Ein Seebad, zwei Perspektiven
Mit bösem Witz der eine, düster und melancholisch der andere: Wie die Maler James Ensor und Léon Spilliaert ihre Heimat Ostende sahen
das mu.zee in Ostende bespielt seinen neuen Flügel in einer Dauerausstellung mit zwei berühmten Söhnen der Stadt: James Ensor lebte bis 1949 über einem Muschelladen und ließ das lokale Treiben in seine grotesken Massenszenen einfließen. Der 20 Jahre jüngere Léon Spilliaert trieb sich nachts am Strand herum, um sich für seine Porträts einsamer Spaziergänger zu stimulieren.
Ensor fühlte sich von dem Jüngeren lange in seiner Position bedroht. Der beschrieb den Älteren wiederum als einen traurigen Kauz, der sich in seinem vor Muscheln überquellenden Haus einschloss. Anfang der 1920er-Jahre fanden sie doch noch im gegenseitigen Respekt zueinander. Sie tauschten sich über die neuesten Pigmente aus und hielten wohlwollende Distanz. Freunde wurden sie nie. Dafür war ihr Blick auf die Welt wohl zu verschieden. Dem spirituell angehauchten Spilliaert fehlten Ensors makabrer Humor und die Freude an der extrovertierten Präsenz in der Öffentlichkeit. Er zog sich lieber auf die Polder zurück, spielte mit seiner geliebten Tochter Madeleine und sinnierte über die kosmische Beseelung des Meeres. Zu Chronisten ihrer Stadt wurden sie aber beide.
Ensor erlebte den Wandel zur Sommerresidenz von König Leopold II. mit. Als er nach dem Kunststudium in Brüssel in seinen Geburtsort zurückkehrte, waren die Fischer und Bauern, die er als Jugendlicher porträtiert hatte, bereits ins Hintertreffen geraten. Für seine Mutter, die einen Souvenirladen unterhielt und Gästezimmer vermietete, erwiesen sich die Touristen indes als Glücksfall. Ihre Vasen, Karnevalsmasken und Korallen verkauften sich blendend. Ensor bediente sich aus dem Sortiment für sein Atelier, und manches der exotischen Mitbringsel tauchte in seinem Bilduniversum auf.
Mit dem Freund Ernest Rousseau, der Medizin studierte und zu Hause ein Skelett auf dem Sofa beherbergte, ließ er sich tobend in den Dünen fotografieren, als mit Knochen und Schädeln bewaffnete Kontrahenten. Kein Wunder also bei so viel Sinn für Morbides, dass seine Studien flanierender Urlauber ein bitterböses Panorama der damaligen Gesellschaft entwarfen.
Es dauerte eine Weile, bis er mit einem Auftritt auf der Weltausstellung in Paris auch zu Hause Anerkennung fand. Kunstjournalisten pilgerten fortan nach Ostende, das ihn 1930 mit einer Büste ehrte. Der Exzentriker genoss den Ruhm, gab aber noch viel lieber Konzerte auf seinem Harmonium vor Wassily Kandinsky oder Albert Einstein.
Auch Spilliaerts Eltern waren Händler. Ihre Parfümerie belieferte die königliche Familie, und einer ihrer berühmten Düfte nannte sich „Brise d’Ostende“. Wenn der Filius nicht neue Etiketten entwarf, trieben ihn Magenschmerzen in die Nacht hinaus, die der Schlaflose in allen Lichtschattierungen einfing. Gaslaternen am Kai oder das verlassene Hafenviertel malte er in Hell-Dunkel-Kontrasten, einsame Figuren geisterten durch die sanft zerlaufenden Kompositionen – von ausgelassener Ferienlaune keine Spur.
Spilliaert betrachtete Ostende durch die dunkle Brille seiner Krankheit. Das galt auch für die vielen Selbstporträts, die den erschöpften Atem des Fin de Siècle versprühen. Nach dem Ersten Weltkrieg kam die Erlösung. Der vom Tod besessene Einzelgänger gründete eine Familie, die innere Düsternis wich unerwartet Lebensfreude, und sein Stil hellte sich auf.
