Letztens hatte ich ein gutes Gefühl. Doch, so war es. Ein gutes Gefühl. Von links Mitte zog es bis ganz nach oben. Puff, rein in den Kopf. Schon als es knapp am Herzen war, dachte ich: Oh là là, das wird ein gutes Gefühl. Wurde es dann auch: ein gutes Gefühl. Vielleicht liegt es an der Sonne, überlegte ich erst. War aber keine Sonne da, jedenfalls, als ich nach oben schaute. Wir hatten sogar Wellengang, na hallo! Schon mal bei Windstärke drei ein gutes Gefühl gehabt? Wie? Ja, genau, wenn man von Bord springt, dann vielleicht. Und sonst? Never! Aber ich schwöre, ich hatte ein gutes Gefühl.
Kriegt jeder mal, muss sich keiner schämen für. Ja-haa, so denke ich jetzt! Aber im ersten Moment, wie ich da so stehe und ein gutes Gefühl schleicht sich an, da dachte ich: Hoffentlich kriegt es keiner mit. Die Chinesen fressen uns, das Ozonloch wächst, die Eier sind nie hart, aber ich stehe hier rum mit meinem guten Gefühl und tiriliere. Also innerlich. Ich schaute mich tatsächlich um, ob es jemand gehört hat, Mannomann, so verunsichert war ich von diesem guten Gefühl. Nein, alles okay auf See, keiner an Deck beachtete mich. Die Rentnergang war am shuffeln, der Arsch von Steward brachte irgendwem einen Cocktail, und in den Liegestühlen gaben sie mit ihren neuen Kindles an. Das Kindle in der Wiege. Herrje, ich wurde auch noch witzig. Fehlt nicht viel und du lächelst, dachte ich.
Sogar der Arsch von Steward konnte mir mein gutes Gefühl nicht kaputtmachen. Normal denke ich bei dem: Guck nicht so arrogant, du Arsch, ich habe eine neue Keramikreihe und zweite Klasse Relax mit Balkon. Da kannst du ewig für dienen, Tellerkobold. Was schielst du also so von oben herab? Ich meine, der Arsch von Steward ist zwar nur so halb groß wie ein halbierter Zwerg. Aber manche Menschen können das: von unten auf einen herabblicken. Doch wie gesagt, mit meinem guten Gefühl war mir das egal. Ich habe diesen Wasserwicht sogar zurückgegrüßt.
Das war schon komisch. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich jemals ein gutes Gefühl an Bord hatte. Ich habe mir sofort die Position aufgeschrieben. Dabei war ich bestimmt auf einem Dutzend Kreuzfahrten, ohne Flüsse jetzt mal. Mit Flüssen sind das dann bald 20. Ich bin ein alter Seehase. Wenn ich meine Captain’s Dinners zusammennehme, damit kann man eine indische Großfamilie ein Jahr lang ernähren. Nur vom Captain’s Dinner, ohne weiteres. Und mit den Wunderkerzen von der Torte würden die Hütten da unten …
Ach, was soll’s. Die haben es schwer genug da. Sehe ich doch jedesmal, ich verschließe die Augen nicht vor so was. Ich habe schon Elend gesehen da unten, mein lieber Scholli. Asien ist ganz schlimm. Afrika? Noch schlimmer. Lateinamerika geht. Ostblock kann ich nichts zu sagen, war ich noch nicht.
Russland würde mich reizen. So als Art Jubiläumsfahrt. 20 Kreuzfahrten sind gut und gerne, wart mal … bestimmt ein paar Mittelklassewagen. Bestimmt. Mit Leder. Das muss man sich mal vergegenwärtigen. Ich hätte ja auch vorm Fernseher sitzen können. Habe ich aber nicht, mache ich auch nicht. Ich habe mein Leben lang gearbeitet, ich hatte Verantwortung. Ich bin über 70, fit wie eine Laufsocke, und noch sind alle Originalteile an Bord. Außer die Keramikreihe, klar.
Wie geht’s Ihnen eigentlich so früh? Ich bin noch ganz durcheinander. Dabei ist es schon vorgestern passiert. Plötzlich, bumms!, aus heiterem Himmel: ein gutes Gefühl. Ich gehe übrigens gleich zur Massage. Hatten Sie Ihre schon diese Woche? Ich meine die inklusive, die im Preis mit drin ist?
Tja, wenn man so an der Reling steht, und die Wellen werden höher, und dann läuft dieser Arsch von Steward immer vorbei, und abends sitzt da wieder Frau „Mein-Mann-war-erster-Hauptbuchhalter“ am Tisch, voll illuminiert, und ihr ist natürlich übel, also, da mag ich es nicht mehr glauben. War das denn ein Traum? Nein, nein, nein! Es war da, ein gutes Gefühl, ich bin mir total sicher. Bitte sehr, hier steht es außerdem: „54,5° N 13,6° O, morgens zehn Uhr, gutes Gefühl!!!?“
Ich geh jetzt auf die Streckbank, kommen Sie?
Maik Brandenburg, Jahrgang 1962, studierte Journalistik und arbeitet als freier Autor, u.a. für mare, Geo, Merian. Leidenschaftlicher Vater und Reportage-Fan. Er lebt mit seiner Familie auf der Insel Rügen.
| Vita | Maik Brandenburg, Jahrgang 1962, studierte Journalistik und arbeitet als freier Autor, u.a. für mare, Geo, Merian. Leidenschaftlicher Vater und Reportage-Fan. Er lebt mit seiner Familie auf der Insel Rügen. |
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| Person | Von Maik Brandenburg |
| Vita | Maik Brandenburg, Jahrgang 1962, studierte Journalistik und arbeitet als freier Autor, u.a. für mare, Geo, Merian. Leidenschaftlicher Vater und Reportage-Fan. Er lebt mit seiner Familie auf der Insel Rügen. |
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