Die hellenische Vielfalt des Glücks
3054 Inseln gehören zu Griechenland. Stella Bettermann hat ihnen eine so charmante wie kenntnisreiche Liebeserklärung geschrieben
Stella Bettermanns literarisches Schaffen ist stets eng mit Griechenland verbunden: Nicht nur viele Reportagen über das südeuropäische Leben hat die Münchner Tochter einer Griechin geschrieben, sondern auch ein Buch über die Suche nach hellenischen Wurzeln in Deutschland – dazu mehrere Krimis, in denen sie den bayrisch-griechischen Kommissar Nick Zakos ermitteln lässt.
In ihrem nun erschienenen Band in der Reihe „Gebrauchsanweisungen“ des Piper Verlags beschreibt die Autorin ihre Liebe zu den insgesamt 3054 griechischen Inseln. Das ein wenig süßlich geratene Cover sollte nicht verschrecken – in diesem Buch werden keine Griechenlandklischees serviert.
Bettermann ist es stets wichtig, Unterschiede deutlich zu machen. Die Inselgruppen Griechenlands sind divers, doch sie bieten eigentlich alles: „Tatsächlich gibt es auf den griechischen Inseln architektonisch beinahe nichts, was es nicht gibt“, schreibt sie. Und berichtet von venezianischen Palästen auf Korfu, Betonburgen auf Kos, Bauhausarchitektur auf Leros – und über Landschaften, die in ihrer enormen Vielfalt faszinieren.
Ihre Kindheit verbrachte die Autorin vor allem bei den Großeltern in Piräus, bereiste mit ihren Eltern den Peloponnes und die Argolischen Inseln. Doch bald ging sie eigene Wege durch die griechische Inselwelt. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, deswegen erschienen mir mit siebzehn Jahren die ersten Fährfahrten ohne Eltern als die aufregendsten und verheißungsvollsten überhaupt – endlich frei und selbstbestimmt.“ Und findet eindrückliche Bilder für diese frühen Reisen. „Die Fähren damals waren freilich kaum mit den modernen Schiffen der heutigen Zeit zu vergleichen, wie unförmige Kolosse wirkten sie, stinkend von Ruß und Öl und mit dicken Farbschichten versehen, die im Kampf gegen den Rost immer wieder drangekleistert worden waren, sodass ihre Haut rau und wellig wirkte wie von einem versehrten Wal.“
Das längste Kapitel ist Kreta gewidmet – laut Bettermann der „Wilde Westen Griechenlands“, mit sehr eigenwilligen Bewohnern. „Das Verrückteste an Kreta sind die Kreter selbst.“ Sie haben etwas, was andere Griechen nicht haben, nämlich das besondere „kouzoulada“-Gen – ihren legendären Hang zum Exzess. Auch hier auf Kreta findet die Autorin das, was alle Inseln gemeinsam haben. „Es ist das Licht“, schreibt Bettermann – und zitiert Lawrence Durrell, der den schönen Gedanken hatte, dass nur in Griechenland „jede Zypresse zum Sinnbild der Zypresse“ wird. „Wie ein Brennglas illuminiert es alle Dinge in seinem Strahlfeld“, so Bettermann – und trifft mit ihrer Mischung aus unterhaltsamen Alltagsbetrachtungen und eigenen Reiseerinnerungen einen sehr besonderen Ton.
Diese Gebrauchsanweisung lohnt als leichtfüßige Reiselektüre genauso wie als tiefer gehende Betrachtung auch des Verhältnisses von Griechen und Deutschen. Es wird komplettiert von mehreren Karten und einer Beschreibung der schönsten Inselstrände und anderer Badeplätze. Die Liste ist freilich persönlich und subjektiv, so die Autorin. Und genau deshalb mag man dieses Buch. Marc Peschke
Stella Bettermann: „Gebrauchsanweisung für die griechischen Inseln“, Piper, München, 2020, 224 Seiten, 15 Euro
Im Inselinneren
DDR-Autor Cibulka reflektiert das Hiddensee der 1960er-Jahre
So ein kleines, dünnes Buch. Da denkt man, es sei schnell gelesen. Doch jedes Wort wiegt, wenn Hanns Cibulka mit der Insel ringt: „Hiddensee war meinem Wesen fremd. Ich wehrte mich gegen die spröde norddeutsche Landschaft.“ Drei Sommermonate verbrachte er Anfang der 1960er-Jahre dort sehr abgeschieden. 1971 wurden seine Tagebuchnotizen erstmals veröffentlicht und nun zum 100. Geburtstag des 2004 verstorbenen Autors neu aufgelegt.
Cibulka zählte zu den unabhängigen Geistern unter den DDR-Autoren, der am heimischen Kulturbetrieb und der Umweltzerstörung der DDR unverhohlen Kritik äußerte. Im vorliegenden Buch klingt diese leise an. Er fordert auf, zwischen den Zeilen zu lesen, denn Tagebücher deuteten auf eine doppelte Ordnung im Leben hin. Und so tauchen neben prosaischen Beschreibungen von glänzenden Stranddisteln Sätze auf wie: „Schon seit Herodot haben die Diktaturen immer wieder denselben entscheidenden Fehler gemacht. Sie haben die Selbständigkeit des menschlichen Denkens unterschätzt.“
In bildkräftiger Intensität und dicht gewebter Sprache widmet er sich nicht nur der Geologie und der Inselflora. Nach und nach tauchen auch Kriegserlebnisse aus seiner Zeit als Wehrmachtssoldat auf. Es ist fast so, als würde er nicht nur die Insel Stück für Stück in sein Herz lassen, sondern auch sein Inneres langsam öffnen. Sein Aufenthalt endet mit einer Ode an die unversehrte Landschaft: „Sonnentau und Sanddornblatt, ich möchte die Augen nicht schließen, diese Insel ist schön.“ Katja Engel
Hanns Cibulka: „Sanddornzeit“, Matthes & Seitz, Berlin, 2020, 86 Seiten, 18 Euro
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