Mein Hooge, 45.

Unser Kolumnist reiste als Jugendlicher achtmal nach Hooge. Jetzt, nach 40 Jahren, erkundet er die Hallig erneut, als Erwachsener, als Stadtmensch, mit tausend Fragen im Gepäck. Heute über die Hooger Feuerwehr

Jeder Familienvater macht sie durch, die „Feuerwehrmann Sam“-Phase. Ich habe sie sogar dreimal mitgemacht. Mit Kind eins, zwei und drei. 

Sam ist ein Feuerwehrmann in Comicform, dem niemals langweilig wird. Denn in seinem Heimatdorf Pontypandy gibt es in jeder TV-Folge einen abenteuerlichen Einsatz. Mal brennt der Wald, mal droht jemand im Meer zu ertrinken, mal spukt es. ­Jedes Mal wird die Bedrohungslage von Sam und seinen Kollegen ruhig und konzentriert gemeistert. Echte Helden.

Ich vermute, meine Kinder glauben bis heute, dass Feuerwehr so funktioniert. 
Vielleicht sollte ich sie für den Realitätscheck mal nach Hallig Hooge mitnehmen, sozusagen das 
Pontypandy an der Nordsee. Dort gibt es auch eine Feuerwehr. Eine, bei der erst einmal: nichts passiert.

„Ich kann mich an keinen einzigen Brand in den letzten Jahren erinnern, toi, toi, toi“, bestätigt Hooges Vizebürgermeisterin Katja Just, neuerdings auch Truppfrau bei der Freiwilligen Feuerwehr der Hallig. 

Dabei war Hooge schon immer extrem feuergefährdet. Reetgedeckte Häuser standen dicht an dicht auf den Warften. Drinnen waren sie vollgestopft mit Heu und Futter für das Vieh, Kuhmistbriketts zum Heizen und Petroleumlampen – also mit allem, was gut brennt.

So kam es 1872, wie es kommen musste. Auf der Ipkenswarft brannten zwei nebeneinanderstehende Häuser vollständig ab. Die Bewohner des südlichen Hauses hatten versucht, über dem Herd Wurst zu räuchern. In einer Holztonne. Keine gute Idee.

Danach wurde es wie gewohnt: sehr ruhig. 1942 brannte ein Stall, 1948 ein Haus, 1953 ein Schornstein, 1955 wieder ein Haus, 1970 Heudiemen, 1983 noch mal ein Stall.

Dass es in all den Jahrzehnten zu kaum folgenschweren Bränden kam, lag an den Hoogern selbst. Bis 1935 bildeten sie im Fall der Fälle in Windeseile Eimerketten. Das Wasser schöpften sie aus Gräben und Fethingen. Helfende Hände gab es immer genug – Nachbarschaftsstreit hin oder her.

Danach stand der Gemeinde immerhin eine manuelle Pumpe zur Verfügung, die per Hand zur Brandstelle gezogen werden musste, eine schweißtreibende Angelegenheit. Und doch vermisste niemand hier eine echte Feuerwehr.
Bis es einmal nicht mehr reichte.

Denn bei jenem Brand von 1955 verlor ausgerechnet Franz Liegmann, einer der ärmsten Hooger, sein Haus. Aufgeschreckt von der Tragik, ordnete Bürgermeister Cornelius Adolphsen die Gründung einer Freiwilligen Feuerwehr auf Hooge an, zum 7. März 1956. Alle Männer zwischen 18 und 50 Jahren wurden zum Dienst verpflichtet.

Das alte Problem aber blieb. Es gab noch immer kein Feuerwehrauto, nur eine inzwischen motorisierte Pumpe. Und die musste irgendwie zum Einsatzort kommen. Vor allem schnell.
Da hatte die Gemeinde eine geniale Idee. Sie lobte die Treckerprämie aus. Erhalten sollte sie derjenige, der im Brandfall als Erster mit seinem Traktor am Gerätehaus eintraf. 80 Mark haben oder nicht haben.

Es funktionierte. Wenn der Piepser piepste, müssen regelrechte Wettrennen stattgefunden haben. Erst 1985 wurde die Prämie wieder abgeschafft – mit dem Erhalt des ersten eigenen Löschfahrzeugs, eines gebrauchten Ford Transit. 

Die Bereitschaft aber hielt an. Das zeigte sich etwa 1995, als der Königspesel brannte. Für die Hooger ist dieser historische Raum mit seinen rund 8000 holländischen Wandfliesen das, was Notre-Dame für die Pariser ist. Gemeinsam mit Nachbarwehren und Touristen kämpfte die Hooger Feuerwehr aufopferungsvoll gegen die Flammen und rettete das kulturelle Herz der Hallig. Zum Glück hatte die hölzerne Decke über dem Museumsbereich standgehalten. In den Monaten danach wurde jede einzelne der geretteten Fliesen wieder eingesetzt. 

Mittlerweile hat sich die Aufregung gelegt, und die heute gut ein Dutzend aktiven Hooger Feuerwehrleute machen das, was auf so einer Hallig eben anfällt: Geräte prüfen, Feuerwehrauto warten, Pumpen testen. Und: üben, üben, üben. 

Zugegeben, das klingt nicht gerade nach Stoff für eine Comics­erie mit Welterfolg. Ich finde, Helden sind sie trotzdem, Feuerwehrfrau Katja und die anderen. Auch wenn meine Kinder nach fünf Minuten fragen würden, wann hier endlich mal was passiert. 

mare No. 175

mare No. 175April / Mai

Von Jan Keith und Orlando Hoetzel

Jan Keith, Jahrgang 1971. Studium der Politikwissenschaft, Japanologie und Geografie in Bonn, Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Bevor er im August 2008 zu mare kam, arbeitete er als Redakteur und Autor bei der Financial Times Deutschland.

Orlando Hoetzel, Jahrgang 1971, arbeitet als Illustrator in Berlin. Er studierte Kommunikationsdesign in Essen.

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Vita

Jan Keith, Jahrgang 1971. Studium der Politikwissenschaft, Japanologie und Geografie in Bonn, Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Bevor er im August 2008 zu mare kam, arbeitete er als Redakteur und Autor bei der Financial Times Deutschland.

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