Einen kurzweiligen Ausflug in die Vergangenheit der ungleichen Männer bieten in dieser Schau die Filme von Henri Storck, auch dieser ein Sohn der Stadt, der in Ensor einen großzügigen Mäzen fand. Der Maler stellte in dessen Kunstraum aus und half ihm, einen der ersten Filmclubs Belgiens zu gründen. Storck feierte die Bewohner Ostendes in poetischen Experimentalfilmen, zwischen Sandburgen und planschenden Kindern findet seine Kamera auch immer wieder surreale Szenen, die an Ensor und Spilliaert erinnern. Eine Verbeugung vor einem Duo, das ohne die Heimat am Meer zweifellos ein anderes künstlerisches Erbe hinterlassen hätte. Alexandra Wach
Dauerausstellung: „James Ensor und Léon Spilliaert. Zwei Großmeister aus Ostende“,
Mu.ZEE, Ostende, Belgien. Dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, www.muzee.be
Odyssee der Grausamkeit
Ein erschütternder Briefroman folgt der fatalen Reise eines rumänischen Flüchtlingsdampfers im Zweiten Weltkrieg
Es gibt einen deutschsprachigen Autor, dessen Name 1973 in Form eines Adjektivs in den Duden aufgenommen wurde. „Kafkaesk“ steht für die literarische Beschreibung eines beklemmenden, ausweglosen Zustands. Ein Beispiel kafkaesker Literatur ist B. Travens 1926 erschienenes „Totenschiff“. Es handelt von der Odyssee eines Staatenlosen auf einem maroden Dampfer, der an Land möchte, dessen Seemannskarte aber nirgends als Ausweis anerkannt wird und der nirgends mehr bleiben kann.
Nun ist, 90 Jahre später, ein zweites „Totenschiff“ erschienen, in einer Zeit, in der Tausende ausweisloser Flüchtlinge Schiffe besteigen. Andreas Pittlers „Totenschiff“ entführt in eine oft beschriebene Vergangenheit: die Zeit des Nationalsozialismus. Aber Pittler schlägt mit seiner Geschichte ein unbekanntes Kapitel auf. Sie beginnt in Bukarest, wo David seiner Mutter Briefe nach Paris schreibt. Er lernt gerade für das Abitur, als auf der Straße Juden verprügelt werden. Wenige Tage später hängen Leichen an Fleischerhaken auf dem Schlachthof. David schreibt, er müsse sich „eigentlich auf die Prüfungen konzentrieren“, doch er „muss immer wieder an diese armen, unschuldigen Menschen denken“.
Pittler schreibt aus der Perspektive des 18-jährigen David, der ungläubig hofft, dass alles nur ein kurzer Spuk sein könne. Damit gelingt es ihm schon auf den ersten Seiten, den Leser an David zu binden. Zumal der Klappentext verrät: Diese Geschichte hat sich tatsächlich ereignet. 1000 Dollar hat Davids Vater für das Ticket bezahlt, um den Sohn in Sicherheit zu bringen. Nach Tagen bangen Wartens in Konstanza am Schwarzen Meer dürfen im Dezember 1941 etwa 800 Juden im Schutz der Dunkelheit an Bord der „Struma“ gehen, eher „ein abgehalfterter Kahn als ein Hochseeschiff“. Obwohl sie das versprochene Visum für Israel noch nicht haben, obwohl es an Bord „nur eine einzige Toilette gibt, und die sieht aus wie ein Loch im Rumpf“, obwohl trotz Dezemberkälte „hundert Passagiere keine Kajüte gefunden und die Nacht im Freien verbracht hatten“, sind alle an Bord glücklich.
Erst als „ein Rattern durch das Schiff“ geht, kippt die Stimmung. „Der Motor hustete, als hätte er Tuberkulose, spuckte noch ein wenig, dann war es mucksmäuschenstill.“ Tagelang treibt das Schiff auf offener See, Krankheit und Hunger beherrschen die Stimmung, bis ein türkisches Boot die „Struma“ in den Hafen von Konstantinopel schleppt, wo sie drei Monate vor Anker liegt. Weder die Türken noch die Briten wollen helfen, niemand darf von Bord. David schreibt: „Nun ist es wirklich nicht mehr auszuhalten. Ich beginne, mich vor den Mitreisenden zu fürchten, denen der Wahnsinn mehr und mehr ins Gesicht geschrieben steht.“ Am 23. Februar schließlich wird die steuerlose „Struma“ wieder aufs Meer geschleppt und ihrem Schicksal überlassen, an Bord hört man „Schreie des Entsetzens, die nichts Menschliches mehr an sich haben“.
Selbst Leser, die das Nachwort zuerst gelesen haben und das Ende der Geschichte kennen, werden David bis zum letzten Satz folgen. Nicht nur, weil sein Schicksal fesselt. Sondern weil es auch heute viele solcher Schicksale zu erzählen gäbe. Hans Korfmann
Andreas Pittler: „Das Totenschiff“, Mandelbaum, Wien, 2016, 228 Seiten, 19,90 Euro
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