Die Helden der Hafenstädte
Bauwerke beschreiben kann jedes Reisebuch. Eine neue Reihe widmet sich auf anregende Weise den berühmten Bewohnern einer Stadt
Genau so etwas hatte man schon immer vermisst, ohne es wirklich zu wissen. Sobald jedoch die Finger über das hell- und dunkelblaue, das lindgrüne und roséfarbene Leinen der handlichen Bücher streifen, sobald die ersten Seiten aufgeschlagen sind – ein festes Weiß, auf dem die Schrift mitsamt den zahlreichen Illustrationen vorteilhaft zur Geltung kommt – wird es unabweisbar: Das hier hatte tatsächlich gefehlt, war eine Lücke gewesen auf dem angeblich doch so übersättigten Buchmarkt. „MerianPorträts“ heißt die neue Reihe, und vorgestellt wird jeweils „Eine Stadt in Biographien“.
16 schmucke Bändchen sind bereits erschienen, sie widmen sich beispielsweise Barcelona, Dublin und Venedig, wir beginnen unsere kleine Testreise anlässlich vier neuer Veröffentlichungen der Reihe im Norden, in St. Petersburg. Gewiss: Zar
Peter und Lenin, Rasputin und die Oktoberrevolution – da glaubt man bereits so manches zu wissen aus jenen historisch-literarischen Häppcheninfos, wie sie gediegene Reiseführer so gern als umrahmtes Kästchen in die Seiten streuen. Christiane Bauermeister und Eva Geberding, die beiden Autorinnen des Bandes, beglücken uns viel dezidierter und detailreicher mit veritablen Miniaturessays, atmosphärisch dicht und faktensatt, etwa über die spannende Biografie von Ilja Repin, des „russischen Rembrandt“. Wo seine Bilder in St. Petersburg zu finden sind, ist am Schluss des Textes dann übrigens ebenso präzis vermerkt (inklusive Metroverbindung, Öffnungszeiten der Museen und Gedenkstätten) wie die Daten zum Fabergé-Haus, welches man nach Lektüre dieses Buches dann tatsächlich mit dem guten Gefühl besuchen kann, nun bereits Profunderes über den weltweit berühmten Juwelier der Zarenfamilie zu wissen.
Der Maler Malewitsch und die zwangsemigrierten Schriftsteller Vladimir Nabokov und Joseph Brodsky ziehen den Bogen nach Westen, wo dann im vermeintlich unauffälligen Stockholm bereits das nächste „Aha“-Leseerlebnis, verfasst von Holger Wolandt, wartet. Denn Hand aufs Herz, hatte man es wirklich noch auf dem inneren Wissensschirm, das im hiesigen Jugendstilkino im Jahr 1924 die ersten Filme mit Greta Garbo gezeigt worden waren – Verfilmungen der Romane Selma Lagerlöfs, der ersten weiblichen Literaturnobelpreisträgerin – und gleich in der Nähe Ingmar Bergman ein halbes Jahrhundert lang als Theaterregisseur wirkte? Europäische Verknüpfungen auch hier: Den in Stockholm ansässigen Forschungsreisenden Sven Hedin zog es nicht nur in den Himalaja, sondern auch zu Hitler, vor dessen Regime wiederum die jüdisch-deutsche Dichterin Nelly Sachs (und dies mit der Hilfe Selma Lagerlöfs) Anfang 1940 und in quasi letzter Minute fliehen kann – ins rettende Stockholm, wo sie 1966 dann ebenfalls den Literaturnobelpreis erhalten würde.
Dargeboten wird all das freilich ohne akademische Langatmigkeit und ist ebenso anekdotenreich wie der Hamburg gewidmete Band von Marina Bohlmann-Moderson: Wissenswertes und elegant Geschriebenes über Klaus Störtebeker und Matthias Claudius – bis hin zu Uwe Seeler, Jil Sander und Loki und Helmut Schmidt, ebenso nicht zu vergessen „Hotel Atlantic“-Dauergast Udo Lindenberg, Rudolf Augstein und die Kultprostituierte Domenica. Das alles ist so erfreulich, dass sogleich auch die Ansprüche steigen und etwa die Frage auftaucht: Aber Hamburg so ganz ohne Wolf Biermann, den Heinrich Heine unserer Zeit, und auch ohne Fritz J. Raddatz und die Gräfin Dönhoff, ohne welche – obwohl miteinander herzlich verfeindet – die deutsche Nachkriegspublizistik undenkbar gewesen wäre? Immerhin können wir uns mit Johannes Brahms, Hans Albers und der Choreografenlegende John Neumeier trösten.
Während es den 1942 in den Vereinigten Staaten Geborenen an Elbe und Nordsee zog, folgten andere der Devise „Go West“, so etwa ein gewisser Löb Strauss aus dem fränkischen Dörfchen Buttenheim, der im Jahr 1853 nach San Francisco kam. Eine Jahrhunderte übergreifende Geschichte, die zumindest in Ansätzen bekannt zu sein scheint, kann man dem Erfinder der Bluejeans doch noch heute dankbar sein. Nun vermeidet Bettina Winterfeld, als Autorin für den San-Francisco-Band zuständig, in ihren Porträts jedoch jegliche Klischees – mit dem Resultat, dass man dann nicht nur über jenen Levi Strauss viel Neues erfährt, sondern auch über dessen dichtenden Namensvetter Joseph Strauss, der immerhin die Golden Gate Bridge konstruiert hatte. Ganz zu schweigen vom Mexikaner Carlos Santana, von Steve Jobs, Janis Joplin oder dem LSD-Papst Timothy Leary, der später aus den USA flüchtete, jedoch 1973 gefasst wurde.
Und wo? In Kabul. Wie gesagt: Diese biografische Städtereihe ist ein kleines Welttheater, zum Erstaunen und Ergötzen des weltneugierigen Publikums. Marko Martin
Christiane Bauermeister, Eva Geberding: „St. Petersburg. Eine Stadt in Biographien“, Travel House Media, München, 2013, 176 Seiten, 16,99 Euro
Holger Wolandt: „Stockholm. Eine Stadt in Biographien“, Travel House Media, München, 2013, 176 Seiten, 16,99 Euro
Marina Bohlmann-Moderson: „Hamburg. Eine Stadt in Biographien“, Travel House Media, München, 2013, 176 Seiten, 16,99 Euro
Bettina Winterfeld: „San Francisco. Eine Stadt in Biographien“, Travel House Media, München, 2013, 176 Seiten, 16,99 Euro
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