Für Menschen mit einer Affinität für Hafenstädte gibt es verlockende Namen: Valparaíso gehört dazu, Surabaya vermutlich und auch Marseille, Städte mit zweifelhaftem Ruf, deren Reiz aber genau auf diesem gründet. Dass Marseille 2013 Kulturhauptstadt Europas wurde, ist wenig verwunderlich. Das Gemisch an Kulturen ist enorm und fruchtbar. Der aus Kattowitz stammende, in Berlin und später Paris lebende Hans Bellmer (1902–1975) zeigt uns in seinem Gemälde „Marseille“ die abgründigste Seite der Stadt und widmet sich einmal mehr seinem Lebensthema, dem weiblichen Körper. Auch die Marseiller Band Moussu T e lei Jovents nimmt sich der ärmeren Seite der Stadt an, des Hafens, der Fabriken und natürlich des Trugbilds der Liebe. Der tunesische Journalist und Dichter Moncef Ghachem wurde 1946 in eine Fischerfamilie geboren, deren Haus direkt am Meeresfriedhof von Mahdia stand, worauf er sich in seinem Text auch bezieht. Marseille wird bei ihm zur Anlaufstelle für nordafrikanische Auswanderer. Wie in so mancher Hafenstadt liegen die Möglichkeiten des Scheiterns oder des Gelingens nah beieinander. zdb
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