Ins Gesicht geschrieben
Der Fotograf Ingo Gebhard hat Unbekannte und Prominente porträtiert. Entstanden ist ein Kaleidoskop von Nordseegesichtern
Fotobücher über das Leben am Meer sind nicht eben selten. Das Maritime ist stets bildwürdig – und auch jene, die am Meer wohnen, geben ein gutes Motiv. Ingo Gebhard, 1966 geboren, in Berlin lebend, gebürtiger Insulaner, hat ein Buch gemacht, bei dem beides zusammenkommt: Porträts und Landschaftsfotografien.
Immer wieder kehrt Gebhard nach Wangerooge zurück und lässt sich berauschen – an der Trias aus Meer, Sand und Wind. Ein Buch über Wangerooge hat er schon fotografiert, sein neuer Band widmet sich nun nicht nur der Landschaft, sondern auch den Menschen, die sie beleben. „Meer-Menschen“ heißt der in fünf Jahren entstandene Band – und dieser folgt der Idee, dass sich die Nordseelandschaft, die jemand bewohnt, auch in sein Gesicht einschreibt. Seine Schwarz-Weiß-Porträts zeigen reichlich gegerbte Gesichter, die nicht alle von den Nordseeinseln stammen, aber zumindest aus dem Norden Deutschlands, wie etwa auch Otto Waalkes oder der Polarfahrer Arved Fuchs. Er zeigt sie ungeschönt, doch seine Bilder beweisen, dass die Schönheit gerade in der Unmittelbarkeit des Ausdrucks liegt.
Die Porträtierten sind – leider – vorwiegend Männer: Fischer, Künstler, Komiker – oder Surfer, wie die Zwillinge Manfred und Jürgen Charchulla von der Insel Fehmarn. Da gibt es einen Inselarzt, einen Strandkorbwärter oder auch den Schlagzeuger der Band Trio, Peter Behrends. Jenen Porträts stellt Gebhard Panoramabilder vom Meer gegenüber: Bilder der Nordsee, oft bei starken Stürmen fotografiert, umtost, von Wolken verhangen, den Gezeiten unterworfen.
Im Vorwort von Nicolai Max Hahn findet sich die schöne Formulierung, man könne durch die Bilder des Fotografen „in das Auge der Welt“ blicken. Es ist die Kraft des Meeres, die Gebhard in seinen Fotografien zum Ausdruck bringt – und im Zusammenspiel mit den Porträts auch die Intensität des Lebens am Meer. „Vor allem spürt man sehr intensiv, dass man am Leben ist“, schreibt Hahn. Kraft, Endlichkeit, Schönheit, Chaos und Ruhe – Großes liegt in diesem kleinen Fotobuch versteckt. Marc Peschke
Ingo Gebhard: „Meer-Menschen“, Laguna, Rostock, 2013, 128 Seiten, 39,80 Euro
Nehmt das Meer als eine Möglichkeit!
Romane dürfen durchaus politisch sein. Ein gelungenes Beispiel von literarischem Engagement bietet Christoph Kellers Mittelmeerdrama
Betrachtet man die Welt vom Wasser aus, hat das einen merkwürdigen Effekt auf die Wahrnehmung: Die Meere verbinden plötzlich Kontinente und Länder, anstatt sie zu trennen. Der Schweizer Schriftsteller und Journalist Christoph Keller hat diese Perspektive für seinen zweiten Roman eingenommen. Auf und am Mittelmeer kreuzen sich vier Lebensgeschichten: Die Europäerin Astèr ist Übersetzerin bei den Vereinten Nationen in New York. Sie gerät 2002 zufällig in den Anschlag islamistischer Terroristen auf Djerba – und nach ihrer Rückkehr in die USA ins Visier der Geheimdienste. Claude war mit seinem Segelboot zu ihr unterwegs, erleidet auf stürmischer See Schiffbruch und treibt auf einer Rettungsinsel „wie geparkt mitten auf dem Meer“, dessen Strömungen er für ein Unterwasserströmungskraftwerk untersucht hatte. In ebenjenem Sturm kentert auch das überfüllte Flüchtlingsboot von Abdoulaye, der aus einem Dorf am Niger stammt und sich auf dem Wrack von Claudes Yacht nach Lampedusa retten kann. Und dann ist da noch Tahar, Astèrs Taxifahrer, der mit den Terroristen von Djerba in seiner Jugend befreundet war und nun, unschuldig zwischen die Fronten geraten, auf der Flucht ist.
Keller hat mit diesen traurigen und wütenden Träumern faszinierend willensstarke Figuren geschaffen, denen er eine je eigene, plausible Sprache gibt. Eine bemerkenswerte literarische Leistung, wie auch der gelungene Versuch dieses aufregend gegenwärtigen Romans, das Mittelmeer als einen der zentralen politischen Räume des 21. Jahrhunderts zu erzählen.
Die Fäden der Erzählung laufen bei Astèr zusammen. Bei dem Anschlag hat sich ein Splitter in den rechten Frontallappen ihres Gehirns gebohrt und ihre Erinnerung gelöscht. Während Astèr im Gespräch mit ihrer New Yorker Geliebten Paco, einer linken Künstlerin und Aktivistin, die Geschehnisse zu rekonstruieren versucht und dabei bis in den Sommer 1980 zurückkehrt, als sie Claude liebte, eine Villa besetzte und „Weg mit den Alpen – freie Sicht aufs Mittelmeer“ forderte, erzählen die drei Männer parallel ihre Versionen von dem, was geschah.
Besonders erschütternd ist die Geschichte von Abdoulaye. „Sie sehen nichts an mir, Commissario, außer, dass ich schwarz bin“, fasst er das Verhältnis zu dem Italiener zusammen, der ihn auf Lampedusa verhört und den die Geschichte von Abdoulayes Gefährten, für die der Freund nun Zeugnis ablegt, nicht interessiert. Sie wurden „weggeschlürft von den Wellen“, erzählt Abdoulaye. „Ganz so, als müsste das Meer seine Macht zeigen, als müsste es uns beweisen, wer das Sagen hat. Und dass diese elende kleine Truppe, die da unterwegs war, keine, aber auch gar keine Bedeutung hatte.“
Diese Bedeutung gibt Keller Abdoulayes Freunden zumindest im Roman zurück. Er hat einen klugen, im besten Sinn engagierten Roman geschrieben. Unaufdringlich appelliert er, den Realitäten der globalen Welt mit einer Kultur der Solidarität zu begegnen. Denn dieser „Sturm“ über dem Mittelmeer werde in den kommenden Jahren alles auf die Probe stellen, „alles, was uns an Restglauben an den Zusammenhalt in dieser Welt noch geblieben ist, und jeden Krümel von Zuversicht“. Insa Wilke
Christoph Keller: „Übers Meer“, Rotpunkt, Zürich, 2013, 300 Seiten, 25 Euro
Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 101. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.
| Vita | mare-Kulturredaktion |
|---|---|
| Person | mare-Kulturredaktion |
| Vita | mare-Kulturredaktion |
| Person | mare-Kulturredaktion |