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Vom Zittern und Rauschen
15 Tiertexte von Alexander von Humboldt fanden ihren Weg in einen prachtvollen Band der kleinen und feinen Friedenauer Presse

Als Alexander von Humboldt am 5. Juni 1799 Europa verlässt, um sich mit dem Schiff auf seine fünfjährige Forschungsreise nach Amerika zu begeben, war er vieles, aber bestimmt kein Zoologe. Humboldt hatte seine Forschungen 1793 mit Studien zu unterirdisch in Höhlen wachsenden Pflanzen begonnen. Dabei entdeckte er so viele unbeschriebene Pflanzen, dass er sich in Fachkreisen einen Namen machte und auch Goethe seine Bekanntschaft suchte. Als Botaniker ging Humboldt daher genauso in die Wissenschaftsgeschichte ein, wie er zu den Ers- ten gehörte, die ein außerordentliches Gespür für die „stammweise so verschiedene Lebendigkeit des Naturgefühls“ von verschiedenen Menschen in verschiedenen Weltgegenden haben.

Man würde daher Humboldt nicht zu nahe treten, wenn man ihn als den ersten Naturanthropologen bezeichnete, der ein Ohr für die Unterschiede des Wiederauftauchens von Naturgeräuschen in verschiedenen Sprachen hatte. Und wenn man nach einem Verdienst des gerade in der Friedenauer Presse erschienenen Prachtbands „Tierleben“ suchen will, dann liegt er neben hundert anderen in der wie beiläufig dokumentierten Empfänglichkeit Humboldts für die Geräusche und Farben der Natur.

Der Band versammelt in dieser Zusammenstellung erstmals 15 Tiertexte aus Humboldts Gesamtwerk, die zu seinen Lebzeiten in seinen Buchwerken oder als Aufsätze, Artikel, Essays und Briefabdrucke in Zeitschriften und Zeitungen erschienen waren.

Die Herausgeberin Sarah Bärtschi hat die Tierporträts nach vier Großlebensräumen geordnet und zu dem Band ein wunderbar instruktives Nachwort geschrieben. Im Wasser, in den Wäldern, in Höhlen und in den Lüften leben die Tiere von der Meduse über den Jaguar bis zu den Kondoren. Dabei gelingt es Bärtschi auf eben auch großartig beiläufige Weise, zwei sich scheinbar widersprechende Eigenheiten Humboldts im Buch abzubilden. Da ist zum einen Humboldts systematisch unsystematische Hinwendung zu den Tieren. Humboldt interessiert sich für Tiere im Unterschied zu Pflanzen nicht aus biologisch-systematischen Gründen. Er will nicht ihre Gattungen studieren oder neu ordnen, und dementsprechend verstreut tauchen seine Tierbeschreibungen im Werk auf.

Humboldt lässt sich von Geräuschen, Gesängen, Farben und Geschichten über die Tiere affizieren und folgt dann dem jeweiligen Tier ebenso unsystematisch. Zu den ersten bleibenden Eindrücken während der Überfahrt zählte für Humboldt und seinen Freund, den Botaniker Aimé Bonpland, das Meeresleuchten.

Wenn Bärtschi das „Tierleben“ mit einem Eintrag über „Medusen“ beginnen lässt, dokumentiert das also gleichzeitig unterschwellig so etwas wie die Chronologie der Eindrücke und Gedanken Humboldts im Verlauf der Reise.

Das setzt sich im zweiten Eintrag über die „Zitteraale“ fort, der im angelsächsischen Sprachraum zu den berühmtesten Texten Humboldts zählt. Warum das so ist, kann man hier gut nachvollziehen. Humboldt beginnt mit der unvorstellbaren Menge, die Zitteraale in kleinen stehenden Gewässern erreichen können, was sich mit den Beschreibungen aller Naturreisenden des 19. Jahrhunderts deckt. Wie da Aal an Aal, Piranha an Piranha oder Krokodil an Krokodil liegen konnte, ohne dass auch nur ein Hauch an Platz zwischen ihnen zu sein schien, überstieg die Vorstellungskraft der europäischen Reisenden. Leicht war es für Humboldt aber trotzdem nicht, die Zitteraale selbst in Augenschein zu nehmen, um sie lebendig und tot zu untersuchen.

