Wohl niemand kommt dem Delfin so oft so nahe wie George Webber. Um die Wende zum 20. Jahrhundert hat sein Vater ein Stück Land an der Küste der neuseeländischen Südinsel gepachtet. Alle paar Tage rudern Vater und Sohn mit einem Boot hinaus auf die Cookstraße, um von einem Dampfschiff die Post für ihren Bezirk entgegenzunehmen. Immer wieder passiert es dann, dass vom Dampfer aus jemand begeistert ruft: „Hier kommt er!“
Schon jagt ein meterlanges Meerestier heran, taucht unter dem Schiff hindurch, springt aus dem Wasser empor und landet platschend neben dem Ruderboot der Webbers. Während die Männer die Post entgegennehmen, beobachten Vater und Sohn das spielerische Treiben des Tiers. Mit einer Stange muss es der junge George vorsichtig fernhalten. Schließlich ist das Tier nur wenig kürzer als ihr Boot, geschätzte 3,50 Meter lang, mit einem gedrungenen Körper, einem dicken, rundlichen Kopf und einer blassgrauen Körperfarbe.
Wer wie die Webbers das Glück hat, Pelorus Jack aus der Nähe beobachten zu können, zweifelt an der damals noch verbreiteten Theorie des Aufklärers René Descartes, dass Tiere im Grunde nur hoch entwickelte Maschinen sind. Dass man sie daher gefangen nehmen und töten darf. Eindrücklich zeigt der verspielte Pelorus Jack, dass auch Tiere eine eigene Persönlichkeit besitzen, eine schützenswerte Individualität. Und damit etwas uns Menschen sehr Vertrautes.
Seit 1888 erfreut der Rundkopfdelfin Pelorus Jack die Passagiere, die von Wellington nach Nelson, von der Nord- auf die Südinsel übersetzen. Schon bald wird das Lebewesen, von wem auch immer, nach dem Pelorus Sound benannt, einem Meeresarm im Norden der großen Südinsel. Und nach Jacktar, wie damals, zur Zeit des Empire, die Seeleute der britischen Marine bezeichnet werden.
Zweieinhalb Jahrzehnte lang verzückt Pelorus Jack unzählige Menschen, darunter den Romancier Rudyard Kipling und den Autor Mark Twain. Auf ihn wird ein Kinderlied und ein Orchestermarsch komponiert; auch Schokoladenfische werden unter seinem Namen verkauft und Postkarten mit seinem Bild in alle Welt verschickt. An Heiligabend 1910 erscheint gar ein Gemälde von ihm auf der Titelseite der populären „Illustrated London News“. Und noch heute schmückt das Tier das Logo eines neuseeländischen Fährunternehmens.
Viele Menschen, die Pelorus Jack gesehen haben, sollten ihn nie vergessen. Nicht weniger als 60 Briefe von Zeitzeugen hat Antony Alpers gesammelt, der Jahrzehnte später, 1960, ein Buch über Delfine veröffentlicht und darin ausführlich von Pelorus Jack berichtet. Eine Mrs. C. Blair etwa schrieb ihm: „Wir sahen einen großen silberweißen Fisch, der durch die Wellen auf uns zuschnellte. Als er den Dampfer erreicht hatte, legte er sich neben ihn, wobei er zuerst die eine, dann die andere Flosse am Schiffsrumpf scheuerte.“ Pelorus Jack sei ein „herrlich geschmeidiges Geschöpf, auf dessen silbernem Leib sich die Sonne spiegelt […], während wir mit angehaltenem Atem vom Bug der alten Mapourika zuschauten.“ Jemand anders teilte mit, das Tier sei „hellgrau mit langen Streifen über den ganzen Rücken“. In einem anderen Brief stand: „weiß oder cremefarben, an der Oberseite etwas dunkler“.
In all den Jahren taucht das Tier meist am Pelorus Sound auf, um die Schiffe einige Kilometer bis zum tückischen French Pass zu begleiten. In diese schmale, reißende Meerespassage zwischen D’Urville Island und der neuseeländischen Südinsel wagt sich Pelorus Jack nie hinein. Das Wasser strömt dort acht Knoten schnell.
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Dass der Schutz von Pelorus Jack eine nicht ganz einfache gesetzgeberische Aufgabe darstellte, verwunderte Autor Dirk Liesemer, Jahrgang 1977, nicht. Mehr als einmal fühlte er sich dabei an die Feinheiten seines Studiums des Öffentlichen Rechts erinnert.
| Vita | Dass der Schutz von Pelorus Jack eine nicht ganz einfache gesetzgeberische Aufgabe darstellte, verwunderte Autor Dirk Liesemer, Jahrgang 1977, nicht. Mehr als einmal fühlte er sich dabei an die Feinheiten seines Studiums des Öffentlichen Rechts erinnert. |
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| Person | Von Dirk Liesemer |
| Vita | Dass der Schutz von Pelorus Jack eine nicht ganz einfache gesetzgeberische Aufgabe darstellte, verwunderte Autor Dirk Liesemer, Jahrgang 1977, nicht. Mehr als einmal fühlte er sich dabei an die Feinheiten seines Studiums des Öffentlichen Rechts erinnert. |
| Person | Von Dirk Liesemer |