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Ein Schiff wird kommen
Seit 16 Jahren fotografiert der Wahlhamburger Thomas Kunadt Ozeanriesen. Ein monumentaler Band zeigt seine besten Bilder

Manche Männer verfallen Lokomotiven. Andere Flugzeugen. Und wieder andere können sich an Schiffen nicht sattsehen. So wie Thomas Kunadt. Seit 16 Jahren beobachtet, zählt und fotografiert er wie besessen Tanker, Kreuzfahrer und Containerschiffe. Tag für Tag. Sein Archiv umfasst mehr als 200 000 Fotos sowie die statistischen Daten zu über 590 000 Schiffen. Das Schöne: Den gelernten Musikwissenschaftler (Porträt im marereise-Sonderheft „Hamburg“) inspirieren die Ozeanriesen zu großartigen Bildern, die nicht nur Technikfreaks begeistern.

Sein neuestes Buch „Schiffe. Eine Passion“ wiegt 4,4 Kilogramm und vereint auf 616 Seiten mehr als 1000 eigenwillige Schiffsporträts. Wie blutverkrustete Wunden wirken die Rostflecken, Dellen und Schleifspuren, die sich in eine Schiffswand gegraben haben. Monströse Containerstapel an Bord eines Lastkahns erinnern an die Wolkenkratzer von Chicago. Das Foto eines Frachters, in schummriges Licht getaucht, hat eine so melancholische Anmutung, dass man sich an die „Toteninsel“ von Arnold Böcklin erinnert fühlt. „Mein Platz ist an Land“, bekennt Kunadt, der 1967 in der Lausitz geboren wurde und sich das Fotografieren selbst beigebracht hat, im Vorwort. Dennoch ist er immer wieder mitgefahren. Manche der Bilder hat er auf hoher See geschossen, andere im Hafen von Hongkong, Istanbul oder San Francisco. Zwischen manchen Fotos, die im Buch direkt aufeinanderfolgen, liegen Tausende Kilometer oder viele Jahre Distanz. Lediglich Perspektive, Farbe oder thematische Klammern wie „Schiff und Mensch“, „Hafennacht“ oder „Die Queen“ (so das Kapitel über das Luxuskreuzfahrtschiff „Queen Mary 2“) verbinden sie. Insgesamt stammen die Bilder aus 18 Ländern. Den größten Teil aber hat Kunadt in seiner Wahlheimat Hamburg aufgenommen, am Blankeneser Fähranleger.

Kunadt gehört nicht zu den Fotografen, die eine unverwechselbare Bildsprache ständig reproduzieren. Für jedes Motiv sucht er neu nach der adäquaten fotografischen Umsetzung. Oft wartet er monatelang auf den „idealen Moment“, um den Charakter eines Tankers zu erfassen.

Es geht in diesem Buch nicht nur um die Faszination für unterschiedliche Schiffstypen. Über die Jahre ist ein Gesamtporträt des modernen Welthandels und der technischen Kulturgeschichte entstanden. Neben Bodenschätzen, Nahrungsmitteln und Industrieprodukten werden heute etwa auch immer mehr Einzelbauteile über die Meere transportiert. „Bevor ein so komplexes technisches Gerät wie ein Automobil in Deutschland vom Band rollt“, schreibt Kunadt, „hat die Summe der Teile wahrscheinlich schon mehrere Erdumrundungen zur See hinter sich.“ Auch davon erzählen seine Bilder. Und einige der Porträts lassen sich gar als Allegorien für aktuelle politische Entwicklungen betrachten: An einem wuchtigen Schiffsrumpf prangt, von Rost zerfressen, der Schriftzug „National Glory“. Weiter oben hängt eine verloren wirkende US-Flagge schlaff nach unten.

