Sagenhaftes Land

Eine Reise quer durch Schottland von Küste zu Küste auf dem Caledo­nian Canal eröffnet Blicke nicht nur in überwältigende Natur­, sondern auch in die Tiefen von Schottlands Seele

Hinter der Seeschleuse herrscht eine Stille wie in einem Klostergarten. Ein Schwarm Enten fliegt auf. Kleine Wellen verzerren die Spiegelbilder, die gusseiserne Poller, schon lange nicht mehr benutzte, gleichwohl akribisch instand gehaltene Kräne und ein schiefergedecktes Schleusenwärterhaus auf das Wasser werfen. Ein Zug rumpelt im Schritttempo über eine alte Drehbrücke.

Ein Schiff legt ab. Windschnittige Aufbauten, dunkel getönte Fenster, ein halbes Dutzend Antennen auf dem Steuerhaus. Es sieht aus, als gehöre es einem russischen Oligarchen. Die „Lord of the Glens“, eine luxuriöse Motoryacht, kreuzt regelmäßig von der Nordsee im Osten bis zu den Fjorden des schottischen Westens durch den Caledonian Canal. Zwei Tage dauert die Reise. Das mauritiusblaue Schiff ist so lang und so breit, dass es gerade so in die für heutige Verhältnisse winzigen Schleusenbecken passt.

Startpunkt ist Inverness, die bürgerliche Hauptstadt der Highlands, an der Nordseebucht Moray Firth gelegen. Hohe Bäume neigen sich über die stille Wasserstraße, hinter denen schöne Villen in gepflegten Gärten den Tag verträumen. Spaziergänger führen auf Treidelpfaden ihre Hunde aus. Schon nach wenigen Kilometern weitet sich der Kanal und wird zum See. Ihm schließt sich ein zweiter See an, der berühmte Loch Ness.

Der Caledonian Canal geht auf dasselbe Jahr zurück, in dem in Deutschland der junge Goethe den Götz von Berlichingen schrieb. 1773 beauftragte die Londoner Regierung den schottischen Ingenieur James Watt, dessen Name heute auf jeder Glühbirnenpackung steht, das Great Glen zu vermessen. Das „Große Tal“ ist eine 100 Kilometer lange geologische Bruchlinie. Der fertige Kanal durch Kaledonien, so die Idee, sollte den aus Edinburgh, Dundee und Aberdeen in die westindischen Kolonien auslaufenden Schonern die Fahrt um Schottlands Nordküste ersparen, wo Gezeitenströmungen wie ein reißender Fluss durch die Meerenge zwischen dem britischen Festland und den Orkneyinseln rauschen. Das Ausheben der Gräben und der Schleusenbau sollte Arbeitsplätze in einem verarmten Landstrich schaffen.

Die größte Herausforderung bestand in der Bändigung oft unglaublicher aus den Bergen herabstürzender Regenmengen. Nach der parlamentarischen Bewilligung von einer halben Million Pfund, die 30 Jahre auf sich warten ließ, sollte Thomas Telford, einer der kompetentesten Ingenieure seiner Zeit, das Werk in sieben Jahren vollenden. Er gab fast doppelt so viel Geld aus und brauchte 19 Jahre.

Bei der Eröffnung 1822 hatte die technische Entwicklung das Projekt überholt, die Schleusen waren zu klein für moderne Schiffe. Zu allem Überfluss stürzten zwei Schleusenbecken ein. Die Reparatur dauerte weitere vier Jahre. Erst Königin Victoria hauchte dem Wasserweg neues Leben ein. Sie bereiste ihn 1873 in einem aus Glasgow herbeibeorderten Raddampfer. Im Gefolge der glorreichen Fahrt ergriff eine Begeisterung für alles Schottische das Königreich. Bald gehörte eine Kanaltour wie die Grand Tour nach Venedig, Rom und Florenz zum Bildungskanon der gehobenen Klassen.

Die „Lord of the Glens“ versucht, die große Zeit des Reisens im Empire wieder aufleben zu lassen, mit Originalmobiliar aus Ozeandampfern und wie in Pullmanzügen uniformiertem Dienstpersonal. Zwei Sessel auf dem Aussichtsdeck dienten der heutigen Queen und ihrem Prinzgemahl Philip als Sitzunterlage bei einer festlichen Regatta zu ihrem 60. Thronjubiläum.

