Così la vita – so ist das Leben, genau so
Kraftmachos, Vorstadtsirenen, Kleinbürgerträume, Kinokulissen. Rimini hat alles schon gesehen, wie ein wunderbarer Fotoband zeigt
Warum eigentlich fallen einem bei Rimini immer zuerst Träume ein? Hörten deutsche Kleinbürger in den Jahrzehnten nach Kriegsende den Namen Italien, begannen sie sofort von la bella vita am Strand von Rimini zu träumen. Sonne, Meer, gelato, papagallo. Auf Rimini angesprochen, werden auch viele Italiener unverzüglich damit anfangen, vom Sommer, vom Urlaub, vom dolce far niente zu säuseln.
Und ist es ein Zufall, dass Federico Fellini, einer der ganz großen Träumer der Filmgeschichte, ein leidenschaftlicher Liebhaber seiner Heimatstadt Rimini war? Es gibt aber auch noch eine andere, dunkle Seite von Rimini, die viele seiner heutigen Bewohner mit Schrecken wahrnehmen: das Verkommen eines klassischen italienischen Strandkurorts zu einer schrillen Version von Las Vegas. Im Hinterland der Küstenstadt schlägt man am Montagmorgen immer nur zögernd die Lokalzeitung auf. Wohl an nur wenigen Orten Europas dürfte die Dichte von Diskotheken so groß sein wie gerade in Rimini. Nirgendwo in Italien ist die Zahl der jugendlichen Verkehrstoten so hoch wie in der Adriaregion um Rimini.
Von den Träumen und Albträumen, von dem liebenswürdigen Alltag und den bizarren Exzessen der Nächte, von den nebligen Herbststimmungen und den schwülen, aufgeheizten Sommernächten, von dem „alten“, etwas verschlafenen Rimini und dem „neuen“, lustgeilen Tourismus-Rimini findet man alles in dem Fotoband „Rimini“ von Marco Pesaresi. Keine Postkartenidyllen, keine Weichzeichnung, sondern harte Schwarzweißkontraste. Schonungslos, bis zur Schamlosigkeit direkt.
Zentral in diesem Buch ist das Strandmotiv. Immer wieder blicken wir auf leergefegte Strände voller Tristesse und Sehnsucht nach einem Leben, das man glaubt, irgendwo jenseits des Meereshorizonts zu finden. Zärtliche Liebespaare sieht man, die den Strand entlanggehen, keinen Wind, keine Wellen, keinen Nebel wahrnehmen, nur sich selbst. Und dann das menschliche Strandgut in den Sommernächten, hemmungslos sich selbst, seinem Körper, seiner Lust hingegeben. Menschen, von denen man glaubt, man hätte sie schon einmal in Filmen von Fellini gesehen. Vulgär vor der Kamera posierende Kraftmachos, vollbusige Vorstadtsirenen, dick geschminkte Huren und schmalhüftige Go-go-Tänzer.
Rimini ist eine ungemein sinnliche Stadt, die aber nach durchzechten Nächten, nach der heißen Sommersaison sogleich auch ihre nüchternen, nebligen, melancholischen Seiten zeigt. Haben wir gerade noch die junge, exhibitionistisch ihren nackten Körper präsentierende Autodirne vor Augen, blicken wir schon zwei Seiten weiter auf eine alte, sich am Stock stützende, in tiefes Schwarz gekleidete Frau. Oder auf durch und durch lasterhaftes Strandtreiben und dann eine naiv zusammengebastelte Krippenszene auf einem Steg.
Così la vita, so ist das Leben. Oder wenigstens erträumt man es sich gelegentlich so schrill und reizüberflutet. Wer kann, sollte jeden Augenblick seiner Jugend exzessiv nutzen. Das Alter, wenn man es denn noch erreicht, bringt nur Leiden und Einsamkeit. Aber so schlimm kann es in Rimini auch nicht sein. Auf einem Bild sehen wir ein lachendes, lebensfrohes altes Tanzpaar. Und wieder ist da der Traum, auch im Alter noch so sinnenfroh la dolce vita zu erleben.
