Die Dichtung der Wahrheit
700 Jahre alte Sagas aus Island entfalten in klug konstruierten Nacherzählungen und kunstvollen Illustrationen eine zeitlose Kraft
Jedes Land hat seinen eigenen Geist des Ortes. An verschiedenen Orten dieser Erde verströmen auch unterschiedliche Lebensenergien, stehen die Lebenserscheinungen in unterschiedlichen Polaritäten zu den Elementen. Man kann diesen Geist des Ortes verkitschen, und man kann ihn ignorieren, aber das ändert nichts an der Gewalt der Realität dieses Ortes. Und manchmal scheint dieser Geist dann auf einmal in einem Gewand auf, vor dem man sich beim ersten Erscheinen die Augen reiben muss.
So ergeht es einem, wenn man auf das Cover des im Galiani-Verlag erschienenen Buches „Der Mordbrand von Örnolfsdalur und andere Isländer-Sagas“ schaut. Da blickt einen ein Schaf mit nach außen gebogenen Schneckenhörnern, in weiß-grauen Tönen auf schwarzem Grund gezeichnet, an und sieht alles andere als schafsdumm aus. Der Blick des Schafes scheint eher zu sagen: Mir kannst du nichts erzählen, ich habe schon alles gesehen. Und komm mir bitte bloß nicht mit dem Gewäsch von der verwunschenen Insel mit den geheimnisvollen Wesen, die keinem etwas zuleide tun können. Der Mordbrand im Titel ist kein Scherz, sondern gehört zum täglichen Geschäft dieser Sagas.
Wie aktuell sich diese Geschichten, die Isländersagas, lesen lassen, davon gibt
dieses wunderbare Buch einen faszinierenden Eindruck. Der Band enthält fünf der etwa 40 Geschichten, die im 13. Und 14. Jahrhundert von anonymen Erzählern in verschiedenen Regionen Islands auf präparierte Kalbshäute geschrieben wurden und vom Leben der Isländer während der Sagazeit (930–1030) berichten. Nacherzählt werden sie von Tilman Spreckelsen, der als Wissenschaftsredakteur für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ arbeitet. Illustriert wurden die Geschichten von Kat Menschik, deren Zeichnungen das Feuilleton der „FAS“ prägen.
Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 90. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.
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