Notizen einer Landratte, 14.

In dieser Ausgabe offenbart unser Kolumnist Maik Brandenburg tief sitzende Ängste vor Monstern der Tiefsee und ihre sexuellen Konnotationen, mokiert sich wieder mal über Schweizer und unvernünftige politische Vorschläge.

Wer über die Tiefsee schreibt, kann nicht an der Oberfläche kratzen. Das liegt in der Natur der Sache. Dies ist allerdings auch der Grund, warum die Tiefsee kaum erforscht ist, die meisten Wissenschaftler bewegen sich lieber im Seichten. Deshalb heißt es, über die Tiefsee wissen wir weniger als über den Mond. Mit dem Mond kommen die Wissenschaftler hoch hinaus, sie werden zu akademischen Himmelstürmern. Für jemanden, der sich mit der Tiefsee befasst, geht es immer nur hinab.

Ob es auf dem Mond Wasser gibt, ist übrigens noch nicht klar, während es für die Tiefsee als gesichert gilt. Ansonsten besteht sie vor allem aus dunkler Materie. Ab und zu durchbricht ein Lichtstrahl die Finsternis. Dann handelt es sich nicht um einen Gedankenblitz Neptuns, sondern zum Beispiel um eine Atombombenexplosion oder einen Vulkanausbruch. Seit beide international geächtet sind, sorgen nur noch die Laternenfische (Myctophidae) für etwas Helligkeit. Aber seien wir ehrlich, echte Leuchten sind das nicht.

Überhaupt sieht es so aus, als hätte die Evolution ihre Fehltritte hierher entsorgt. Hier unten findet sich nicht ein einziges knuffiges Exemplar, keines, das man in den Arm nehmen möchte. Eine Ausnahme bildet der wirklich niedliche Blobfisch, der allerdings dem späten Helmut Kohl nachempfunden ist. Ein Kind, welches trotzdem lieber mit einem Drachenfisch aus Plüsch kuscheln will, ist vielleicht auch für einen gehäkelten Piranha dankbar.

Während man oben von freundlichen Delfinen angelächelt wird, ist unten ganzjährig Halloween. Da wuchs zusammen, was nicht zusammengehört: zu kleine Körper an zu großen Zähnen etwa, dafür ohne Flossen oder Augen. Manchen ist das Maul direkt an den Schwanz montiert, anderen sitzen die Augen auf Besenstielen. Gehirne und Gedärme treiben ziellos umher, bis man erkennt, dass sie von durchsichtiger Haut zusammengehalten werden. Und das ist noch nicht das Grässlichste. Die meisten Tiere der Tiefe sind nämlich tatsächlich so fies, wie sie aussehen.

Der Anglerfisch etwa, ein abscheuliches Subjekt, knipst sein Licht aus, sobald er Beute fühlt. Die schwimmt dann direkt in sein erschreckend großes Maul. Auch bei der Fortpflanzung sind sie nicht übertrieben charmant. Männliche Schwarzangler (Melanocetus johnsonii) beißen sich an den Weibchen fest, sobald sie eins erwischen. Andere Arten verwachsen sogar mit ihnen. Und das nur, weil die Männchen froh sind, überhaupt eine abzukriegen.

Wer will auch mit jemanden zusammen sein, der aussieht wie von Steven Spielberg fantasiert? Zudem schwimmt man sich nur alle Jubeljahre über den Weg, Riesenkalmare nehmen darum jeden, selbst wenn er vom eigenen Geschlecht ist. Die Tiefsee ist also auch noch der Darkroom der Natur. Die Kalmare implantieren dabei übrigens ihr Sperma unter die Haut, und zwar mithilfe einer Vorrichtung, mit der man andernorts solide Brunnen bohrt.

Kein Wunder, dass die Tiefsee kaum jemanden lockt. Außer die Schweizer, die ja alles tun, um dazuzugehören. Am 23. Januar 1960 schickten sie einen ihrer Staatsbürger zur beinahe tiefsten Stelle des Meeres. Die befindet sich rund 11 000 Meter unter dem Meeresspiegel, im sogenannten Marianengraben. Das war lange bevor die US-Amerikaner ihrerseits ein paar Männer zum Mond schossen. Obwohl sie dort kein Leben fanden, die Schweizer am Meeresboden aber wenigstens einen Plattfisch, bekamen die Amis viel mehr Aufmerksamkeit. Dennoch weiß die Welt seither, wie tief eine Nation sinken kann.

Kurz, in der Tiefsee ist es im Wesentlichen kalt, dunkel, und immer ist man unter Druck. Außerdem laufen einem nur schaurige Gestalten über den Weg. Eigentlich ist alles wie an Land. Die Partei Die Linken forderte darum bereits die Abschaffung der Tiefsee oder wenigstens die der unteren Zehntausend. Die FDP hingegen lobte die libertäre Gesellschaft, während die SPD und die Grünen dort mit großem Aufwand nach neuen, Furcht einflößenden Charakterköpfen fischen. Die CDU jedoch besann sich auf ihren alten Wahlspruch „Keine Experimente“ und plädiert für den Blobfisch als nächsten Bundeskanzler.

mare No. 91

No. 91April / Mai 2012

Von Maik Brandenburg

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