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ULRIKE DRAESNER – BRIEF AN DEN VERLAG
Liebe Leserinnen und Leser,
ich habe ein Buch geschrieben, es heißt KANALSCHWIMMER und ist soeben erschienen.
Was ist das für ein Buch? KANALSCHWIMMER handelt davon, wie es ist, 62 Jahre alt zu sein, sich Fett anzufressen und jeden freien Tag in eiskaltem Wasser zu trainieren, nur um einen Traum zu verwirklichen, den man eigentlich gar nicht mehr träumt: einmal im Leben durch den Ärmelkanal zu schwimmen.
KANALSCHWIMMER ist ein Buch über einen Mann, der ein unerhörtes Angebot erhalten hat von seiner Frau.
KANALSCHWIMMER ist ein Buch über Erinnerung und was man auch im Wasser nicht erkennt.
Über den Wunsch, gefüttert und gerettet zu werden, die Wut, die Veränderung. Über Hingabe und Verantwortung. Über einen Mann in seinem Meer, ohne Fisch. Mit Möwen, Sirenen, Drohnen, Fähren, Müll.
Ein Buch, in dem immer einer oder eine fehlt, Sprüche gedroschen werden, Tiere glücklich sind. Einer behauptet, dass Menschen innen schöne, weiche Finsternis sind. Aber wer sagt, dass das Innere wirklich das Wichtigere ist?
Außen fass ich dich an!
Grenzhüter hätten einiges zu sagen (dürfen aber nicht), der Schwimmer will schweigen (muss aber reden, sonst zieht man ihn aus dem Wasser), auf dem Boot, das ihn begleitet, sonnt man sich. Wieviel Wirklichkeit hält so ein Mensch eigentlich aus? Und soll man es posten?
KANALSCHWIMMER ist auch ein Buch über die Zeit: läuft immer geradeaus? Und was passiert, wenn man sie spaltet?
Es kommen viele natürliche Dinge vor: Frauen mit operierten Lippen, teetrinkende Möwen, eine still sea = Wunder, irische Mönche, Ausflüge nach Frankreich und Sylt, Tiere, die vom Land zurückkriechen ins Wasser und davon singen, wie es ist, ein anderer zu sein als man scheint.
Charles, der Schwimmer, ärgert sich, sieht Jesus und mindestens einem Engel, klettert (zu viele?) Leitern hinab, hält sich für Odysseus, erlebt Niederlagen und Siege zugleich, begegnet einer fotografierenden Sirene, einem Blechdach, niemals sich selbst, nur einem Hemd, und entdeckt das Wort „Erlösung“, wo alles nur mehr von Lösungen spricht.
Es hat 12 Jahre gedauert, dieses Buch zu schreiben – von der ersten Idee über zwei Jahre Leben in England samt Recherchen in Dover und an der Themse (winterkalt), und jetzt ist es da, 24 Stunden in einem Element, ein unerhörtes Ereignis lang – unterwegs zu Ihnen.
Nur das Schönste,
Ulrike Draesner