Wenn der Eismann klingelt und zupft
Warme Klänge aus Polareis: Der norwegische Perkussionist Terje Isungset hat mit Instrumenten aus Eis eine Jazz-CD eingespielt
Mal im Ernst: Schaffen minus 37 Grad im Freien und immerhin noch zehn Grad Frost im Innern ein angemessenes Klima, um sich kreativ zu entfalten? Die Antwort lautet: Es gibt kaum bessere Bedingungen - wenn man auf Instrumenten aus Eis musizieren möchte.
Der preisgekrönte norwegische Perkussionist Terje Isungset hegte schon lange diese Fantasie. Geübt im Umgang mit unkonventionellen Klangkörpern, entlockte er auf rund 40 CDs seinen selbst gebauten Instrumenten aus gefundenem Holz, Steinen und Industrieschrott die ungewöhnlichsten Geräusche. Doch Eis?
Tatsächlich stellte ihn das Experiment vor Probleme, von denen die Kälte das geringste war. Um besonders rein klingende Instrumente zu erhalten, musste das Eis absolut frei von Blasen, Rissen und Verunreinigungen sein. Die besten Eisernten, so stellte sich schnell heraus, fährt man im schwedischen Jukkasjærvi ein, 200 Kilometer nördlich vom Polarkreis. Hier entsteht jeden Winter auf einem gefrorenen See das weltberühmte Eishotel gleichen Namens.
Während Spezialmaschinen sich tief in den kristallinen Rohstoff frästen und ihn in große Blöcke zerteilten, schraubte Isungset die Erwartungen an sein Projekt immer höher. Er wollte nicht nur Schlaginstrumente aus Eis herstellen. Nein, es sollten zum Beispiel auch eine Eisharfe sowie eine Eistrompete entstehen. Doch bereits der Bau einer verhältnismäßig klobigen Basstrommel entwickelte sich zur Geduldsprobe. In mehreren stundenlangen Anläufen rückte Isungset dem Eis zunächst mit einer Kettensäge, dann mit japanischen Spezialmessern zu Leibe, nur um am Ende das fast vollendete Instrument mit seinen letzten Handgriffen doch noch zu zerbrechen. Bei der Erschaffung der fragileren Objekte stand ihm dann der Eisbildhauer Bengt Carling zur Seite. Drei Tage und Nächte sägte, schnitt, raspelte und feilte das Duo, bis das zarte Instrumentarium schließlich komplett war.
Viele der einzigartigen Klangerzeuger glichen transparenten Skulpturen, deren Formen und Texturen bereits schweigend neugierig machten. Von den meisten wussten ihre Erbauer nicht, welche Geräusche sie produzieren würden. So stellte sich zum Beispiel heraus, dass eine Eistrompete im Gegensatz zu ihrem metallenen Vorbild extrem leise ist. Außerdem veränderten sich mit jeder Temperaturschwankung Struktur und Dichte des Eises - und damit die Stimmung der Instrumente. Frostige minus zehn Grad erwiesen sich schließlich als optimales Ambiente für Trommeln, Glockenspiele, Trompeten und Harfe.
Umso erstaunlicher ist, wie trocken und warm Polareis klingt. Erste Assoziationen mögen asiatische Gongs oder afrikanische Marimbas sein. Doch schnell hört man hinter allem die Stille des Eises - eingefangen in einem hundertprozentig schalltoten Studio aus meterhohen Schneeblöcken. Terje Isungset improvisiert entspannt beiläufig wirkende, freie Melodien. Arve Henriksen entlockt dem Eis, im Schnee vor den Trompeten knieend, verloren klagende Laute. Und die Harfenistin Irola Haarla erzupft mit rot gefrorenen Fingern gedämpft dissonantes Schweben.
