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Die kleinste Einheit des Strands
Ein schwärmerischer Forensiker erschafft mit Sandkörnern aus aller Welt und einem Polarisationsmikroskop bunt schillernde Werke

„Die Welt in einem Sandkorn sehen / Und den Himmel in einer wilden Blume / Die Unendlichkeit in deiner Handfläche halten / Und die Ewigkeit in einer Stunde.“ Die Zeilen, die der englische Dichter William Blake vor über 200 Jahren schrieb, haben es Matthias Burba angetan. Besonders die erste: Seit Jahrzehnten sammelt er Sand. Und er sieht auch eine Menge darin, bevorzugt durch das Okular eines Mikroskops. Es passt also, dass Burba die Zeile als ­Titel einer Fotoausstellung gewählt hat, die Sandkörner aus aller Welt unter dem Polarisationsmikroskop zeigt.

Burba, in seinem Berufsleben Forensiker, sammelte auf privaten und dienstlichen Reisen über die Jahrzehnte mehr als 600 Sandproben. Zum Sandconnaisseur wurde Burba, Jahrgang 1954, dank eines traumhaften Studentenjobs, vermittelt vom Arbeitsamt. Als Mitarbeiter einer französischen Fluggesellschaft gehörten auch Botenflüge zu seinen Auf­gaben, er lieferte Dokumente, Verträge und Medikamente in die französischsprachige Welt aus. Von den Stränden, viele noch nicht von Touristen entdeckt, brachte er jedes Mal Sand mit. „Nur einen Teelöffel voll“, sagt er. „Der enthält zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Sandkörner. Das ist mehr als genug für den Mikroskopiker.“ Als sich von den ersten Gläsern und Tüten die Beschriftung ablöste, orderte er auf dem Markt Vergleichsproben, um sie wieder zuordnen zu können.

Die Sandkornbilder, die das Polarisationsmikroskop erzeugt, sehen allerdings anders aus als bei einem Lichtmikroskop. In ihm sind zwei Filter, die das Licht ausrichten, so angeordnet, dass sich die Polarisierungen gegenseitig auslöschen. Als Betrachter schaut man zunächst ins Schwarze. Erst, wenn ein Gegenstand zwischen den Filtern liegt und das Licht ablenkt, entsteht ein Bild. Risse und Riefen werden sichtbar, ein in Regenbogenfarben schillerndes Röntgenbild. Je nachdem, wie man das Sandkorn unter dem Mikroskop dreht, fällt der Blick auf unterschiedliche Details. Burba vergleicht das mit einem Haus, um das man herumläuft: Aus dem einen Winkel sieht man einen Sessel, aus einem anderen das Bett oder den Küchentisch.

Doch welche Geschichte haben Sandkörner? Was unterscheidet nun Sand von Sand? Wer Burba diese Fragen stellt, sollte Zeit mitbringen, das Sandkorn unter dem Mikroskop gibt so vieles preis. „Jedes Sandkorn trägt 150 bis 180 Millionen Jahre Geschichte in sich“, sagt er. „An der Oberfläche zeigen sich die Transportvorgänge aus den letzten 10 000 Jahren.“ Wurde es in der Luft ­herumgewirbelt? Rieb es sich an seinen Artgenossen, bis es rund geschliffen war? Oder war es in Wasser gebettet und durfte seine Ecken und Kanten behalten?

„Tiefgehende Ereignisse hinterlassen deutliche Spuren“, erklärt Burba. Sand von Helgoland zum Beispiel sehe man, je nach Fundort, an der Oberfläche an, dass dort eine große Detonation stattgefunden habe – der Versuch der Engländer, nach Ende des Zweiten Weltkriegs sämtliche Militäranlagen dort mit einem Mal zu sprengen. Und auch Sand aus dem Teil der algerischen Wüste, in dem die Franzosen in den 1960er-Jahren Atombombenversuche unternahmen, sei zu erkennen. „Unter dem Mikroskop findet man mitunter kleine Glaskügelchen, die bei der Explosion aus dem Wüsten-sand zusammengeschmolzen sind.“ Bei penibler Untersuchung entdecke man diese sogar in dem Saharastaub, der mit dem Wind nach Europa gedriftet wurde, versichert Burba. Stamme der Sand aus anderen Regionen der Sahara, finde man diese Kügelchen nicht.

Für seine Ausstellung in Berlin hat Matthias Burba Sand von Portugal bis Französisch-Polynesien ausgesucht, von Helgoland bis zur Magellanstraße. „Ich habe mich in der Landschaft aufgehalten, vor allem die Wahrnehmung von Farben im Kopf gespeichert“, sagt Burba. „Im Sandkorn suche ich ein Bild, in dem sich die Wahrnehmungen berühren.“ Ein bisschen Sand dürfen sich die Besucher im kleinen Umschlag aus der Ausstellung mitnehmen. Und zu Hause vielleicht noch einmal nachschauen, welche Welt sie selbst darin sehen. Martin Kaluza

Ausstellung: „Matthias Burba, Max Seeger. Die Welt in einem Sandkorn sehen“, Alfred ­Ehrhardt Stiftung, Berlin, bis 6.9.2026, www.aestiftung.de


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mare No. 177August / September 2026

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