Königin Elizabeth pflegte die schottische Küste allsommerlich auf der Fahrt zu ihrer Hochlandresidenz Balmoral zu umrunden. Ihre royale Yacht, die „Britannia“, war für den Kanal ebenfalls zu groß. Mehrere Mal ankerte sie in der Bucht vor der Ortschaft Achiltibuie, in der ich seit 1978 lebe und wo ein Vetter der Königin, der Marquess of Linlithgow, ein Sommerhaus besitzt. Während sie ihn besuchte, trank die Besatzung im Pub und spielte mit der Dorfjugend Fußball. Heute liegt die „Britannia“ als Museum im Hafen von Edinburgh.

Ein silberner Leib schießt aus den Fluten und taucht in elegantem Bogen zurück ins Wasser. Nein, nicht Nessie, sondern ein Lachs. Die gibt es im Loch Ness und seinen Zu- und Abflüssen noch in ansehnlicher Menge. Doch die Zeiten, als man Lachs aß, echten Lachs, sind lange vorbei. Ihr Fang ist nur noch Sport. Wenn ein Angler einen Salm ans Ufer zieht, setzt er ihn wieder frei. Die Zahl zum Laichen in Flüsse aufgestiegener Lachse hat sich in fünf Jahren halbiert. Die Auswirkungen der Fischzucht haben sie auf einen Bruchteil ihrer früheren Menge dezimiert. Fast in jeder Meeresbucht kreisen genmanipulierte, mit Konzentratfutter vollgestopfte, rosa eingefärbte Mastfische in riesigen Gehegen, aus denen sich Parasitenplagen in die See ausbreiten und die wilden Artgenossen infizieren.


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mare No. 111

No. 111August / September 2015

Von Reiner Luyken, Dmitrij Leltschuk und Sirio Magnabosco

Autor Reiner Luyken, geboren 1951, wohnt seit 1978 in Schottland. In diesen Tagen erscheint sein neues Buch Schotten dicht – Nachrichten aus Schottland und Achiltibuie im Ullstein Verlag.

Es war keine leichte Aufgabe für den weißrussischen Fotografen Dmitrij Leltschuk, Jahrgang 1975, und seinen italienischen Kollegen Sirio Magnabosco, geboren 1980, ein Land zu porträtieren, das derart facettenreich ist. Mehrmals reisten sie dorthin, auf der Suche nach erstaunlichen und verzaubernden Ansichten von Landschaften und Menschen. Zu sehen sind die eindrucksvollen Fotos in dem mare-Bildband Schottland (144 Seiten, 58 Euro).

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Vita Autor Reiner Luyken, geboren 1951, wohnt seit 1978 in Schottland. In diesen Tagen erscheint sein neues Buch Schotten dicht – Nachrichten aus Schottland und Achiltibuie im Ullstein Verlag.

Es war keine leichte Aufgabe für den weißrussischen Fotografen Dmitrij Leltschuk, Jahrgang 1975, und seinen italienischen Kollegen Sirio Magnabosco, geboren 1980, ein Land zu porträtieren, das derart facettenreich ist. Mehrmals reisten sie dorthin, auf der Suche nach erstaunlichen und verzaubernden Ansichten von Landschaften und Menschen. Zu sehen sind die eindrucksvollen Fotos in dem mare-Bildband Schottland (144 Seiten, 58 Euro).
Person Von Reiner Luyken, Dmitrij Leltschuk und Sirio Magnabosco
Vita Autor Reiner Luyken, geboren 1951, wohnt seit 1978 in Schottland. In diesen Tagen erscheint sein neues Buch Schotten dicht – Nachrichten aus Schottland und Achiltibuie im Ullstein Verlag.

Es war keine leichte Aufgabe für den weißrussischen Fotografen Dmitrij Leltschuk, Jahrgang 1975, und seinen italienischen Kollegen Sirio Magnabosco, geboren 1980, ein Land zu porträtieren, das derart facettenreich ist. Mehrmals reisten sie dorthin, auf der Suche nach erstaunlichen und verzaubernden Ansichten von Landschaften und Menschen. Zu sehen sind die eindrucksvollen Fotos in dem mare-Bildband Schottland (144 Seiten, 58 Euro).
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