mare-Salon

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Ewige Momente am Meer
Joel Meyerowitz hat mit seinen Bildern Fotogeschichte geschrieben und Amerikas Küste in ein Licht gesetzt, das so schön ist wie gemalt

„Das Meer in Provincetown“, eine Aufnahme von Joel Meyerowitz aus dem Jahr 1977, zeigt nicht viel. Ein grünliches Meer, links ragt ein Boot ins Bild, rechts ein Fels mit einer Möwe. Beinahe genau in der Bildmitte liegt der Horizont, darüber ein eher bewölkter Himmel. Dieses Bild des 1938 in der Bronx geborenen US-amerikanischen Fotografen ist nur eines von unzähligen, die er am Meer gemacht hat. Meyerowitz’ Verhältnis zum Meer ist ein enges, ja existenzielles. Der legendäre Vertreter der New Color Photography, der schon 1968 mit einer Einzelausstellung im MoMA brillierte, war nicht nur Erschaffer der bekannten Straßenszenen New Yorks, auch seine am Cape Cod entstandenen Bilder haben Fotogeschichte geschrieben. Hier verbrachte Meyerowitz über 35 Jahre lang den Sommer.

Es ist das Licht, das Meyerowitz’ Fotokunst so besonders macht. Seine in Miami oder in Provincetown fotografierten Hotelpools, seine Porträts von Menschen am Strand haben jenes verschwommene Sfumato, das in Zeiten digitaler Bildbearbeitung seit einigen Jahren wieder modern geworden ist. In einer von Ralph Goertz kuratierten Ausstellung im NRW-Forum in Düsseldorf, der ersten Retrospektive des Fotokünstlers in Deutschland, sind viele dieser mit einer 8-mal-10-Zoll-Plattenkamera entstandenen Aufnahmen zu sehen: Bilder, die Joel Meyerowitz, wie die „FAZ“ einst urteilte, als „Fotograf des Schönen“ zeigen.

„Als ich am Cape Cod anfing, die Plattenkamera zu benutzen“, erzählt Meyerowitz, „bemerkte ich, dass die Belichtungszeit ganz wesentlich war. Der Nebel, den ich mit einer längeren Belichtungszeit aufnahm, würde von der Kamera detailgetreu aufgenommen werden. Das Blau der Stunde, die Durchzeichnung in den Schatten, das aufziehende Licht bei Tagesdämmerung, dieses Wechselspiel des Lichtes war etwas, das ich mit der Kleinbildkamera nicht fotografieren konnte. All das konnte ich mit der Plattenkamera abbilden. Ich konnte Belichtungen zwischen zehn und 30 Sekunden machen und sehen, wie sich das Licht ausdehnte.“

In seinen Fotografien, vor allem in diesen frühen, maritimen Bildern, steckt die ganze Kunstgeschichte der Moderne. Serien und Fotobände wie „Cape Light“, erschienen 1979, „A Summers Day“ von 1985 oder auch „Bay/Sky“ von 1993, sind späte fotografische Nachfahren romantischer oder auch impressionistischer Freiluftmalerei, in der die opulente Präsenz des Lichtes, die überaus differenzierte Farbigkeit, wichtiger ist als die nüchterne Erfassung des Gegenstands. Dieser Luminismus ist Meyerowitz’ Geheimnis, die Liebe zum Licht, die sich so oft in blassen Farben zeigt. Sein fotografischer Blick ist oft verschleiert, es war die Errungenschaft der New-Color-Fotografen der 1970er-Jahre (wie Joel Meyerowitz, Stephen Shore, Joe Maloney, William Eggleston und Joel Sternfeld), die Wirklichkeit kunstvoll zu interpretieren.

Meyerowitz’ Bilder des Meeres sind auch eine Hommage an die Farbe Blau in seinen vielen Facetten und Nuancen, an das Blau des Himmels und des Wassers. „Wir können viel lernen, wenn wir ins Blaue sehen“, so der Fotograf. Für sein Buch „Bay/Sky“ fotografierte Meyerowitz 16 Jahre lang aus immer gleicher Position das Meer. Licht, Luft, Wasser, mehr ist nicht zu sehen – doch jedes Bild ist anders. „Das Meer ist ein forderndes Thema“, sagt Meyerowitz. „Von meinem Haus in Provincetown habe ich Hunderte von Bildern gemacht. Dabei benutze ich eine Kamera, die ungemein detaillierte Bilder machen konnte – von beinahe nichts.“

Das „Malerische“ in Meyerowitz’ fotografischer Kunst ist nicht das Prinzip der Unschärfe, sondern die so atmosphärische Wiedergabe der Lichtverhältnisse, die aber nicht auf eine dramatische Darstellung aus ist. Seine stillen Meerbilder sind nicht hierarchisch, sie zeigen, dass alles die gleiche Wichtigkeit hat: Landschaft, Licht, Bucht und Himmel, „einfache amerikanische Dinge“, wie der Fotograf sagt. „Im Meer zu sein ist existenziell für mich. Es ist wie eine Meditation. Es ist eine wichtige Erfahrung, sich Kräften auszusetzen, die größer sind als man selbst.“ Marc Peschke

