Schule fürs Leben

In Hamburg-Wilhelmsburg, abseits gelegen im Hafen, wirken die Sozialarbeiter von „Gangway“. Ihre „nautische Pädagogik“ hilft jugendlichen Intensivtätern zurück in ein gewaltfreies Leben

Als Emran nicht aufhörte zu kiffen, als er wieder prügelte und klaute, da haben sie ihn aufs Wasser geschickt. Auf einem Ponton im Hamburger Hafen soll er seine Wut besiegen. Denn so wie bisher konnte es nicht weitergehen. Er ist in Wohnungen eingebrochen, hat eine alte Dame ausgeraubt und Lehrer angegriffen. Reden, ruhighalten, an sich arbeiten, das wollte er nicht. Seine Mutter habe ihn seit Jahren kaum nüchtern erlebt, erzählt er. Vor vier Wochen setzte ein Sozialarbeiter ihn ins Auto und fuhr mit ihm mitten in den Hafen.

Am Rand von Hamburg-Wilhelmsburg, abgeschnitten vom Rest der Stadt, wohnen sechs Jungs zwischen 16 und 18 im Jugendhilfezentrum „Gangway“. Sie gelten als schwere Fälle, wurden von Lehrern und Eltern aufgegeben, weil sie sich nicht an Regeln halten. Das soll sich hier ändern. Kein Kiosk, kein Bahnhof, kein Schulhof. Nichts erinnert die Bewohner hier am Wasser an ihre alten Geschichten, die oft von Drogen und Gewalt handeln.

 

 

Emran Pini, ein schmächtiger 17-Jähriger mit Brille und schelmischem Grinsen, sitzt auf einem alten Ledersofa neben dem mannshohen Fenster. Sein Zimmer auf dem Ponton misst etwa drei mal vier Meter und ist schon fertig eingerichtet. Vom Heizungsrohr baumelt eine Lichterkette, an der Wand hängen nackte Frauenhintern. Eine Stereoanlage, ein fast leeres Regal, viel voller wird es nicht werden.

Vor dem Fenster fließt der Reiherstieg, ein Nebenarm der Elbe, am anderen Ufer sind wild bewachsene Böschungen, Lager und Ölfässer zu sehen. Fährt ein Schiff vorbei, hebt und senkt sich das Zimmer kaum merklich. „Wasser beruhigt mich“, sagt Emran und streckt sein Kinn empor, als wollte er sich verteidigen. „Seit ich hier bin, bin ich nicht mehr ausgetickt.“

Warum sich das früher nicht vermeiden ließ, weiß Emran nicht genau. Er glaubt, dass es anfing, als sein Vater starb, das ist aber schon viele Jahre her. Seit der Grundschule hat er Mitschüler verprügelt. „Die haben mich ,vaterloses Kind‘ genannt, das hat mich fertiggemacht.“ Die Typen, mit denen er dann mitgelaufen ist, haben ihm gezeigt, wie man in Wohnungen einsteigt und wo man hinterher die Fernseher verkauft. „Und ich wusste: Wer nein sagt, ist ein Loser.“

Die anderen fünf kommen ins Zimmer, sie sind neugierig. Jetzt, am Nachmittag, müssten sie eigentlich den Dienstplan abarbeiten: aufräumen, ausfegen, Klos putzen. Sie wollen aber lieber den Neuen besuchen. Emran wird nervös, springt auf sein Bett, wirft sich auf eine imaginäre Frau und ruckelt mit dem Becken gegen die Matratze. Die anderen lachen. Emran erzählt, wie er auf der Schultoilette mit einem Mädchen erwischt wurde. Ob er sie gezwungen hat, ob sie freiwillig da war, ob die Geschichte überhaupt stimmt, das ist alles nicht ganz klar. Aber den Jungs gefällt es. Sie lassen Emran wieder allein, und man sieht, wie eine Spannung von ihm weicht. Letzte Woche haben sie beim Besuch an die Wand gerotzt. Es hat Stress gegeben, beinahe wäre etwas passiert.

