mare-Salon

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Die Kunst, den Moment abzuwarten
Eine Sonderschau des Amsterdamer Rijksmuseums zeigt großformatige Meeresbilder von internationalen Fotokünstlern

Das goldene Jahrhundert hat sich verflüssigt. Als man sich in der Republik der Vereinigten Niederlande aus den Zwängen von Kirche und Kaiser befreit hatte, erschloss man hinter den Deichen des kleinen Polderlands weit mehr als eine mentale Weite. Von Zeeland bis Gelderland strömte jetzt Leben in die frühbarocke Kultur. Und besonders in der bildenden Kunst öffneten sich Bildräume für das Naheliegende und Profane: für Flur- und Wolkenformationen, aber auch für die Küstenlinien von Kijkduin oder die Wellen der Zuiderzee. Maler wie Abraham Storck oder Willem van de Velde d. J./d. Ä. verhalfen dem Seestück zu einer bis dato nicht gekannten Größe.

Noch heute zeugen die oftmals farbig dokumentarischen Meeresdarstellungen an den Wänden des Amsterdamer Rijksmuseums von dieser einzigartigen Epoche in der niederländischen Kunstgeschichte. Was man hier sehen kann, ist nackte See: Wasser, ohne Land und Haltepunkte, ohne Emblematik und Allegorie. Diese See verebbt auch nicht an den Epochengrenzen. Sie fließt weiter bis in die Gegenwart hinein.

Begibt man sich derzeit nämlich in den Philipsflügel des traditionsreichen Hauses am Museumplein, dann stößt man dort auf eine Sonderschau, die auf beeindruckende Weise die Rolle des Meeres in der zeitgenössischen Kunst illustriert. Unter dem Titel „Sea Views“ hat hier die Hauskuratorin Mattie Boom 13 zumeist großformatige Seestücke von internationalen Fotokünstlern versammelt.

Sie stammen aus dem Studio der Niederländerin Viviane Sassen oder aus der Dunkelkammer des US-Amerikaners Chris McCaw. Dokumentarische Arbeiten des Franzosen Jean-Claude Bélégou sind in dieser kleinen Meeresschau ebenso vertreten wie experimentelle Positionen von Franco Fontana.

Letzterer ist seit den 1960er-Jahren vor allem mit abstrakten Landschaftsdarstellungen bekannt geworden. In der Regel zeigen sie kaum mehr als zarte Formfelder aus Kolorit und Kontur. Auch das grünstichige Seestück „Mar Ligure“, das der mittlerweile 84-jährige Italiener vor der Küste Korsikas aufnehmen konnte, erzählt wenig von der realen Geografie des Mittelmeerraums, dafür aber gibt es tiefe Einblicke in das geheime Zusammenleben der Farben.

Ähnlich ist es mit den Langzeitbelichtungen Chip Hoopers. Mit einer fast meditativen Schwarz-Weiß-Fotografie, die aufgrund einer langen Verschlusszeit alle Wogen zu glätten und alles Tosen zu beruhigen versteht, erzählt Hooper von einem Augenblick, der in der Ewigkeit mündet – vom Zen oder der Kunst, den Moment abzuwarten. So ist letztlich jedes dieser 13, von einem anonymen Sammler gestifteten Bilder wie ein kleines Gedicht aus Licht und Farbe. Mal scheint es, als vernehme man vor diesen Bildern ein maritimes Rauschen, dann wieder nur ein zartes Murmeln. Gerade die oft düsteren Schwarz-Weiß-Prints sind es, die einen derartig geheimnisvollen Sog entwickeln, dass man wie magisch in sie hineinzugleiten droht.

