Die Ruhe vor und nach dem Sturm
Der Fotograf Douglas Ljungkvist hat über Jahre das amerikanische Seebad Ocean Beach fotografiert. Dann kam Hurrikan „Sandy“
Am Anfang nahm die Natur nur die Farben mit sich: das satte Schwarz von den Holzdächern; das kräftige Rosa von den Sonnenliegen. Selbst das Blau auf dem Star-Spangled Banner hatte das Sommerlicht längst ausgewaschen. Die 50 Sterne, die eben noch die Einheit der Nation symbolisierten, waren ohne Tiefe und Hintergrund. Doch anfangs war das nicht von Bedeutung. Niemand in Ocean Beach schien das zu kümmern. In den Sommermonaten drohte der traditionsreiche Badeort an der Atlantikküste immer schon ein Stück ins Nichts zu entschwinden. Fragil und flatterhaft gab er sich dann den Pastelltönen des Himmels hin.
Das alles also war nicht ungewöhnlich. Seit den 1940er Jahren formte diese Sommerblässe den unnachahmlichen Charme der „Jersey Shore“, jener vorgelagerten Küstenlinie, die sich kilometerweit zwischen Atlantic City und Point Pleasant erstreckt. Hunderte kleiner Holzbungalows zeugten hier von einer Art REM-Phase des amerikanischen Traumes – von Freizeit und von Sommerfrische; von der Sonnenseite für jedermann.
Dann aber kam der 29. Oktober 2012. Mit einer Geschwindigkeit von 150 Kilometern in der Stunde zog Hurrikan „Sandy“ über die schmale Landzunge vor New Jersey hinweg. Es sollte einer der stärksten Wirbelstürme in der Geschichte Nordamerikas werden. An diesem Tag nahm die Natur sich alles: die Fenster, die Dächer, oft ganze Fassaden. Selbst den weißen Sand, der gestern noch so leicht aus den Schuhen der Touristen gerieselt war, drückte der Sturm zu großen Dünen zusammen.
Der schwedischstämmige Fotograf Douglas Ljungkvist hat dieses abrupte Ende eines atlantischen Sommers festgehalten; nicht erst nach der Katastrophe, sondern bereits viele Jahre davor. Von 2009 bis 2012 ist Ljungkvist in Ocean Beach mit seiner Kamera unterwegs gewesen. Er hat die Fassaden der Holzhäuser dokumentiert und die zart bemalten Architekturen; er hat den Kitsch der Gartenlauben fotografiert und das Stillleben der Interieurs.
„Alles, was ich als Künstler liebe, habe ich an diesem Ort gefunden: Farben, Formen und Räume“, erinnert sich der mittlerweile in Brooklyn lebende Schwede an die einstige Unbekümmertheit in der Urlaubssiedlung. Mehr als 60 Bungalows hat Ljungkvist vor die Linse genommen. Und fast immer hat er sie ohne Bewohner fotografiert. Nur nackte Hüllen und Hausskulpturen. Manchmal erinnern sie an die typologischen Strandfotos des populären Becher-Schülers Götz Diergarten, manchmal an die kritischeren Arbeiten der „New Topographics“.
Ljungkvist ist mit seiner Mammutarbeit gerade fertig gewesen, als binnen Minuten seine Sujets zerfielen; alle Häuschen in einer einzigen Nacht: die mit den zarten gelben Wänden und die in Aqua und Rosé. „Sandy“ war gnadenlos. Fotografien, die eben noch von Ruhe und Erholung zeugten, erzählten jetzt von der bedrohlichen Stille vor einem gewaltigen Sturm. „Nichts ist für immer“, schienen Ljungkvists Bilder jetzt zu sagen. Selbst Paradiese stürzen an einem einzigen Tag.
Also ist Ljungkvist noch einmal hinaus an den Strand gefahren. Diesmal für die Schadenssichtung. In einem zweiten Teil seines jetzt als Buch erschienenen Bilderbogens hat er die Nachwehen der Katastrophe festgehalten: Idyllen am Ende aller Kräfte; ausgezehrt und vollkommen verwüstet. Man sieht Trümmer, die am Boden liegen, und Häuser, die versandet wurden. Es sind Bilder von einem locus desertus, von der Apokalypse im Ferienland.