Gewalt ist bei „Gangway“ strikt verboten, ebenso wie Alkohol und Drogen. Seit 1992 ist der Verein oft letzte Hoffnung für jene, die auf der regulären Schule scheitern, die prügeln und stehlen, die es zu Hause nicht mehr aushalten. Das Jugendamt schickt sie hierher, wo die Klassen klein, die Stundenpläne flexibel und die Betreuer geduldig sind. Neben Familienhilfe und Stadtteilprojekten bietet der Verein rund 50 Schülern Unterricht an, den besonders harten Fällen gibt er auch ein Zuhause in den drei flachen, grün gestrichenen Baracken, die sich auf den Pontons aneinanderreihen.

Wohnräume, Klassenzimmer, Gemeinschaftsräume, eine Küche und eine Werkstatt bilden eine Oase in dieser Industrielandschaft. Anstelle von Nachbarn gibt es hier Speditionen, Großhändler und eine Sondermülldeponie. Lastwagen donnern über eine Brücke, dahinter ragt die Baustelle der Elbphilharmonie in den Himmel, des großen Hamburger Prestigeprojekts. Doch auf den Pontons ist es ruhig, fast idyllisch, ab und zu kommen kleine Frachtschiffe oder Ruderboote vorbei. Von den nahen Hochhaussiedlungen und sozialen Brennpunkten ist nichts zu sehen.

Die Elbinsel Wilhelmsburg, der größte Stadtteil Hamburgs, ist auf der Nahverkehrskarte bloß als schmaler Streifen dargestellt. Viele Hamburger haben sie noch nie betreten. Es gibt hier nur zwei S-Bahn-Stationen, das Viertel ist zerschnitten von Autobahn und Schienentrassen. Neben Plattenbauten und betoniertem Elend gibt es durchaus viel Grün, doch Marschwiesen, Naturschutzgebiete und Blumenplantagen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass den Wilhelmsburger Jugendlichen ein Kino, ein Theater, eine Diskothek fehlen. Die Arbeitslosenquote ist fast doppelt so hoch wie der Hamburger Durchschnitt, jedes zweite Kind lebt in Armut. Es ist kein Zufall, dass der Verein „Gangway“ gerade in diesem Viertel aktiv ist. Fast alle Jungs, die in den Baracken wohnen, sind in kaputten Familien groß geworden. Jeder einzelne hat Probleme, im Alltag zurechtzukommen.


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mare No. 87

No. 87August / September 2011

Von Jochen Pioch und Jan Windszus

Jochen Pioch, Jahrgang 1984, besucht die HenriNannen-Journalistenschule in Hamburg. Er wuchs im Norden der Stadt auf und hatte Wilhelmsburg bis zu den Recherchen einmal als Kind bei einer Klassenfahrt gesehen.

Jan Windszus, geboren 1976, Fotograf aus Berlin, durfte in der „Undine“ übernachten. In der Nacht gab es seltsame Geräusche. Er erschrak, dann war klar: Die Jungs hatten ihm einen Streich gespielt.

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Vita Jochen Pioch, Jahrgang 1984, besucht die HenriNannen-Journalistenschule in Hamburg. Er wuchs im Norden der Stadt auf und hatte Wilhelmsburg bis zu den Recherchen einmal als Kind bei einer Klassenfahrt gesehen.

Jan Windszus, geboren 1976, Fotograf aus Berlin, durfte in der „Undine“ übernachten. In der Nacht gab es seltsame Geräusche. Er erschrak, dann war klar: Die Jungs hatten ihm einen Streich gespielt.
Person Von Jochen Pioch und Jan Windszus
Vita Jochen Pioch, Jahrgang 1984, besucht die HenriNannen-Journalistenschule in Hamburg. Er wuchs im Norden der Stadt auf und hatte Wilhelmsburg bis zu den Recherchen einmal als Kind bei einer Klassenfahrt gesehen.

Jan Windszus, geboren 1976, Fotograf aus Berlin, durfte in der „Undine“ übernachten. In der Nacht gab es seltsame Geräusche. Er erschrak, dann war klar: Die Jungs hatten ihm einen Streich gespielt.
Person Von Jochen Pioch und Jan Windszus