Verwirrt, verliebt, apokalyptisch
Zwei Bilderbücher zeigen die unterschiedlichen Gesichter der Meere. Eines macht einfach Freude, das andere regt auch zum Nachdenken an
Zwei sehr empfehlenswerte illustrierte Bücher werfen einen Blick unter die Meeresoberfläche und entwickeln dabei jeweils eine eigene, von leuchtenden Farben getragene Bildsprache.
Während Mies van Hout mit „Heute bin ich“ einfach große Freude macht, schaut Alexandra Klobouk in ihrem preisgekrönten Großformatdebüt „Polymeer“ mit Sorge und Galgenhumor in die Zukunft: Die Niederländer haben sich vor dem Klimawandel mitsamt putzigen Häuschen und Tulpenbeeten mehr schlecht als recht in der Schweiz in Sicherheit gebracht. Einen der Ihren haben sie allerdings vergessen. Nero, den schwarz getuschten bebrillten Chemiker im Pullunder, überrascht der düster ansteigende Wasserspiegel irgendwann in seinem Leuchtturm. Wochenlang treibt er in einem pinkfarbenen Schrank über die Weltmeere, bis er in den tatsächlich existierenden „Großen Pazifischen Müllwirbel“ zwischen Japan und Kalifornien gezogen wird, der heute schon achtmal so groß ist wie Deutschland. Schön bunt hier, denkt man angesichts eines übervollen Wimmelbilds mit neonfarbenen Flaschen, Fernsehapparaten und Zivilisationsplunder aller Art. Doch bei genauerem Hinsehen und erst recht beim Blick unter die Wasseroberfläche enthüllt sich dessen scheußliche bis tödliche Seite: Da sind beispielsweise die Möwe, der die Zahnbürste aus dem Hals ragt, leblose Fische und die Schildkröte, die eine groteske Wespentaille besitzt, wo ein Plastikring in sie eingewachsen ist. Holland ist zwar in der Realität noch nicht akut in Not, doch in zehn bis 30 Meter Tiefe wird Plastikmüll seit Jahren langsam zu winzigen, unentfernbaren Partikeln zerkleinert, die, schadstoffangereichert, in die Nahrungskette gelangen. Die Schweizer Marine rettet Nero. Er gründet ein futuristisches Forschungsprojekt, das sowohl das Plastikmüll wie auch das Platzproblem der Menschheit lösen soll – doch auch der geniale Held von „Polymeer“ überschaut dessen gesamte Tragweite nicht …
Nach weltumspannenden Problemen tut ein bisschen Nabelschau gut: Will man eine Person beschreiben, die mit ihren Emotionen sparsam ist, nennt man sie gern „kalter Fisch“ oder „Stockfisch“. Die wenigsten von uns hätten geahnt, dass die Gefühlswelt des sprichwörtlichen Fisches im Wasser so facettenreich und augenfällig ist, wie sie Mies van Hout in „Heute bin ich“ mit Pastell- und Wachskreide auf schwarzen Grund malt. Ob „verwirrt“ wie ein Wollknäuel oder „verliebt“ in tiefem Rot mit geschlossenen Augen und entrücktem Lächeln, ob „neidisch“ als hechtartig gebogenes Exemplar mit langer Schnauze und misstrauischem Blick, „sorglos“ in heiterem Grün oder motzig-braun „gelangweilt“ mit Augenringen: Jeder einzelne Fisch verkörpert humorvoll und unmittelbar einleuchtend jene menschliche Regung, die daneben geschrieben steht. „Heute bin ich“ ist aber nicht nur etwas für Leseanfänger, sondern auch ein Buch mit praktischem Nutzen fürs Zusammenleben. Einfach aufgeblättert auf den Küchentisch legen, und Partner, Mitbewohner, Eltern oder Nachwuchs wissen sofort, was die Stunde geschlagen hat.