Jeder Laut klingt zum Greifen nah, trotzdem hat die Musik Weite. Sie lädt buchstäblich zum Chill-out. Klangbilder wie "Blue", "Frozen" und das Titelstück der CD, "Iceman Is", sind nichts für den schnellen Konsum, sondern brauchen Zeit zu sein. Und wie das Sein im ständigen Fluss ist, so sind das Studio aus Schnee und alle Eisinstrumente inzwischen geschmolzen und treiben wieder in der Nordsee. Matias Boem
Terje Isungset: "Iceman Is", Jazzland, 2003, im Vertrieb von Universal
Stacheldrahtmeer
Russland pars pro toto: Leben auf den Solowjetzki-Inseln
Zum Glück ist Mariusz Wilk weder einer jener eiligen Russlandreisenden, die bereits nach einigen Wochen des Aufenthalts schrill-schludrige Korrespondentenprosa auf den Markt werfen, noch ein zivilisationsmüder, selbsthasserischer Mitteleuropäer, der ausgerechnet in den Weiten Russlands nach "ewigen Werten" zu graben beginnt. Wilk, geboren 1955 in Breslau, war 1981 Pressesprecher von Solidarnosc in Danzig und danach unter dem kommunistischen Regime vier Jahre im Gefängnis, ehe er 1989 als Journalist nach Berlin und später Moskau ging.
Inzwischen lebt er auf den Solowjetzki-Inseln, einem winzigen Archipel im Weißen Meer, und schriebe er nicht in solch einem luziden Stil, man müsste ihn wohl für einen reichlich verschrobenen Masochisten halten, denn: Wer möchte schon dauerhaft auf einer ebenso felsigen wie waldreichen Inselgruppe wohnen, auf der zu sowjetischen Zeiten ein Vorläufer des berüchtigten Gulag erdacht wurde, wo die Sommer kurz und die Winter lang sind und sich unter Waldbeerengebüsch nie geöffnete Massengräber befinden, wo Inzest, Totschlag und Suff die Freizeitbeschäftigungen der rund 1110 Einwohner darstellen und die Karfreitagsmessen jedesmal in einer ekstatischen Judenverfluchung enden - jetzt, wo der massenmörderische Kommunismus einer wölfischen Anarchie Platz gemacht hat, die man zynisch Dermokrazja nennt, abgeleitet vom Wort "dermo", sprich: Scheiße?
Die skrupulös beobachtete Meerlandschaft ist Mittler für Wilks Absichten. "Die Fenster unseres Hauses gehen auf die Bucht der Glückseligkeit, so dass das Meer eine Verlängerung des Tisches darstellt, auf dem ich schreibe. Im Winter verschwimmt das Blatt Papier mit dem Weiß des Eises vor dem Fenster, und die Abdrücke der Tinte gehen so jäh in Schispuren über, dass ich oft nicht weiß, ob ich noch am Tisch sitze oder schon übers Meer laufe. Vielleicht kann man ja hier, an der Grenze zwischen Meer und Tisch - Element und Ding - mein Vorhaben besser begreifen: den Versuch, die Wirklichkeit zu erfassen, ihr Gestalt zu verleihen, einen Abdruck in Worten."
Und das sind die Menschen, auf die der Autor nach einiger Zeit trifft: "Da war der Holzschnitzer Galinski, ein Buddhist, mit dem Melniza damals schlief, der Journalist Dejsan, der es nicht bis zum Mönch gebracht hatte, die schizophrene Poetesse Nina, der Philosoph und Deliriker Sergej Morosow, der taube Kritski, der Buchhalter und Päderast Ditschkow, Schenka der Schmied mit dem Wolfsrachen, Sascha der Dieb, die Hure und Syphilitikerin Inka ..." Gestalten wie aus einem Dostojewski-Roman. Doch Mariusz Wilk ist bei allen kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Einschüben, die sein Buch bereichern, keiner, der aufdringlich mit seinem Wissen prunkt. Wenn er etwa schildert, wie Dutzende trunksüchtiger, bettelarmer und protestbereiter Solowjetzker Einwohner das Rollfeld des Flughafens stürmen, beim Anblick des "demokratischen" Vizegouverneurs aber wie angewurzelt stehen bleiben und sogar ihre Mützen abnehmen, dann verweist er nicht etwa auf nahe liegende Szenen wie in Mussorgskis Oper "Boris Godunow", sondern vertraut der Assoziationsfähigkeit des mündigen Lesers. Letztendlich sind es das wache Auge und der unbestechliche Stil eines Zugereisten, die diese Stacheldrahtlandschaft mit Meerblick halbwegs erträglich machen - wenn auch nur bei der Lektüre in heimischem Ambiente. Marko Martin
Mariusz Wilk: "Schwarzes Eis. Mein Rußland", Zsolnay Verlag, Wien, 2003, 286 Seiten, 21,50 Euro
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