Im rauen Rhythmus der blauen Jungs
Gerda Raidt hat sich den Klischees vom Matrosenleben hingegeben. Ihr Buch wurde als eines der schönsten deutschen Bücher prämiert
Die blaue Stunde schwemmt sie an wie Strandgut. Bruchstücke von Bildern, Melodien und Versen tauchen unvermittelt auf und erzählen von fernen Zeiten, als Matrosen noch auf Dreimastern die Weltmeere durchkreuzten und Seemannsgarn exotisch schimmerte. Wer wie Gerda Raidt noch keine 30 ist und nie am Meer gelebt hat, kann darauf vertrauen, dass es sich bei solchen Vorstellungen um Klischees in Reinform handelt. Kein Grund zur Scham für die Illustratorin. Sie freute sich über diese Entdeckung, denn was andere leicht wiedererkennen, braucht man nicht lange zu erklären. Mit wenigen Strichen zeichnete Raidt in dem Bilderbuch „Matrosentango“ die Klischees aus ihrem Kopf und ruft damit im Kopf des Lesers ähnliche Bilder auf.
Die männlichen Hauptrollen spielen einige flotte Matrosen, ein alter Seebär und ein naiver Grünschnabel. In den weiblichen Nebenrollen treten auf: die wartende Freundin, tätowierte Hafenhuren, die besorgte Mutter und – als einzige Frau auf See – die Galionsfigur. „Blaue Jungs, ohé, die alte Liebe bleibt die See!“ Mit ausgewählten Textfragmenten aus alten deutschen Seemannsliedern verbindet Gerda Raidt diese Figuren zu einer losen Geschichte über das Meer, die Sehnsucht, das Leben und den Tod. Texte und Typen aus dem frühen 20. Jahrhundert kombiniert sie dabei mit einer vom Kamerablick geprägten Bildsprache von heute. Viele der doppelseitigen Bleistiftzeichnungen spannen extrem tiefe Räume auf. Gerda Raidt überträgt filmische Gestaltungsprinzipien auf ihre Illustrationen und spielt dabei souverän mit Bildebenen und Maßstäben. Eine besondere Ausdrucksstärke und Nähe entsteht durch fast seitenfüllende, zum Teil angeschnittene oder perspektivisch verzerrte Gesichter. Zusätzliche Dynamik erhalten die Bilder durch den mutigen und gleichzeitig präzise gesetzten Strich.
Alle Zeichnungen sind ausschließlich mit Bleistift gezeichnet, gewischt oder radiert. Auch die Farbflächen, die im Druck wie grobe Wachsmalkreide wirken, legte Gerda Raidt mit Bleistift auf separaten Transparentblättern an und entschied sich erst in der Druckphase für die Farbkombinationen Blau/Gelb und Rot/Orange. Entsprechend der sehnsüchtigen Grundstimmung eröffnet und schließt das Bilderbuch mit blauer Nacht und weitem Sternenhimmel über der schlafenden Hafenstadt. Das nur gelegentlich aufflackernde Rot untermalt kurze Vergnügungen in Taverne und Bordell, beispielsweise bei Madame Goulou: Die ist „tätowiert, vom Ausschnitt bis zum Spann. Und jeder, der sie engagiert, sieht sich die Bilder an“.
Für die in die Bilder integrierten Liedzeilen wählte Gerda Raidt zwei Satzschriften, die sie auf ihrem Computer vorfand. Sie kopierte die typografischen Vorlagen so oft, bis sie aussahen wie die Aufschrift auf einer Whiskyflasche oder Zigarrenkiste und zum rauen Charme der Zeichnungen passten. Die Schrifttypen, -größen und -farben wechseln im imaginären Rhythmus wehmütiger Matrosentangos.
