Mehr als neun harte Tage Werner Lebert war mit einem Trawler auf Fangfahrt.
Sein Bildband zeigt eine bis zur Erschöpfung schuftende Männergemeinschaft
Der Wirbel der vor einem wolkenlosen Horizont schäumenden Wellen scheint eine sorglose Reise anzukündigen. Dass das Motiv auf dem Einband des Buches täuscht, erfährt man schon auf den ersten Seiten. Ein vorangestelltes Zitat des im Jahr 1859 geborenen USSchriftstellers John Augustus Shedd lässt keinen Zweifel daran, dass man gerade dabei ist, in eine gefährliche Welt einzutauchen: „Ein Schiff im Hafen ist sicher, doch dafür werden Schiffe nicht gebaut.“
Werner Lebert ließ den sicheren Boden in Cuxhaven hinter sich. Er stieg an Bord der „J. v. Cölln“, um Teil der bunt zusammengewürfelten Mannschaft rund um Mustapha, Jorge, José und Abilio zu werden. Ziel war das Gebiet vom Skagerrak bis hoch zu den Färöerinseln. Die erhoffte Beute: Seelachs und Kabeljau.
Die ersten Tagebucheinträge kommen auffällig sachlich daher: „Die Männer nutzen Grundschleppnetze mit besonders breiten Maschen. Zur Schonung der Jungfische und zur Vermeidung von unerwünschtem Beifang arbeitet die Crew mit Maschen, die über 25 Prozent größer sind als vorgeschrieben, ganz im Sinne einer nachhaltigen Fischerei.“
Auf dem Weg nach Hanstholm, dem größten Fischereihafen Dänemarks, dämmert es Lebert, dass die Fahrt kein Zuckerschlecken wird. Vor dem kalt peitschenden Wind gibt es keinen Schutz. Der Magen macht sich bemerkbar. Bei hohen Windstärken ist an Schlafen nicht zu denken. Der Fotograf teilt sich die Kajüte mit einem 72jährigen Friesen. Kalle ist seit 60 Jahren auf den Weltmeeren unterwegs. Er rät dem „Landei“, reichlich zu essen. Der Kalorienverbrauch an Bord ist enorm. Hinter den Bohrinseln werden die ersten Netze ausgeworfen. Der Fang landet in der Schlachterei am Zwischendeck. Für die durchschnittlichen sechs Tonnen Fisch waten die Männer bei einer Temperatur von ein Grad über dem Gefrierpunkt sechs Stunden lang durch ein Gemisch aus Salzwasser und Fischblut. Und das nicht nur einmal, versteht sich.
Allmählich ändert sich Leberts Ton. Er wird persönlicher: „Ich habe jedes Zeitgefühl verloren. Gegen Mitternacht wird es dunkel. An Bord herrscht Rasierverbot. Bringt angeblich Unglück. Seemänner sind abergläubisch.“ Über den plötzlichen Anblick von Orcas verliert er kaum noch ein Wort. Seine Begründung fällt lakonisch aus: „Sie würdigen uns keines Blickes.“
Kapitän Fritz erzählt ihm von seinen Erfahrungen mit Kriegsmunition. Er hat Karten angefertigt, auf denen „der ganze Müll“ verzeichnet ist. Die Vorsorge ist nötig. Nach einer Bombenexplosion auf See landete er einmal mit einer Lungenverletzung in der Hamburger Uniklinik.
Immer wenn die Gesprächsbereitschaft abnimmt, greift Lebert zur Kamera. Seine Bilder dünsten den sauren Schweiß im Angesicht der Arbeit aus, schmecken nach gedrängtem Hausen, atmen das fahle Licht am stets bedeckten Himmel. Lichtreflexe entdeckt er, wenn überhaupt, auf den ins Wasser eindringenden, sanft glänzenden Eisenketten. Es entstehen harte und ungeschönte Momentaufnahmen von bis zur Erschöpfung schuftenden, in kaltes Nass getauchten Kapuzengestalten, auf denen ein mattes Weiß und verschattetes Silbergrau dominieren.
Am siebten Tag macht das Wetter das Fotografieren auf dem Deck unmöglich. Dann schlägt die Stunde des Fischmeisters Lopes. Er sortiert unten den Fang in Plas tikwannen. Seine Hände stecken tief in Eis. Wie sie sich anfühlen, möchte man sich nicht ausmalen.
