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Meeresblick in Einzelbildern
Zweimal Comic-Kunst auf hoher See: Emmanuel Lepage reist in die Antarktis, eine Anthologie aus Lettland in die Fülle der Assoziation

In der Reiseliteratur lernt man im günstigsten Fall etwas über fremde Regionen. Diese können in entfernten Gebieten oder in der Vorstellungskraft liegen – alles eine Frage der Reiseleitung. Der französische Künstler Emmanuel Lepage lässt in seiner Comic-Reportage „Reise zum Kerguelen-Archipel“ das Panorama der französischen Süd- und Antarktisgebiete auf den Betrachter wirken. Dieses vorwiegend aus Vulkanen entstandene Inselgebiet, im Einzelnen einst prosaisch als Eiland der Apostel oder der Trostlosigkeit deklariert, ging 1955 aus der ehemaligen Kolonie Madagaskar hervor. Zwei weitere Inseln wurden ganz pragmatisch nach den dort mit schweren Langzeitfolgen für das ökologische Gleichgewicht angesiedelten Schweinen oder nach den dort bereits lebenden Pinguinen benannt. Manchmal nutzte man, wie bei der Île de la Possession, auch die simple Tatsache der Inbesitznahme zur Benennung.

Emmanuel Lepage erfüllte sich 2010 einen seit seiner Kindheit gehegten Traum und fuhr mit dem französischen Forschungs- und Versorgungsschiff „Marion Dufresne“ in das kalte Inselreich. J. Meade Falkners „Moonfleet“ und der Illustrator Pierre Joubert haben den Sohn eines Seemanns dazu angeregt. Letzterer hat nicht nur die „Schatzinsel“ von R. L. Stevenson bebildert, sondern war wie „Tim und Struppi“-Schöpfer Hergé, ein weiteres Lepage-Vorbild, Anhänger der Pfadfinderbewegung. Und ähnlich deren Prinzip, durch Nähe zur Natur Persönlichkeit zu entfalten, verfährt auch Lepage bei seiner künstlerischen Expedition.

Er wendet verschiedenen Sujets zugeordnete Stile an: Historische Passagen sind in Sepiatönen koloriert, der Bordalltag wird in Grafitzeichnungen schwarz-weiß und grau dargestellt, Naturimpressionen sind in Aquarellfarben angelegt. Gelegentlich unterläuft Lepage dieses Verfahren im Verlauf der gezeichneten Reise. Und transportiert – durch den Einsatz einer bereits assoziativ behafteten Technik in einem anderen Kontext – unterschwellig das Gefühl der eigenen Überraschung angesichts der ihn umgebenden, vielfältigen Flora und Fauna. Wegen derartiger stilistischer Wechselbäder tat er übrigens gut daran, sein Panelarrangement eher klassisch zu strukturieren.

Emmanuel Lepages Comic überzeugt vor allem, weil er sich selbst angenehm zurückhält und nicht den Blick auf beeindruckende Naturbilder sowie den Ablauf und die Bedingungen der Reise verstellt. Er ist nicht nur künstlerisch virtuos, sondern zeigt, wie Mikrosoziotope unter isolierten Bedingungen funktionieren und wie der Expansionsdrang des Menschen, sei er nun kommerziell oder wissenschaftlich motiviert, die Umwelt beeinflusst. Deren Ursprungszustand ist oft für immer verloren – wie auf der willkürlich mit Schweinen bevölkerten Île aux Cochons.

Von den Terres australes et antarctiques françaises zum Mare Balticum: In Lettland erscheint das einzige inländische Comic-Magazin „š!“. Jede Ausgabe enthält, trotz bescheidener Mittel, einen gelungenen Mix aus einheimischen und internationalen Künstlern in hoher Druckqualität und perfekter Farbreproduktion, und fast immer widmet man sich einem Thema. Heft 10 mit dem Titel „Sea Stories“ setzt sich auf außerordentlich fantasievolle Weise mit dem Element auseinander.

Der polnische Zeichner Maciej Sienczyk hat das Titelbild gestaltet. Im Inneren des Büchleins erzählt er in flächigen Bildern und gedeckten Farben von absurden Begebenheiten zur See und spinnt so eine ganz eigene Art Seemannsgarn. Und während Buchstaben den unteren Bildrahmen wie Wellen die Küste umspülen, führt die lettische Künstlerin Anete Lielpetere ihre Protagonistin sanft auf den Grund des Meeres hinab.
Der US-Amerikaner KJ Martinet hat ein finsteres Schiffbruchdrama gezeichnet, in tintenschwarzer See, gebrochen von akzentuiertem Farbeinsatz; seine Landsmännin Laila Milevskis eine zart kolorierte Liebesgeschichte zwischen einem Wal und einem Vogel, die die Unvereinbarkeit natürlicher Gegensätze illustriert. Box Brown aus Philadelphia schließlich versteht es, nicht nur klug Klischees japanischer Erotik gegen den Strich zu bürsten, sondern verleiht seinem rot-weiß separierten Tiefseetechtelmechtel mit Tintenfisch zusätzlich ironische Tragik.

