahorse.fi, geöffnet Mo bis Fr 10.30 bis 23 Uhr, Sa und So 13 bis 23 Uhr.

mare No. 149

mare No. 149Dezember / Januar

Von Roland Brockmann

Roland Brockmann, Jahrgang 1961, lebt in Berlin als freier Journalist.

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Vita Roland Brockmann, Jahrgang 1961, lebt in Berlin als freier Journalist.
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Vita Roland Brockmann, Jahrgang 1961, lebt in Berlin als freier Journalist.
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