Zurück in Hanstholm, ist der Fang nach drei Stunden in Kühlhallen verfrachtet. Die Auktion ist für den Morgen angesetzt. Der Ausflug mit den „echten Männern“, die „längst Freunde“ geworden sind, ist vorbei. Die Gefahr um Leib und Leben überstanden. Zumindest für den geduldig beobachtenden Gast dieser eingeschworenen Gemeinschaft. Alexandra Wach
Werner Lebert: „Skagerrak. Auf Fangfahrt mit der ‚J. v. Cölln‘“, Plexus, Amorbach, 2018, 96 Seiten, 14,90 Euro
Taucherin will sie werden
Große Literatur: PulitzerPreisträgerin Jennifer Egan begleitet ihre Heldin zur Zeit des Zweiten Weltkriegs auf eine New Yorker Werft
ES ist eine dröge Arbeit. Anna Kerrigan misst Metallteile aus, Tag für Tag, Woche für Woche. Es ist aber auch eine notwendige Arbeit, eine überlebenswichtige gar. Denn Anna arbeitet auf dem Brooklyn Naval Yard, einer Werft, wo die United States Navy diejenigen Schiffe baut und repariert, die den Vereinigten Staaten im Zweiten Weltkrieg zum Sieg über Deutschland und Japan verhelfen sollen. Anna träumt aber von einem ganz anderen Beruf, seit sie die mutigen Männer beobachtet hat, die in schweren, ungeschlachten Anzügen in die Tiefe hinab tauchen, um die Schiffe unter der Wasseroberfläche zu reparieren. Anna will Taucherin werden. Als Frau Anfang der 1940erJahre? Das ist selbst in Kriegszeiten, wo zahlreiche Frauen in der Heimat die Männer ersetzten, die in den Kampf gezogen waren, ein mehr als aussichtsloses Unterfangen.
Allein dieses Ziel macht Anna Kerrigan zu einer spannenden und sympathischen Protagonistin in Jennifer Egans neuem Roman „Manhattan Beach“. Egan, die für ihr Buch „Der größere Teil der Welt“ 2011 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet worden ist, bietet den Lesern aber noch mehr. Annas Schicksal ist untrennbar mit den Figuren ihres Vaters Eddie Kerrigan und des halbseidenen Dexter Styles verbunden. Styles ist ein Gangster – charmant, aber zwielichtig, sympathisch, aber mit Skrupeln nicht allzu sehr belastet angesichts seines Berufs.
Als Anna in der Handlung elf Jahre alt ist, trifft sie Styles zum ersten Mal in dessen vornehmem Haus am Manhattan Beach in Brooklyn. Ihr Vater Eddie, im bürgerlichen Leben durch die Weltwirtschaftskrise mehr oder weniger ruiniert, ist in dessen undurchsichtige Geschäfte verwickelt.
So wird die Handlung zu mehr als der einer Geschichte einer starken Frau. Egan hat eine Art Gangsterstory geschrieben, dazu ein Stück weit auch eine Familiengeschichte. Alles wohlproportioniert, garniert mit überzeugenden Dialogen. Zehn Jahre hat Egan für den Roman recherchiert, ein Fleiß, der sich gelohnt hat.
Wie der Name des Romans nahelegt, spielt auch das Meer eine gewichtige Rolle in „Manhattan Beach“. Dexter Styles lebt am Meer, Eddie Kerrigan wird eine Begegnung mit dem feuchten Element fast nicht überleben, und seine Tochter Anna träumt davon, ins Wasser des Atlantiks hinabzutauchen.
Es ist nicht zu viel verraten, dass sie dieses Ziel erreicht. Und als einzige Frau unter Männern reüssiert, sich gegen alle Widerstände den Respekt ihres Vorgesetzten erwirbt. Man merkt, dass sich die Autorin ausgiebig mit dem Tauchen beschäftigt hat. Egan probierte selbst einen „Mark V“ an, einen gut 100 Kilogramm schweren Taucheranzug. Sie studierte Fachliteratur, führte zahlreiche Interviews mit Experten und sprach mit der ersten Tiefseetaucherin der United States Army.
„Manhattan Beach“ ist derart vorbereitet ein überaus lesenswertes Buch geworden, das mit Sachverstand und Leidenschaft geschrieben wurde. Durch die Vielzahl der Erzählstränge entsteht ein lebendiges Panorama dieser Zeit. Und nicht zuletzt der Stadt New York wie auch des Meeres. Marc von Lüpke
Jennifer Egan: „Manhattan Beach“, aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens,S. Fischer, Frankfurt/Main, 2018, 496 Seiten, 22 Euro
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