Über allem und allen aber schweift der Blick von Fellini. Ihm, dem alten Rimenesen, hätte dieser ebenso sinnenfrohe wie diabolische Fotoband des jungen Rimenesen Pesaresi, der vor drei Jahren in seiner Heimatstadt starb, wohl gefallen. Carl Wilhelm Macke
Marco Pesaresi: „Rimini“, Il fanciullino/Contrasto, Mailand, 2003, 98 Seiten, 35 Euro
Erklär mir, Liebe
Hanns-J. Ortheils neuer Roman handelt von dem höchsten Gut
Der Anblick des Meeres erregt den Reisenden bereits bei der Ankunft. Im Zug fährt der Fernsehredakteur von München nach San Benedetto an die italienische Adria. Nicht aus touristischen oder kulturellen Gründen, sondern zur Recherche. Für einen bescheidenen und „angenehm lehrreichen“ Film – über das Meer. Im örtlichen meeresbiologischen Institut lauscht er dem Vortrag der Direktorin: „… die Färbung einer Außenlippe, die Wölbung einer hornigen Außenschicht, die Durchsichtigkeit von geöhrten Tentakeln …“ Er verliebt sich in die attraktive wie geheimnisvolle Dottoressa Franca.
Hanns-Josef Ortheil schreibt also über die Liebe. Jener poeta doctus, der die erste Professur für Kreatives Schreiben in Deutschland erhielt, der einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller der Gegenwart ist, legt einen Unterhaltungsroman vor, der profan sein könnte, wäre da nicht Ortheils kunstvolle Wendung, das Thema Liebe in eine Gesamtschau aller Sinne einzubetten. In seinem Buch verbindet sich das Kennenlernen zweier Menschen mit einer ekstatischen Lust am Schwelgen.
Sogleich faszinieren den Protagonisten die Fotografien im meeresbiologischen Fachbuch, das Wasserrelief der Kalkausfällungen auf grauen Steinen, Seeigel- und Molluskenschalen auf schwerem Grobsand. Ein Tauchgang zwischen Muscheln, Schwärmen bunt gestreifter Fische und den flachen Rautenkörpern der Rochen überwältigt ihn: „So wollte ich gleiten, traumwandlerisch sicher durch die Tangmatten und Felsspalten, völlig eins mit dem Element.“ Als er die Dottoressa am Strand betrachtet, entzünden sich in ihm Wünsche, Ahnungen, sexuelle Träume – die später, in einer kleinen Bucht, in der Enge einer hölzernen Umkleidekabine, wahr werden.
Es ist die große Liebe. Ohne Herzschmerz und Vorbehalte, mit einer Leidenschaft, die den Schauplatz der Liebe vereinnahmt: San Benedetto, eine Küsten- stadt in der Landschaft der Marken, die der Erzähler allein auf die Nähe zum Meer und eben auf die Liebe hin liest. Der Fernsehredakteur geht eine Verbindung mit Franca und eine Verbindung mit ganz Italien ein. Das bedeutet auch: kulinarische Orgien. Hier wird immerfort geschlemmt, fritierte Tintenfische beispielsweise, Garnelen und Austern: „Ich schlürfte und trank jetzt das Meer, pur, ohne Zutaten und Dekoration.“
Der Urton des Meeres, il rumore del mare, geht mit der Urschönheit der Geliebten einher. So wird die sinnlich-feuchte Meererfahrung zum Gleichnis für den Liebesakt. Dabei umschifft Ortheil die gefährlich nahen Klippen von Kitsch und Liebesdümpelei mit großer Eleganz.
Gänzlich außerhalb des Rührseligkeitsverdachts sind die beinahe tragischen Szenen, in denen der Rivale auftritt, Dottore Gianni Alberti, ein ehrgeiziger Forscher und Francas Verlobter, mit dem der Redakteur beim lukullischen Showdown Kutteln mit Weißwein verzehrt; der Einfluss hat bis in die dunkelsten Kreise der Stadt, womöglich auch auf die zwielichtigen Fischer im Hafen, die den liebestollen Deutschen bedrohen.
Die Geschichte wogt freilich einem guten Ausgang entgegen. Die Fischsuppe, die beide am Anfang und Ende löffeln, ist dafür schmackhaftes Symbol: „Ich konnte mich nicht beherrschen, ich kostete sie gleich, es ist alles darin, dachte ich, es ist der Sud all dieser Tage … jetzt feiert die Liebe sich selbst.“ Oliver Ruf
Hanns-Josef Ortheil: „Die große Liebe“, Roman, Luchterhand Literaturverlag, München, 2003, 317 Seiten, 22,50 Euro
Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 46. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.
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