Revolverheld auf Tour

20 Jahre tourte „Buffalo Bill“ mit seiner Wildwestshow durch Europas Städte. Er prägte das Image der Neuen Welt wie kaum anderes

Das Wetter spielte nicht mit an diesem Tag Ende März 1887. Tief hingen die Wolken über dem New Yorker Hafen, wütend peitschte der Wind das Wasser. Es regnete seit Stunden, und wahrscheinlich kochte der Hauptdarsteller innerlich vor Wut. An alles hatte er gedacht, alles war bis ins kleinste Detail vorbereitet, und jetzt, wo es endlich losgehen sollte – jetzt kam dem Perfektionisten das Wetter in die Quere. Der Sturm würde die Tiere nervös machen, die Bisons vor allem, und der Wellengang im Hafen würde seinen 200 Passagieren nicht gefallen.

Niemand aus der Truppe war bislang zur See gefahren, wahrscheinlich hatte kaum jemand zuvor überhaupt das Meer gesehen, da wären Sonnenschein und ruhiges Wasser wahrlich besser gewesen. Am meisten aber wird den Hauptdarsteller geärgert haben, dass bei diesem miesen Wetter weniger Zuschauer kommen würden, um sie zu den Klängen von „The Girl 

I Left Behind Me“ zu verabschieden. Zuschauer waren wichtig. Zuschauer erzählten anderen, was sie gesehen hatten. Zuschauer machten Werbung, und Werbung brachte Geld. 

Immerhin hatte sich die Presse angemeldet. „Colonel Cody selbst stand auf der Brücke“, schrieb später die „Omaha Daily Bee“, „er hielt seinen großen Hut in den Händen; sein langes Haar glitzerte im Regen. Die Kapelle spielte, die Indianer riefen Schlachtrufe, und die durchnässte Menge jubelte. Buffalo Bill winkte mit seinem Hut allen ein Lebewohl zu, und das Dampfschiff machte sich auf den Weg.“

Nie zuvor in der Geschichte der – damals zugegeben noch jungen – transatlantischen Beziehungen hatte es etwas Vergleichbares gegeben wie die Europatourneen, die William „Buffalo Bill“ Cody ab 1887 mit seiner Wildwestshow unternahm. Bis ins Jahr 1906 pendelte der ehemalige Scout und Büffeljäger mit einem gewaltigen Tross zwischen Neuer und Alter Welt. Codys Shows waren durchkomponierte Spektakel, wie sie Europa noch nicht gesehen hatte. Indianer trieben Bisons durch die Arena und überfielen Postkutschen, die Kavallerie kam zu spät und wurde obendrein in einen Hinterhalt gelockt. Aber immer dann, wenn alles verloren schien, tauchte Buffalo Bill in seiner maßgeschneiderten Fantasieuniform auf und rettete mit ein paar wohlgezielten Schüssen die bedrohten Guten. 

Es gab zwei Vorstellungen täglich, pausiert wurde nur an Reisetagen. Man schätzt, dass zwischen 1887 und 1906 zehn Millionen Menschen in England, Frankreich, Italien und Deutschland eine der Vorstellungen sahen; in London allein waren es während der ersten Tournee über zweieinhalb Millionen. Für so gut wie alle wird die Vorführung der erste Eindruck gewesen sein, den sie von der Neuen Welt jenseits des Atlantiks bekamen. Wenn man so will, begann mit „Buffalo Bill’s Wild West“ die popkulturelle Amerikanisierung Europas. 

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mare No. 149

mare No. 149Dezember / Januar

Von Stefan Nink

Bei seinen Recherchen entdeckte Stefan Nink, Jahrgang 1965, Autor in Mainz, ein transatlantisches Souvenir: Die Kirschholztheke in der Bar des Hotels „Irma“ in Cody ist ein Geschenk Königin Victorias. Buffalo Bill ließ sie verschiffen und anschließend von New York nach Wyoming bringen – in den Ort, den er zuvor selbst gegründet hatte.

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Vita Bei seinen Recherchen entdeckte Stefan Nink, Jahrgang 1965, Autor in Mainz, ein transatlantisches Souvenir: Die Kirschholztheke in der Bar des Hotels „Irma“ in Cody ist ein Geschenk Königin Victorias. Buffalo Bill ließ sie verschiffen und anschließend von New York nach Wyoming bringen – in den Ort, den er zuvor selbst gegründet hatte.
Person Von Stefan Nink
Vita Bei seinen Recherchen entdeckte Stefan Nink, Jahrgang 1965, Autor in Mainz, ein transatlantisches Souvenir: Die Kirschholztheke in der Bar des Hotels „Irma“ in Cody ist ein Geschenk Königin Victorias. Buffalo Bill ließ sie verschiffen und anschließend von New York nach Wyoming bringen – in den Ort, den er zuvor selbst gegründet hatte.
Person Von Stefan Nink