Auf dem Weg zu den Aalen nimmt er die indigenen Erzählungen genauso ernst wie alle anderen auch – eine Tatsache, die zu einem der Hauptmerkmale Humboldtscher Literatur zählt. Deren methodische Grundannahmen werden im Eintrag zum „Nachtaffen“ so beiläufig erzählt, wie dieser ganze Band in seiner Beiläufigkeit Humboldt in seiner Auseinandersetzung mit 15 Tieren aufscheinen lässt. Das ist einfach schön und lehrreich. Cord Riechelmann

Alexander von Humboldt: „Tierleben“, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Sarah Bärtschi, Friedenauer Presse, Berlin, 2019, 184 Seiten, 24 Euro


Der Lotse des Königs
Jacques de Vaulx, königlicher Kartograf aus Le Havre, gestaltete im 16. Jahrhundert ein Prunkwerk, das jetzt nachgedruckt wurde

Seebücher oder auch Segelanweisungen waren im 16. Jahrhundert nichts Neues. Schon seit dem Mittelalter waren Bücher bekannt, die Schiffern und Steuerleuten den Weg durch die Gewässer bahnen sollten – mit essenziellen Informationen zu Gezeiten, Ankerplätzen, Strömungen oder Wassertiefen. Eines der bekanntesten Werke dieser Art war etwa der Anfang des 16. Jahrhunderts in Rouen erschienene „Routier de la mer“.

Neu waren seit der Renaissance aber prächtige Abbildungen in den nautischen Büchern – kartografische Gemälde, die Teile kunstvoll illuminierter Handschriften waren. Eines der schönsten Bücher dieser Art ist „Les premières Œuvres de Jacques de Vaulx, Pilote pour le Roy en la Marine“, erschaffen 1583 durch den aus Le Havre stammenden Kosmografen, Kartografen und Seefahrer Jacques de Vaulx.

Das jetzt nachgedruckte Werk, dessen Original sich mit seinen 31 Folios und zwölf Volvellen, Abbildungen auf drehbaren Scheiben, in der Bibliothèque nationale de France in Paris befindet, umfasst farbkräftige, zum Teil vergoldete Bilder von Seekarten, Gezeitentafeln und Darstellungen von Navigationsinstrumenten – ein veritables Kompendium der vielen Neuerungen auf den Feldern der Nautik und Navigation.

Das Buch wurde als Nachschlagewerk von Seefahrern genutzt, hatte also ganz praktische, alltägliche Anwendungsbe- reiche, doch sollte es auch das astronomische, geografische und kartografische Wissen seiner Zeit darstellen – und überdies jenem als Repräsentationsobjekt dienen, der es in Auftrag gegeben hatte, nämlich Herzog und Admiral Anne de Joyeuse, dem Statthalter König Heinrichs III. in der Normandie.

Das nun wiederveröffentlichte Werk ist nicht nur ein Leckerbissen für alle, die sich für historische nautische Instrumente wie das scheibenförmige Astrolabium oder den Jakobsstab, einen Vorgänger des Sextanten, begeistern können, sondern auch für Meeresfreunde, die sich dafür interessieren, wie man im 16. Jahrhundert die Gezeiten berechnet hat.

Kunstliebhaber kommen keinesfalls zu kurz, denn die Hafenansichten, Weltkarten und Volvellen zur Vorhersage astronomischer und astrologischer Phänomene erfüllen auch künstlerischen Anspruch. Bei den Illustrationen muss wohl ein anonymer Meister geholfen haben, schreibt Jean-Yves Sarazin in seinem Essay, während die gezeichneten Karten und das „Porträt der französischen Stadt Le Havre de Grace“ von de Vaulx selbst stammen.

In zwei einführenden Essays beschreiben Sarazin und Gerhard Holzer den historischen Kontext, in dem „Les premières Œuvres de Jacques de Vaulx …“ erschaffen worden ist. In einem von Religionskriegen zerrissenen Frankreich entstand zum Ausklang des 16. Jahrhunderts dieses gleichermaßen betörende wie immer noch rätselhafte Werk, das erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde.

Der königliche Seelotse de Vaulx (auch Devaulx), über dessen Biografie wenig bekannt ist, war ein Universalgelehrter, wie Sarazin schreibt. „Devaulx scheint alles zugleich gewesen zu sein: meereskundiger Seefahrer, Hydrograf und Kosmograf.“ Er war ein Abenteurer, ein Forscher, ein Wissenschaftler, aber auch ein Künstler, der es verstand, glanzvoll und prächtig von dem zu berichten, was die französische Nautik seiner Zeit umgetrieben hat.

„Was bei Devaulx’ Handbuch verwundert“, so resümiert Sarazin, sei „der scheinbare Widerspruch zwischen der Gestaltung und dem Inhalt des Werkes. Zum einen ist es aufgrund seiner sorgfältigen Ausführung in kunstvoller handschriftlicher Form ein Prunkwerk […], zum anderen lässt es das Bemühen erkennen, neueste wissenschaftliche Kenntnisse und noch ungelöste Probleme wie die magnetische Deklination oder die Suche nach der Länge einzubeziehen“. Der Titel des Bandes „Les premières Œuvres …“ deutet an, dass der Verfasser im Sinn hatte, weitere Werke folgen zu lassen. Doch diese, so sie denn geschrieben wurden, sind bisher nicht entdeckt. Marc von Lüpke

Jean-Yves Sarazin (Hrsg.): „Jacques Devaulx. Nautische Werke“, Taschen, Köln, 2018, 264 Seiten, 100 Euro

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 134. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 134

No. 134Juni / Juli 2019

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