Das Panoptikum der gegenwärtigen Comic-Kunst in „Sea Stories“ ist eine ganz eigene Expedition in unbekannte Gefilde, eine ungeheuer vielfältige Reise durch das Meer der Imagination. Oliver Ristau

Emmanuel Lepage: „Reise zum Kerguelen-Archipel“, aus dem Französischen von Tanja Krämling, Splitter Verlag, Bielefeld, 2012, 160 Seiten, 29,80 Euro

Baltic Comic Magazine!, Nr. 10: „Sea Stories“, Biedrıba Grafiskie stasti, Riga, 2012,
180 Seiten, 12 US-Dollar, über www.komikss.lv


Im Wellental der Einsamkeit
Das Meeresrauschen als trauriger Dauerton in einer Liebesgeschichte, die wenig vom Glück, aber viel von den Menschen erzählt

Ein melancholisch-atlantisches Buch hat Anne Weber über den Keil geschrieben, den das Schicksal in zwei ereignislose Leben treibt. Aus Trostlosigkeit und Monotonie heraus finden zwei Menschen für kurze Zeit zueinander. Er, die Hauptfigur Sperber, lebt nach einem gescheiterten Leben in einer kleinen Hafenstadt an der französischen Atlantikküste. Sie, eine Dame namens Luchs, die vor allem durch die Augen des Helden beschrieben wird, geht in Paris ihrer Arbeit als Hebamme nach. Beide sind von Einsamkeit umgeben, sind innerlich verwundet. Luchs trägt die Spuren einer traumatischen Vergangenheit gar am Körper: Kidnapper haben ihr, einziges Kind reicher Eltern, einst einen Finger abgehackt.

Während ihres Sommerurlaubs an der Küste begegnet Luchs dem gealterten,
kahlen und mittellosen Sperber, der seine Tage mit Spaziergängen am Meer und Kneipenbesuchen verbringt. Unvermittelt drückt sie, die Unbekannte, dem Mann am Kai einen Kuss auf die Lippen, während dieser noch die Bewegungen von Meeräschen verfolgt, die „in trägen, glanzlosen Schwärmen das Hafenwasser durchforsten“. Die Suche nach der geheimnisvollen blonden Frau, eine Begegnung in Paris, wohin Sperber ihr nachreist, zwei kunstvoll beschriebene, in Liebe und Wollust getauchte Tage und Nächte sowie ein tragisches Ereignis am Ende des kurzen Glückes bilden den ersten Spannungsbogen dieses Romans. Der letzte Teil ist Sperbers Trauer gewidmet, der zurück in sein schäbiges Zimmer am Hafen zieht und dort eine wunderliche Veränderung erlebt.

Der Atlantik spielt in dieser Liebesgeschichte eine wichtige Rolle, nicht nur als Abbild innerer Vorgänge wie Verzweiflung, Trübsinn, Irrheit. Das Meer gibt die Struktur vor. Wie im Sog der Gezeiten werden die Helden zueinandergespült und auseinandergerissen. Fast scheint die Brandung die Geschichte zu erzählen: Ihre Gleichgültigkeit verleiht den Ereignissen Tragik, kaum trägt eine Welle die Helden auf ihren Kamm, wo sie Luft zum Atmen haben und die Liebe kennenlernen, drückt der Sog der nächsten sie schon unter Wasser.

Dem Atlantik ist in Paris der Strom der Autos gleichgesetzt, der die beiden pulsierend umfließt. In der Stadt entdeckt Sperber, wie sehr ihm das Meer fehlt: „… jeden Tag, ich brauche nur ein paar Schritte zu gehen, ist aufs Neue ein unbegrenzter Reichtum vor mir ausgebreitet. Ich gehe los und atme den Aufwachwind ein, der beinahe immer vom Meer her weht …“, erzählt er der Geliebten.

Anne Weber wurde 1964 in Offenbach geboren und lebt seit 1983 in Paris. Ihre Übersetzungen und Romane wurden mehrfach ausgezeichnet. Mit ausgeprägtem Sinn fürs Wesentliche hat sie nun einen Roman geschrieben, der kompakt,
ergreifend und sehr elegant ist. „Tal der Herrlichkeiten“ ist in zweierlei Hinsicht ein Liebesroman: Er handelt von der großen Liebe zwischen zwei Menschen und der zu den Elementen. Am Ende bleibt Sperber seine alte, ritualisierte Liebe zum Meer. Es empfängt ihn, lädt ihn zum Dialog. So manches Versprechen brechen die Wellen, Unerwartetes lösen sie ein. Die Brandung bleibt, wie eine unberechenbare und doch treue Geliebte. Brigitte Kramer

Anne Weber:„Tal der Herrlichkeiten“, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2012,
256 Seiten, 18,99 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 95. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 95

No. 95Dezember 2012 / Januar 2013

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