Vielleicht hätte man es merken müssen; damals, als die Farben verschwanden und als die Hitze hereinbrach über Ocean Beach. Ralf Hanselle
Douglas Ljungkvist: „Ocean Beach“, Kehrer, Heidelberg, 2013, 108 Seiten, 92 Abbildungen, 29,90 Euro
Wiener Schmäh an der See
Auch Österreich hatte einst Gestade. Ein launiger Künstlerroman im Geist des Fin de Siècle über die Meeressehnsucht der Alpenrepublik
„Das Meer tat so, als wäre gar nichts gewesen. Es rauschte und toste und beruhigte sich wieder und kümmerte sich nicht ein bisschen um die Menschen und Idioten an seiner Küste.“ Josef Maria Auchentaller steht in Grado und sinniert vor sich hin. So zumindest beschreibt es Egyd Gstättner in seinem Künstlerroman „Das Geisterschiff“. Auchentaller war Gründungsmitglied der Wiener Secession, ein Maler aus dem Umkreis von Gustav Klimt. Nur dass ihn heute kaum noch jemand kennt. Egyd Gstättner beschäftigt sich gerne mit dem Fin de Siècle, als Triest die literarische Hauptstadt Mitteleuropas war. Und Österreich am Meer lag.
Auchentaller entzieht sich dem Trubel in Wien. Während Klimt an den Attersee fährt und Mahler an den Wörthersee, geht Auchentaller mit Frau und Tochter nach Grado ans Meer. In diesem Fischerdorf an der österreichischen Adria plätschern die Zeitläufe nur sanft an Land, wie flache Adriawellen. Erster Weltkrieg, Faschismus, Zweiter Weltkrieg, alles scheint fern und anderswo stattzufinden.
Dort, in Grado, eröffnet seine Frau ein Hotel, und Auchentaller wird immer mehr zum Statisten seines eigenen Lebens. Statt großer Werke malt er Werbeplakate fürs Seebad und gibt sich ansonsten weiter ganz wienerisch. Da ist ist viel vom Verwesen und Zerfallen die Rede, die Herren Großkünstler werden allesamt als rechte Neidhammel skizziert, Auchentaller jubelt derweil zweckoptimistisch in Abwandlung des Mottos der Secession: „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihr Hotel.“ Und schlägt vor, mal wieder nach Wien zu fahren – „es gäbe etliche neue Gräber zu besuchen“.
Gstättner betreibt ein Verwirrspiel mit zwei Icherzählern, der Leser braucht eine Weile, bis er sich zurechtgefunden hat. Manchmal spielt er Name-Dropping mit einem Arthur (Coyle) aus London, spricht von Alma (Mahler) und jenem „jungen Mann aus Gorizia“, der lustige Bilder gemalt und sich mit 23 erschossen habe, worin Carlo Michelstaedter zu erkennen ist, über den Gstättner ebenfalls einen Roman geschrieben hat.
Wer Auchentaller bislang nicht kannte, und das dürften die meisten sein, erfährt viel über den Künstler und die Anfänge Grados als Seebad im österreichischen Küstenland. Und lernt manchen außerhalb Österreichs unbekannten Begriff, wie das schöne Wort vom Fluchtachterl, das Glas Wein, das auf dem Nachhauseweg noch im „Grand Café“ genommen wird.
Erstaunt betrachtet er vom Steg aus – „ein ins Meer ragender Schanigarten“ – den großen Erfolg des jungen Seebads. Man sehe den Sand vor lauter Umkleidekabinen nicht, der Strand sei wie „ein Flüchtlingslager, ein Riesenlazarett, nur sieht man zum Glück keine Verwundeten, sondern Sommerfrischler“.
Fast 40 Jahre verbringt Auchentaller auf seinem „Geisterschiff“, wie er das Hotel tauft. Und sinniert am Ende: „Man sitzt in der Sonne. Man schaut aufs Meer. Ein Tag ist weg. Man sitzt in der Sonne. Man schaut aufs Meer. Ein Jahr ist weg. Man sitzt in der Sonne. Man schaut aufs Meer. Ein Leben ist weg.“
Wienerischer könnte ein Roman vom Meer kaum sein. Oder, anders gesagt, mehr Meer bei Wien war nie. Barbara Schaefer
Egyd Gstättner:„Das Geisterschiff. Ein Künstlerroman“, Picus, Wien, 2013, 280 Seiten, 22,90 Euro
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