Annette Zerpner
Mies van Hout: „Heute bin ich“, Aracari Verlag, Baar/CH, 2012, 48 Seiten, 13,90 Euro
Alexandra Klobouk: „Polymeer – Eine apokalyptische Utopie“, Onkel & Onkel, Berlin, 2012, 48 Seiten, 19,95 Euro
Das Recht auf hoher See
Ein Hamburger Arbeitsrechtler vertrat Seeleute vor Gericht. 30 Jahre später schreibt er ein Buch darüber – empathisch und sympathisch
Wenn Seeleute vor Gericht stehen, ist das selten ein Thema für die 20-Uhr-Nachrichten. Ausnahme ist der Fall der „Costa Concordia“. Gegen Kapitän Schettino wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt, 32 Menschen starben bei dem Unglück vor der Insel Giglio. Nun hat der Capitano gewiss alles andere als bella figura gemacht. Auffällig war dennoch, wie sich die Reederei von Anfang an bemühte, dem Kommandanten die alleinige Schuld zuzuschieben und jede Verantwortung von sich zu weisen. Dass dies auch bei alltäglichen Havarien ein gängiges Verhaltensmuster von Reedern ist, zeigt das
kleine Buch „Seeleute vor Gericht“ des Hamburger Arbeitsrechtlers Rolf Geffken. In sechs Kapiteln schildert der Anwalt, der zahlreiche Mariner vor den Arbeitsgerichten vertrat, seine „authentischen Erinnerungen aus den 1980er Jahren“.
Da ist die Geschichte des Kapitäns Leipniz, der bei schwerer See mit seinem RoRo-Schiff vor der finnischen Schärenküste in Seenot gerät und standhaft versucht, zu retten, was zu retten ist. „Leipniz wurde später nie gefragt, warum er eigentlich an Bord blieb, wo doch das Schiff offensichtlich verloren war. Er wäre vermutlich immer an Bord geblieben, wenn er nicht zwangsweise von Bord geholt worden wäre.“ Als er später vor dem Juniorchef steht – einem jungen Mann, der „nie zur See gefahren war, aber stets mit seiner 17-Meter-Yacht prahlte“ –, rechnet er noch damit, dass der Reeder ihm „seine Anerkennung aussprechen würde“. Stattdessen kommt die fristlose Kündigung wegen menschlichen Versagens. „Zu Hause angekommen, sah seine Frau ihm ins Gesicht und wusste alles. Noch bevor er selbst seine Gedanken richtig gefasst hatte, sagte sie in ruhigem und sicherem Ton: ‚Du gehst jetzt zu einem Anwalt, noch heute.‘“ Tatsächlich schlägt Geffken vor dem bei den Reedern als „rot“ verschrienen Arbeitsgericht Hamburg 95 000 Mark Abfindung heraus. Und doch bleibt ein Unbehagen: „Sicher, es war viel Geld, was er zunächst erhielt. Bald aber würde es verbraucht sein. Und vor allem: Warum wurde mit keinem Wort darauf eingegangen, dass er 20 Jahre der Reederei treu zur Seite gestanden hatte?“
Mit viel Empathie schildert Geffken nicht nur die juristischen Winkelzüge seiner Prozesse, sondern auch die sozialen Verhältnisse, in denen seine Mandanten stecken. Etwa wenn er die komplizierten Beziehungen zwischen Crews und Funktionären der Internationalen Transportarbeiter-Föderation analysiert („Irgendetwas hatten die Filipinos falsch gemacht. Sie waren zu einem Anwalt gegangen, anstatt sich mit dem Rat eines Gewerkschaftsfunktionärs zu begnügen“).
Geffkens Büchlein ist im Bremerhavener Wirtschaftsverlag NW in einer Reihe mit dem sympathischen Namen „Acht Grad Ost hinterm Deich“ erschienen. Ein etwas robusteres Lektorat hätte dem Text zweifellos gutgetan. Seine erzählerische Kraft, die er aus dem Erfahrungsschatz des streitbaren Anwalts zieht, macht ihn dennoch zu einem Lesevergnügen. „Seeleute vor Gericht“ ist ein ergreifender Zeitzeugenbericht über das letzte Kapitel deutscher Seefahrtsgeschichte, die mit der Einführung des Internationalen Schifffahrtsregisters 1989 für immer zu Ende ging. Jörn Boewe
Rolf Geffken: „Seeleute vor Gericht“, Wirtschaftsverlag NW, Bremerhaven, 2011, 128 Seiten, 9,99 Euro
Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 93. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.
| Vita | mare-Kulturredaktion |
|---|---|
| Person | mare-Kulturredaktion |
| Vita | mare-Kulturredaktion |
| Person | mare-Kulturredaktion |