Als europäische Seeleute das Schifferklavier oder das Bandoneon in den Hafenspelunken von Buenos Aires einführten, avancierte es schnell zum Leitinstrument des Tangos. Bert Brecht und Kurt Weill brachten 1929 eine eigene Version auf die Bühne, als Teil der Komödie „Happy End“ im Berliner Theater am Schiffbauerdamm. Gerda Raidts „Matrosentango“ entstand als Diplomarbeit an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und wurde von der Stiftung Buchkunst zu einem der schönsten Bücher des Jahres 2002 gewählt. Nun ist dieses unkonventionelle Bilderbuch für Erwachsene erstmals in einer größeren Auflage erschienen. Uta von Debschitz
Gerda Raidt: „Matrosentango“, Bilderbuch nach Texten deutscher Seemannslieder, Connewitzer Verlagsbuchhandlung Peter Hinke, Leipzig, 2003, 50 Seiten, 25 Euro
Das klare Orakel
Malin Schwerdtfegers Roman ist der Erinnerung auf der Spur
Für Linda, die schon als Elfjäh-rige an der Jerusalemer Universität Kurse belegt in Assyriologie, Ägyptologie, „Mittelalterliche Gerichtsprotokolle“ und „Dionysische Mysterien“, kommt die Erkenntnis mit dem Wörterbuch. Als sie Lor- beerblätter von der Nachbarin ausleihen will und schnell die Vokabel nachschlägt, „bleibt sie wie erstarrt stehen: Aley Dafna – Blätter der Dafna! Die alte Etymologie hatte sich also bis ins moderne Hebräisch geschmuggelt, denn in einen Lorbeerstrauch hatte sich die Nymphe Daphne verwandelt, um den Nachstellungen des Apollon zu entgehen. Deshalb überhaupt das ganze Getue um den Lorbeer, deshalb verschaffte er in Delphi allen Klarheit und Erkenntnis, die Apollon dort durch die Priesterin Pythia und das Orakel um Klarheit und Erkenntnis baten!“
Linda, die heimliche Heldin des neuen Romans von Malin Schwerdtfeger, kaut Lorbeerblätter, bis die bitter-scharfen Öle in ihrem Mund aufgehen und sich entfalten zu Hexametern eines ätherischen Rates. Das exzentrische Wunderkind weiß alles, sieht alles und ist Synästhetin, sie hört Farben, schmeckt Töne, tastet Gerüche. Sie schwimmt im hochfrequenten Knistern der Wasserflöhe, das von Korinth bis Patras rauscht. Dieses Mädchen wird der Autorin zur sinnenbegabten Wünschelrute, mit der sie sich noch einmal auf den uralten Menschenweg nach „Klarheit und Erkenntnis“ macht.
Linda, wie die ganze Familie, wird vorgestellt von der um zehn Jahre jüngeren namenlosen Schwester, die, im Meer ertrunken, nun erst aus dem Totenreich spricht. Apodiktisch schließt sie den Text: „Ich bin die Erinnerung.“ Man mag darüber streiten, ob diese (überfrachtende) Konstruktion wirklich notwendig war oder ob der vielgestaltige auktoriale Erzähler nicht auch kommentarlos zu seinem Recht hätte kommen können. Unbestritten aber bleibt die betörende Poesie dieser modernen Familiensaga, in der zwischen Großstadtmüll und antiken Mythen Szenen aufgehen wie nie gesehene exotische Blüten.
Der Text ist schnell, er kennt den bösen Humor wie die kinderinnige Melancholie, und er ist geschrieben mit der Distanz und Frische jener intellektuell überfütterten und emotional kurz gehaltenen „Generation Nutella“ (so die Autorin einmal über ihren Jahrgang), die souverän auf ihre 68er Eltern zurücksehen kann und doch an ihnen leidet. Alle sind sie ein wenig daneben. Der Vater, ein führender Archäologe, beschert der Familie ein modernes Nomadenleben, und so öffnet sich aufgeklärter Familienalltag in allen Fehlfarben zwischen den Ausgrabungsorten Delphi, Jerusalem und Athen und dem ostfriesischen Langwarden am Wattenmeer, wo die vier Kinder endlich bei Großmutter Generosa und ihrem Veteranenhotel mit dem Friedhof für Ertrunkene unterkommen. Die Eltern sind überfordert; der Nachwuchs trudelt zwischen Desorientierung und Wohlstandsverwahrlosung. Der schüchterne, stille Vater stürzt sich in Staub und Steine seiner archäologischen Visionen, die verträumte, verhuschte Mutter driftet in eine chassidische Sekte ab, die älteren Kinder Robbie und Linda leben einen erfüllt-quälenden emotionalen Inzest (bis sie sich beide in den androgynen Francis verlieben).
Malin Schwerdtfegers scheinbar mühelose Sätze zielen auf Intensität. Nie war das griechische Meer von einer solchen Fata-Morgana-Bläue, und die Nordsee kannte nicht jenes Grau, in das eine goldene Zunge leckt. Angelika Overath
Malin Schwerdtfeger: „Delphi“, Roman, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2004, 296 Seiten, 18,90 Euro
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