Besonders die Fotografie einer eigentlich profanen Welle, aufgenommen von dem leidenschaftlichen Fotografen und Surfer Chip Hooper, macht einem diesen Effekt bewusst. So, wie sich der Maler William Turner einst an den Mast eines Segelschiffs hat binden lassen, um den Sturm zu studieren, so hat Hooper auf seinen Surfgängen eine Kamera um Bein und Handgelenk gebunden. Das Ergebnis sind dynamische Impressionen aus dem Innenraum des feuchten Sujets. Plötzlich ist man mittendrin, umspült und umwoben. Vielleicht waren die Seestücke seit dem Ende des Goldenen Jahrhunderts nicht mehr so realistisch und zugleich so poetisch. Ralf Hanselle

Ausstellung:  „Sea Views. Meeresansichten in der zeitgenössischen Fotografie“, Rijksmuseum, Amsterdam, bis 17. September 2017


Von Berlin nach Mallorca
Die Protagonisten in Hubertus Meyer-Burckhardts neuem Roman zeichnen sich durch liebenswerte Skurrilität aus

Kannstatt steht auf Rock. Neben seinem Ledersessel im Musikzimmer liegen der „Rolling Stone“ und mare. Medial hält so nicht nur Frank Zappa Einzug in Kannstatts Wohnung, sondern auch das Meer.

Vor allem aber zieht gerade die Hutmacherin Fabienne ins Altbauhaus von Berlin Moabit ein, eröffnet einen Laden im Parterre, wo bislang Saiteninstrumente verkauft wurden, und stört so Kannstatts akustisches Gleichgewicht. Mit Lärm kann der selbstständige Immobilienmakler eigentlich umgehen, doch nur, wenn dieser sich auch zuordnen lässt. Gerne liegt Kannstatt auf dem Balkon und montiert in seinem Kopf die Geräusche der Straße zu einer Art „Symphonie der Großstadt“.

Die neue Nachbarin indes bringt im Kannstatt Kopf nicht nur symphonisch einiges durcheinander. Hutmacherin Fabienne hat das Elsass verlassen, um in Berlin „frei und fantasievoll“ zu leben – worunter sie auch gelegentliche Liebesakte im Hinterzimmer des Ladens versteht. Für Kannstatt, der genau darüber wohnt, vor allem klanglich eine beunruhigende Vorstellung. Und dann verliebt er sich auch noch in Fabiennes Stimme.

Allerdings ist Kannstatt nicht der einzige, dessen Leben durch die temperamentvolle neue Nachbarin durcheinandergewirbelt wird. Auch für die anderen Mietparteien bleibt kaum ein Stein auf dem anderen. Ein Lufthansa-Pilot mit Vorliebe für Frauen „wie die junge Piaf“, ein kauziger Tabakvertreter sowie ein Parfümeur alter Schule – dies sind nur einige der liebenswert skurrilen Figuren, mit denen Hubertus Meyer-Burckhardt sein Personal anreichert. Ganz nebenbei entwirft der Autor so einen wunderbaren kleinen Berliner Mietshauskosmos, jenseits des üblichen Prenzlauer-Berg-Klischees.

Die Tage mit Fabienne, so viel sei verraten, enden am Meer. Auf Mallorca, der neuen Wahlheimat der Hutmacherin. In Palma, merkt Kannstatt, sind die Geräusche „wie ein Passepartout meines Lebensbildes, das Bild selbst eine Karikatur, ein manchmal hochmütiges Porträt“. Auch Fabiennes Stimme klingt jetzt anders. Derselbe Mann, der die Welt zuvor mit den Ohren erfasst hat, öffnet nun die Augen. Und macht erstaunliche Entdeckungen.

Eine raffinierte, lebendig und mit feiner Ironie erzählte Geschichte über zwei Menschen, deren Begegnung zahlreiche Metamorphosen bewirkt und nicht nur sie selbst überrascht, sondern genauso den beglückten Leser. Ronald Schulze

Hubertus Meyer-Burckhardt: „Meine Tage mit Fabienne“, Bastei Lübbe, Köln, 2016,224 Seiten, 18 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 123. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 123

No. 123August / September 2017

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