mare-Salon

Empfehlungen aus Literatur, Musik, Film und Kulturleben

Last Exit: Hebriden
Vor hundert Jahren lebten Leuchtturmwärter gefährlich – wie in der Kammeroper „The Lighthouse“ von Peter Maxwell Davies

Es sollte am 26. Dezember 1900 eigentlich nur eine Routinefahrt werden. Für die drei Offiziere des Versorgungsschiffs „Heraspus“, die an der westschottischen Küste vor Flannan Island vor Anker gingen. Bloß: Von den drei Leuchtturmwärtern James Ducat, Thomas Marshall und Donald McArthur, die abgelöst werden sollten, fehlte jede Spur.

Das Leuchtfeuer war seit Tagen erloschen. Die Eisenreling entlang der Mole war gebrochen. Und auch die Seilwinde, mit der die anlegenden Schiffe gesichert werden, war abgerissen. Zumindest ist das die Version der drei „Heraspus“-Offiziere, mit der sie später vor einem Untersuchungsgericht der Mordanklage den Wind aus den Segeln nehmen wollen und schließlich freigesprochen werden. Was sich aber nun tatsächlich auf der bis heute menschenleeren Insel nahe den Hebriden ereignete, wurde nie aufgeklärt.

80 Jahre später stieß der englische Komponist Peter Maxwell Davies auf die mysteriöse Schauergeschichte – in einer Biografie über die Leuchtturmbauerdynastie Stevenson, aus der auch „Schatzinsel“-Bestsellerautor Robert Louis Stevenson stammt. Mit seiner Kammeroper „The Lighthouse“ kehrte Davies nun an den Ort des historischen Geschehens zurück, das zu detektivischer Spurenlese und kafkaesker Spekulation herausfordert. In diese Zwischenwelten bricht auch die Neuinszenierung dieser längst zum Erfolgsstück emporgeschossenen Miniaturoper auf, die Regisseur Ralph Goertz mit seiner Kammeroper NRW und in Koproduktion mit der Kölner Oper im Kölner Museum für Angewandte Kunst einrichtete.

Video, Schauspiel und Musiktheater – mit diesem gattungsverschwimmenden Konzept, das seit 2003 zur Spezialität der Kammeroper NRW gehört, belichtet Goertz „The Lighthouse“ als Seelenkrimi und Inselkoller. Denn wer auf engem Raum so lange aufeinander hockt und nur in den Anblick ewig weiter Wasserwüsten flüchten kann, der ist irgendwann reif für die Zivilisation. Die Dienstablösung der drei Leuchtturmwärter ist längst überfällig, und so brennen ihnen langsam die Sicherungen durch. Auf einer holzgezimmerten, mehr als zehn Meter langen Catwalk-Mole fantasieren sich Arthur, Blaze und Sandy in alttestamentarische Gottesfurcht oder Geistervisionen hinein. Dann wieder flackern düstere Lebenserinnerungen auf, mit alten Chorälen und Folksongs.

So unwillkürlich das Publikum entlang der Bühnenklippen in diese Extremsituationen hineingezogen wird, so befindet es sich damit endgültig in einem Labyrinth aus scheinbarer Wahrheit und möglicher Lüge. Haben sich diese armen, verzweifelten Teufel ins Meer gestürzt oder gar gegenseitig umgebracht? Oder haben doch die Versorgungsoffiziere sie auf dem Gewissen? Deren Berichte vor dem Untersuchungsgericht – auf Videoleinwände projiziert – schüren mehr Zweifel als Sicherheiten.

Wegweisend wie die Lichtblitze des Miniaturleuchtturms am Kopfende des Bühnenstegs ist in dieser geheimnisvollen Gruseloper nichts, sind selbst fotografierte Impressionen von einem sonnigen Leuchtturmidyll nur Trugbilder. Mit dieser multimedialen Doppelbödigkeit hat Regisseur Ralph Goertz genau das Nervensystem getroffen, das Peter Maxwell Davies quer durch seine Partitur ausgelegt hat.

Obwohl eher der gemäßigten Moderne verpflichtet, schafft es das zwölfköpfige Gürzenich-Orchester unter der Leitung von Xaver Poncette, diese neoromantisch glühenden und rhythmisch zuckenden Fasern in gespannter Bewegung hochzuhalten, während die drei Sänger selbst mit breiter Opernbrust die quälende Ausweg- und Atemlosigkeit der Leuchtturmwärterexistenz fiebrig durchleben und durch­leiden.

