Mitarbeitertipp

Newsletter Mai 2018



Jan Lehmköster, Marketing, empfiehlt Der große Wahn von Sebastian Faulks



Nachdem die britische Presse sich mit Lobeshymnen auf Sebastian Faulks’ neuesten Roman überboten hatte (der Sunday Telegraph nannte ihn ein „Meisterwerk“, der Telegraph bescheinigte ihm eine Themenvielfalt von „Liebe, Tod, Krieg, Geschichte, Erinnerung, Freundschaft, Zufall – und Sex“ und die Sunday Times wies ihn als Bestseller aus), war meine Neugier geweckt. Und so begleitete mich Der große Wahn in den Urlaub, kaum dass er letztes Jahr in der Übersetzung von Jochen Schimmang bei mare erschienen war.

Der eigentliche Plot ist schnell umrissen: Der Londoner Psychiater Robert Hendricks erhält Anfang der Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts eine Einladung auf eine kleine französische Mittelmeerinsel. Gastgeber ist der ihm bis dahin unbekannte Neurologe Alexander Pereira, der seinen im ersten Weltkrieg verstorbenen Vater gekannt hatte und der für sich selbst einen Nachlassverwalter sucht. Einmal auf der Insel angekommen, entspinnt sich ein Diskurs zwischen den beiden; über die Erlebnisse im Krieg, über Kameradschaft und die Liebe, über Lebenswahrheiten und Lebenslügen. Durch die unmittelbare Perspektive der Ich-Erzählung erhält der Leser Einblick in die Seele Dr. Hendricks’ und es eröffnet sich ihm über die Rückblenden, in denen der Protagonist über die Schlüsselerlebnisse seines Lebens erzählt, ein Verständnis für den Charakter und das Wesen des Briten.

Doch worauf bezieht sich der deutsche Titel Der große Wahn? (Im Original heißt der Roman Where My Heart Used to Beat.) Hendricks empfindet das gesamte 20. Jahrhundert als Katastrophe und vergleicht es, ganz Psychiater der er ist, mit einer psychotischen Periode in der Menschheitsgeschichte, die es abzuschließen gilt. Vernichtungskriege, Apartheid, Holocaust – all das interpretiert er als Ausdruck der Missgeburt „Mensch“. Der Homo sapiens hat sich in dieser Epoche als desaströse Mutation offenbart.

Gerade diese Gedanken, die über die eigentliche Geschichte hinausweisen, machen diesen Roman so wertvoll für mich. Unweigerlich drängen sich die vielen Parallelen zur heutigen Zeit auf, und es beschleicht einen das Gefühl, dass die Menschheit auch im 21. Jahrhundert noch nicht viel weitergekommen ist. Die psychotische Periode scheint mitnichten zu Ende. Eine bedrückende, doch in der Logik des Erzählers nicht unrealistische Einschätzung.

Suchmaschine unterstützt von ElasticSuite