„Joel Meyerowitz – Retrospektive“, NRW-Forum, Düsseldorf, 27. 9. 2014 bis 11. 1. 2015, www.nrw-forum.de;

Ralph Goertz (Hrsg.): „Joel Meyerowitz. Retrospective“, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2014, 204 Seiten, 108 Abbildungen, 34 Euro


Die Weltgeschichte einer Insel
Leonardo Paduras Roman ist vieles zugleich: Krimi, Historienepos, Abenteuer – und eine leidenschaftliche Kritik an seiner Heimat Kuba

Das Linienschiff MS „St. Louis“ fährt am 27. Mai 1939 in den Hafen von Havanna ein. An Bord sind 937 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland. Trotz Visa wird ihnen die Einreise verweigert. Nach tagelangen Verhandlungen kehrt das Schiff zurück nach Europa, wo ein großer Teil der Passagiere dem Holocaust zum Opfer fällt („Passage in den Tod“, mare No. 56). Der Schriftsteller Leonardo Padura nennt diese wahre Begebenheit „eine der beschämendsten Episoden der kubanischen Geschichte“.

In seinem neuen Roman „Ketzer“ nimmt Padura diese Geschehnisse als Ausgangspunkt, um ein sich über mehrere Jahrhunderte und Länder erstreckendes Panorama zu entwerfen, das bis in die Gegenwart reicht. Padura führt den Leser bei seiner Zeitreise in das jüdische Leben Amsterdams im 17. Jahrhundert und in das vorrevolutionäre Kuba – um zwischendurch immer wieder im ziemlich schäbigen Havanna von heute zu landen.

Zunächst steht der junge Jude Daniel Kaminsky im Mittelpunkt: Er wartet im Hafen Havannas auf seine Familie, die mit der „St. Louis“ reist. Doch nur ein Christusporträt Rembrandts, seit Jahrhunderten im Besitz der Kaminskys, schafft den Weg an Land – und verschwindet dann spurlos. Angesichts der Schicksalsschläge sagt sich Daniel Kaminsky vom jüdischen Glauben los. Für ihn ist es ein Akt der Befreiung: „Über den Menschen waren nichts als Wolken, Luft und Sterne.“

Jahrzehnte später soll der Expolizist Mario Conde das Rätsel um das verschwundene Gemälde lösen. Jener Mann, den Padura mit seiner Havanna-Krimireihe „Vier Jahreszeiten“ Anfang der 1990er-Jahre bekannt gemacht hat. Mittlerweile ist Conde Mitte fünfzig und schlägt sich mit dem Verkauf alter Bücher durchs Leben. Er hat seinen Spürsinn nicht verloren, ist aber noch melancholischer geworden – auch wegen der Zustände in seiner Heimat, „ein Land, in dem die alten Parolen immer abgegriffener und hohler klangen“, wo „korrupte Sozialisten … von Solidarität faselten“, sich aber selbst bereicherten.

Dass Conde sich in Kuba zusehends als Fremder fühlt, wird noch verschärft, als er in die Welt der Subkulturen eintaucht. Denn auch dort gibt es inzwischen zahlreiche „urban tribes“ – Emos, Schickimickis, Freaks, Rastas und „Rockeros“. Es dauert eine Weile, bis Conde begreift, dass diese Jugendlichen die wahren Ketzer des heutigen Kubas sind.

Paduras Roman ist auch ein Zeichen für den politischen Wandel auf der Karibikinsel. Trotz dessen unverblümter Kritik ist er in seiner Heimat veröffentlicht worden. Das mag auch daran liegen, dass Paduras Alter ego Mario Conde ein Moralist mit Skrupeln ist, der den Glauben an eine bessere (sozialistische?) Welt immer noch nicht ganz verloren hat. Obwohl sprachlich manchmal etwas betulich, ist „Ketzer“ ein spannender Abenteuerroman und vor allem ein Buch über Häretiker in der Geschichte. Padura sieht sie als Bewahrer der Freiheit, weil sie sich vorherrschenden Lehren widersetzen. Denn die Freiheit ist es, worum es Padura letztlich geht. „Die Freiheit ist das höchste Gut des Menschen, und Gott kann nicht von uns verlangen, sie nicht auszuüben, wenn die Möglichkeit dazu besteht.“ Ole Schulz

Leonardo Padura: „Ketzer“, aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein, Unionsverlag, Zürich, 2014,656 Seiten, 24,95 Euro

Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 106. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 106

No. 106Oktober / November 2014

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