„Das Meer ist ja, hols der Deibel, immer schön“
Der Maler George Grosz verbrachte seine Sommerferien gerne an der Ostsee. Aquarelle und Zeichnungen aus seinem Ferienskizzenbuch werden nun erstmals veröffentlicht
Der Berliner Maler George Grosz ist vor allem für seine düsteren, satirischen Bilder aus der Weimarer Republik bekannt, mit denen er den Staat als reaktionär, das Militär als ewiggestrig und das Bürgertum als heruntergekommen anklagte. Jenseits dieser Verachtung gab es aber noch einen anderen Grosz, einen Ironiker und Scherzbold, der mit leichter Hand und einem Blick fürs Komische zeichnete. Diese Spannung war Grosz bewusst – so hat er selbst seine Autobiografie „Ein kleines Ja und ein großes Nein“ genannt.
Ein hübsches Beispiel für das „kleine Ja“ sind die Skizzenbücher, die Grosz von 1928 bis 1931 in seinen Sommerferien an der deutschen Ostseeküste führte. Darin hat er Impressionen aus Wustrow und Ahrenshoop festgehalten, besonders aber, vor dem US-Exil, seinen letzten Ostseeaufenthalt 1931 in Prerow: In sieben Heften hat Grosz mit dem Bleistift seine Eindrücke im Vorübergehen flüchtig skizziert, einige auch mit dem Aquarellpinsel koloriert: Badegäste und Gepäckträger, Strandkorbwärter und Eisverkäufer. Auch in seinen zahlreichen Briefen sind es zunächst die Menschen, über die Grosz seinen Freunden und Verwandten berichtet: die Spießer am Strand, die Künstler der verschiedenen Malerzirkel, die Schriftsteller und Schauspieler, die hier wie Grosz die Sommermonate verbrachten.
Die Autorin Christine Fischer-Defoy hat die bisher unbeachteten Skizzenbücher im Archiv der Akademie der Künste in Berlin entdeckt, mit den Söhnen von Grosz in den USA gesprochen und Postkarten des Malers sowie Strandfotos aus dieser Zeit gefunden. Daraus ist ein Bildband entstanden, über den Grosz-Freunde allenfalls wegen des Preises sagen werden: „Ein großes Ja und ein kleines Nein“. Dietmar Bartz
Christine Fischer-Defoy (Hrsg.): „George Grosz am Strand. Die Ostsee-Skizzenbücher 1928 –1931“, Transit Verlag, Berlin, erscheint im Sommer 2001, 160 Seiten, 48 Mark
Unter Wasser in alle Richtungen
Das Berliner Projekt „Oceanclub“ zeigt, dass elektronische Musik doch partyfähig ist – live im Radio und auf CD
Eine stimme sagt das Lied an: „Kaltes klares Wasser“, und klingt dabei genauso weich, genauso fühlbar. Sirenengesang lockt uns in die Tiefe der Stereofonie, widerstandslos treiben wir dahin. Es passiert nicht viel, Bässe und Beats tragen uns durch einen Strom elektronischer Töne, unser Zeitgefühl verliert sich. Nein, wir haben keine Drogen genommen, wir hören bloß Radio: „Oceanclub Radio“.
Die Stimme im Radio gehört der Berliner Musikerin Gudrun Gut. Sie hat vor sieben Jahren den Oceanclub ins Leben gerufen. Ihr schwebte ein offener Klub vor, anstelle einer vorgegebenen Musikrichtung dachte sie an den Ozean – die Elektronische Musik sollte aus den trüben
Tümpeln grün bemooster Aquarien herausgeholt und im Atlantik wieder freigesetzt werden. Mit dem Oceanclub schuf sie einen Rahmen, in dem sich Musiker zusammen und doch frei voneinander bewegen können. Was wäre dafür geeigneter als ein Unterwasserraum? Eine Umgebung, die die Tonkünstler trägt und mit den anderen verbindet, aber trotzdem alle Richtungsänderungen zulässt. Der herumtreibende Müll der jüngeren Musikgeschichte verfängt sich in den Breakbeats. Auf einmal lauscht man dem Soundtrack eines Westerns, nur fremder und frischer – doch dann galoppieren die Seepferdchen im Bossa-nova-Rhythmus in einen hawaiischen Sonnenuntergang hinein.
Zunächst fanden diese Geräuschcollagen nicht im Radio statt. Der Oceanclub zog in die Berliner Klubs, zuerst in den legendären „Tresor“, später in das Komfortlabor des „WMF“, zwei heilige Tempel der Elektronischen Musik. Gudrun Gut und ihr Mit-Macher Thomas Fehlmann inszenierten dort mit sehr unterschiedlichen Musiken und Gast-DJs die Zusammenführung von unterhaltendem Wellenspiel und ernster Tiefsee. Die nächtlichen Klubhallen waren geschmückt mit allem, was man in den Ozeanen zu finden glaubte. Nur Wale und Delfine waren nicht dabei, weil die Esoterik der achtziger Jahre deren Ruf ruiniert hatte. Auch heute noch zieht sich Mermaid Jacqueline das volle Meerjungfrauen-Outfit an und robbt in einem mit Menschen statt mit Wasser gefüllten Klub auf dem Boden herum, während das Meeresblick-Team Fischvideos vorführt.
Seit 1997 entfaltet der Oceanclub solche Reize auch im Radio. Doch er ist nicht wie viele andere ambitionierte Projekte das unzugängliche Experiment einiger weniger, sondern bietet auch Zuhörenden, die der Mainstream angespült hat, Unterhaltsamkeit und Ernst. Im wöchentlichen „Auf- und Abtauchen mit der Unterwasserstation“ geht es um mehr als die musikalische Unerschöpflichkeit des Sampelns. So behandelt in jeder Sendung eine Sprachkunstspielfolge von Wolfgang Betke die schwierige Unterwasser-Innenwelt. Ein ununterbrochenes Ineinanderfließen gegensätzlicher Höreindrücke, ein Sog von Sprache und Musik, sodass nichts den Rausch unterbricht. Außer den dämlichen Nachrichten um Mitternacht. Jens Jarisch
Die Sendung „Oceanclub Radio“ läuft freitags von 23 bis 1 Uhr auf RadioEins (ORB) in Berlin-Brandenburg; europaweit ist sie via Astra-Satellit zu hören. Internet-Archiv der alten Sendungen: www.oceanclub.de. Die Oceanclub-Party findet an Samstagen ab 24 Uhr im Berliner „WMF“, Ziegelstraße 23, statt (Info: www.wmfclub.de). Die Musik-CD „komfort.labor präsentiert oceanclub“ erscheint im Sommer bei WMF rec. und wird durch EFA vertrieben; ca. 30 Mark
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