mare-Salon

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Sirtaki zwischen Zapfsäulen
Eine DVD und ein Bildband zeigen die ganze Vielfalt der Länder des Mittelmeers aus höchst unterschiedlichen Perspektiven

Das mare mediterraneum ist mehr als ein Meer: Historisch Wiege der Zivilisation, aber auch dreier Weltreligionen, repräsentiert es heute im Westen vor allem einen gewissen Lebensstil – das Savoir-vivre, wo man es sich mithin gutgehen lässt.

Natürlich weiß man auch um dessen Schattenseiten, aktuell etwa die Griechenlandkrise oder das tragische Schicksal der Flüchtlingsboote. Und spätestens im Nachklang des Arabischen Frühlings rückt auch die arabisch bestimmte Sphäre mit Ägypten, Libyen oder Syrien in den Fokus – Staaten, in denen statt des Laisser-faire religiös-politische Machtkämpfe bis hin zum Bürgerkrieg das Geschehen bestimmen. Diesen weiten Bogen, angefangen von frühen Höhlenmalereien über die Geburt der Zivilisation als Grundlage westlichen Denkens bis hin zu gegenwärtigen Glaubenskriegen, versucht Filmemacher Yann Arthus-Bertrand in seiner TV-Dokumentation „Die Welt von oben. Das Mittelmeer“ zu spannen: streng von oben, also in Drohnenperspektive, das Meer und seine Menschen abtastend.

Seine, zugegeben, zum Teil spektakulären Luftaufnahmen erlahmen allerdings im Überflug von 84 Minuten schnell an der selbst verordneten Oberflächlichkeit; allzu viele Slow Motions von Bergmassiven, Küstenstrichen, urbanen Großräumen oder animierten Karten machen das Auge müde, oder schlimmer: ebnen Widersprüchliches in stets dieselbe Ästhetik ein. Getragen wird das Ganze durch die Stimme von Sprecher Christian Brückner, dessen Narration allein die inhaltliche Tiefe leisten muss.

Ihre Stärke spielt Arthus-Bertrands Drohnenperspektive immer dann aus, wenn sie nah genug über die Welt schwebt, etwa über den genutzten Dächern von Wohnhäusern – wenn die Kamera en passant alltägliches Leben erfasst; damit aber auch ziemlich dreist in Privatsphären dringt, Menschen zeigt, die sich der Aufnahme nicht bewusst sind. Und hier zeigt sich denn auch der eigentliche Schwachpunkt: Arthus-Bertrand bleibt stets außerhalb dessen, was er zeigt – ganz anders als der belgische Fotograf Nick Hannes, der von 2010 bis 2014 den mediterranen Raum bereiste, sich mit seiner Kamera den Menschen real näherte – als Ausstellung und Katalog unter dem Titel „The Continuity of Man“.

Sein Zugang liefert sozusagen den Gegenpol zu Arthus-Bertrands Luftperspektive, nämlich einen Blick auf Augenhöhe: bewusst gewählte Momente, subjektive Ausschnitte, die gerade dadurch ihre ganz eigene Kraft entfalten. Bilder von Spielplätzen, Parkplätzen, Imbissständen, Demonstrationen, Partys oder Randexistenzen in Seitenstraßen, in die (noch) keine Drohne blickt. Der Unterschied liegt nicht zuletzt in der Herangehensweise: Will man das Leben (von oben) erfassen oder vor Ort Situationen festhalten, die zunächst immer für sich selbst stehen?

Hannes’ Bilder von Golfplätzen inmitten karger Landschaft, Popcornständen vor antiken Ruinen oder Kaffeehaustischen neben Nato-Draht sprechen zwar eine klare Sprache. Hannes zeigt eine Welt im Umbruch, die Risse in der mediterranen Gesellschaft, Migration und Urbanisierung. Um gleichzeitig mit den Stereotypen zu spielen: „Mein Ziel“, so Hannes, „ist es aber, Fotografien zu machen, die nicht in einer Sekunde zu lesen sind.“

Am schönsten zeigt dies vielleicht sein Foto einer griechischen Hochzeitsfeier mit Sirtaki zwischen Zapfsäulen: Um Geld zu sparen, hatte der Bräutigam die Gäste zum Fest auf seine eigene Tankstelle einladen müssen. Die Stimmung, so Hannes, sei trotz des glücklichen Anlasses gefärbt gewesen vom Groll gegen die politisch erzwungenen Sparmaßnahmen und gegen Angela Merkel.

Nach eigener Aussage ging es Nick Hannes bei seinem Projekt „The Continuity of Man“ um ein Kaleidoskop höchst unterschiedlicher Regionen. Rund 20 Länder grenzen ans Mare mediterraneum – Monaco ebenso wie auch Palästinas Gazastreifen. Roland Brockmann

Nick Hannes: „Mediterranean. The Continuity of Man“, Niederländisch und Englisch, 
Hannibal Publishing, Veurne (Belgien), 2015, 192 Seiten, 35 Euro

Yann Arthus-Bertrand: „Die Welt von oben. Das Mittelmeer“, Universal Pictures Germany, Hamburg, 2015, DVD/BD, 84 Minuten

 

Dies ist ein Auszug aus dem mare-Salon. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 109. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 109

No. 109April / Mai 2015

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