Thomas Kunadt wird wohl auch an diesem Tag mit der Kamera ans Elbufer pilgern und auf „ideale Momente“ warten. Er ist ein beneidenswerter Mensch. „Drei Schiffe am Tag“, so der Fotograf, „reichen schon zum Glücklichsein.“ Till Hein

Thomas Kunadt:„Schiffe. Eine Passion“, Klaas Jarchow Media, Hamburg, 2012, 616 Seiten, 344 Fotos, 168 Euro, zu beziehen über: www.kunadt-schiffe-passion.de

An die Wahrheit angedockt
Gut recherchierte Reisen in die Vergangenheit: Erstmals erscheinen die Hafenreportagen des New Yorkers Joseph Mitchell auf Deutsch

Die Verschmutzung des New Yorker Hafens hatte in den frühen fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein bedenkliches Ausmaß angenommen. Die Hafenarbeiter scherzten, in Flaschen gefüllt, könne man das Hafenwasser als Gift verkaufen, schreibt Joseph Mitchell. Dem Leben und Arbeiten im Hafen sind seine Reportagen für den „New Yorker“ aus den vierziger und fünfziger Jahren gewidmet, die schon 1959 in Buchform publiziert wurden. Mit gewaltiger Verspätung sind sie nun in gelungener Übersetzung auf Deutsch erschienen. Und lesen sich heute wie ein Kompendium historischer Fischfangmethoden und Lebensformen, hart und naturnah, in ständigem Kampf mit den Folgen von Industrialisierung und sich rapide wandelnder Infrastruktur.

Atemlos wie eine Radiostimme weiß Mitchell den Namen von See- und Flussfischen oder Schiffstypen einen magischen Klang zu verleihen: Hinter jedem scheint sich eine Tür zu einer eigenen Welt zu öffnen. Die Geschichten beginnen meist mit weitschweifigen Schilderungen von Fauna und Flora. Von Wracks ist die Rede, in denen sich Fische tummeln, von Aalen, die am Hafengrund leben, in der Nähe von Unterseekabeln und Abwasserkanälen. Man erfährt von Austernbänken, die wegen Wasserverschmutzung und Typhusgefahr von der Gesundheitsbehörde nach und nach geschlossen werden mussten. Und gerade wenn man, bei allem Reiz, den Mitchell in diese Berichte hineinzulegen weiß, doch ein wenig zu ermüden beginnt, setzt die eigentliche Story ein.
Männer unterschiedlicher Profession, alle lebensklug und im Nebenberuf Alltagsphilosophen, verwickelt der Reporter in Gespräche. Wie Louie, den italienischen Hafenwirt, der auch aus wenig beachteten Fischen die wunderbarsten Gerichte zuzubereiten weiß. Seit 20 Jahren betreibt er sein Lokal im Erdgeschoss eines aufgegebenen Hotels, ohne die oberen Etagen je betreten zu haben: Er war gewarnt worden, der alte Fahrstuhl mache das nicht mehr mit. Oder Ellery Thompson, ein Kapitän, dessen Ansehen sich auf seinen sorgsamen Umgang mit Netzen und die Kenntnis der Gewohnheiten der Fische gründet und der sich in seinen mittleren Jahren als Marinemaler versucht. Wie Mitchell liebt er die Details, am liebsten würde er die „Köpfe der Nägel in den Planken und die Knoten im Tauwerk abbilden“, wäre er nicht von seiner Ma gewarnt worden, dass das Kitsch sei. Mr. Hunter, Vorsitzender des Kirchenvorstands der African Methodist Church, bäckt, weit über 80 Jahre alt, noch immer Torten für seine Gemeindemitglieder und weiß die Familiengeschichte eines jeden Toten auf dem Friedhof zu erzählen. „Die Begräbnisse waren viel trauriger, als die Leichenwagen noch mit Pferden gezogen wurden“, sinniert er.

Mitchells Reportagen hinterlassen ein ähnliches Gefühl: Das prosaische Leben der Fischer und ihrer Familien scheint in seiner Schilderung existenziellere Erfahrungen bereitzuhalten als die technisierten Arbeitsprozesse heute. Das liegt nicht nur an der Genauigkeit, mit der Mitchell dem Leben und Arbeiten am Hafen auf den Leib rückt. Gerade der Schilderung nüchterner Alltäglichkeit widmet er sich mit sanfter Wärme.
Andrea Gnam

Joseph Mitchell: „Zwischen den Flüssen“, aus dem Amerikanischen von Sven Koch und Andrea Stumpf, Diaphanes, Zürich, 2012, 268 Seiten, 22,90 Euro

 

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 98. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 98

No. 98Juni / Juli 2013

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