Ob aber ihre Geister heute noch auf Flannan Island spuken, ist nicht bekannt. Seit 1971 arbeitet das Leuchtfeuer dort automatisch. Guido Fischer

„The Lighthouse“, eine Oper von Peter Maxwell Davies, Inszenierung der Kammeroper NRW, Regie: Ralph Goertz


Blutjung zur See
Was Stubenhocker von Captain FitzRoy lernen können

Feuerland: „Uttermost Part of the Earth“, das äußerste Ende der Welt, man meint dort direkt vom Rand der Erde in brennende Abgründe zu fallen. Eine wilde Gegend, die Fantasie bekommt Flügel oder zumindest eine Gänsehaut. Aber da die meisten von uns sich schon nach einer Nacht in einem durchnässten Zelt sofort und hingebungsvoll nach Hause wünschen, ist das Sofa möglicherweise der bessere Platz für die Reise ins Abenteuerland. Gehen wir also mit zwei kultivierten und blutjungen Reisebegleitern – mit Käpten FitzRoy, 26 Jahre alt, und dem 22-jährigen Naturphilosophen Charles Darwin – auf wissenschaftliche und kulturelle Mission. In unberührte Natur und nicht für zwei Wochen, sondern für fünf Jahre auf dem geringen Raum eines Segelschiffs, eine Expedition für richtige Männer.

Doch bilden die Abenteuer nur den Hintergrund zur Illustration der geistig-moralischen Grundhaltung des besseren Teiles der viktorianischen Aristokratie, die in den Worten und Taten des sympathischen Kapitäns Ausdruck finden. Es ist ein philosophischer Diskurs einer Zeit im Umbruch, die durch deutliche Parallelen sehr aktuell erscheint. Das Sendungsbewusstsein, die gefühlte Überlegenheit gegenüber allem Andersartigen – in diesem Fall „Nichtenglischem“ –, gepaart mit einem christlichen Glauben, der sich als Reaktion auf eine Welt im radikalen Wandel zum Fundamentalismus hin orientiert, das erinnert doch stark an den frömmelnden Zeitgeist und die aggressive messianische Außenpolitik des einzig verbliebenen Imperiums, die USA.

Peter Nichols lässt einen sehr eindringlich am Leben und Leiden des Robert FitzRoy teilhaben, der so viel wollte, so viel erreichte und doch nicht glücklich wurde. Dabei wahrt der Autor immer Distanz durch den eigentümlichen Erzählstil des „Dokudramas“. Er kommentiert, moderiert aus heutiger Sicht, hilft damit der historischen Einordnung und öffnet den Zugang zur damaligen Welt.

Durch diese Erzählweise meint man manchmal, in einer wissenschaftlichen Arbeit zu lesen, und die moderat gesetzten Fußnoten lassen einen fast vergessen, dass es sich um Fiktion handelt. Dann wiederum ist Nichols beschreibend sinnlich, unwissenschaftlich wertend: wenn er etwa erklärt, die Telegrafie sei das Internet des viktorianischen Zeitalters und Darwin in seinem späteren Leben ein hypochondrischer Stubenhocker gewesen, der tagein, tagaus im Arbeitszimmer gehockt sei und darauf gewartet habe, dass die Welt in Form des Telegrammboten zu ihm kommt. Wer hat nicht so einen leicht säuerlich riechenden Kandidaten in seinem Bekanntenkreis?

Nichols manipuliert keine Fakten, um seine Story prickelnder zu machen. Die ablesbare Unterscheidung zwischen historischen Tatsachen und schriftstellerischer Freiheit schafft Vertrauen beim Leser, der nicht fürchten muss, in den fiesen Sumpf der Geschichtsverwurstung zu geraten. Man kann also etwas lernen.

Leider sind keine Karten abgedruckt, wo doch das Kartografieren die eigentliche Aufgabe der Forschungsreise war und das Mitreisen des Fingers auf der Landkarte sehr hilfreich gewesen wäre (das Internet hilft: www.aboutdarwin.com). Der reißerische Untertitel vom „Mann, der an Darwins Entdeckungen zerbrach“ wird weder der komplexen Persönlichkeit FitzRoys und den Abenteuern seines Lebens noch der Aussage des Buches gerecht. Daniel Kempinski

Peter Nichols: „Darwins Kapitän. Die tragische Geschichte des Mannes, der an Darwins Entdeckungen zerbrach“, Europa Verlag, Hamburg, 2004, 432 Seiten, 22,90 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 49. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 49

No. 49April / Mai 2005

mare-Kulturredaktion

mare-Kulturredaktion

Mehr Informationen
Vita mare-Kulturredaktion
Person mare-Kulturredaktion
Vita mare-Kulturredaktion
Person mare-Kulturredaktion
Suchmaschine unterstützt von ElasticSuite