mare-Salon

Empfehlungen aus Literatur, Musik, Film und Kulturleben

Sechs Künstler und ein kleiner Matrose
Bevor man zur See fährt, braucht man ein Boot. Der Weg dahin ist weit, aber ganz schön bunt. Ein wunderbares Kinderbuch aus Berlin

Wenn Bilderbücher auch Erwachsenen gefallen und nach großer Kunst aussehen wollen, dann geben sie sich gern edel und tiefsinnig. Dann sind sie voll düsterer Bilder und benutzen gedeckte Farben, und wenn man sie so ansieht, dann fragt man sich, ob Mutter und Kind sich beim Vorlesen in den Schlaf weinen, Vater mit Kind sich von der Bettkante stürzen sollen.

Weg damit! Raus mit den Farben, rauf aufs Papier! Es gibt da diesen kleinen Matrosen, der hat einen Entschluss gefasst, der will auf eine große Reise gehen. Die Welt ist groß, die Welt ist schön – und vor allem bunt ist die Welt! Ein Paddel hat der Matrose schon, und damit schickt ihn der Erzähler Franz Zauleck los, erst mal auf eine kleine Reise, sich ein Boot zu organisieren. Der Matrose besucht den Koch und den Schneider, den Gärtner und den Schmied und viele andere, und von allen bekommt er lauter nutzlose Sachen, aber das macht weder dem kleinen Matrosen noch dem großen Leser etwas aus, denn damit kann man sehr schön „Ich packe meinen Koffer“ spielen: „Das Paddel habe ich schon. Mir fehlt nur noch ein Boot.“ Dann: „Ich habe ein Paddel und einen Kartoffelstampfer. Mir fehlt nur noch ein Boot.“ Und dann: „Ich habe ein Paddel und einen Kartoffelstampfer und einen Stopfpilz …“ So geht es weiter, von Werkstatt zu Werkstatt, von Ort zu Ort, von Bild zu Bild. Und was das für Bilder sind! Franz Zauleck, ehemaliger Bühnenbildner am Deutschen Theater Berlin, hat sechs Berliner Künstler mit seinem Matrosen auf die Reise geschickt – und wie haben die sich ausgetobt!

Franz Zauleck selbst zum Beispiel zeichnete einen unordentlichen Schneider, bei dem liegt eine Streichholzschachtel „7 auf einen Streich“ auf dem Boden, und neben der Box mit Schillerkrägen, „ca. 4,5 cm“, eine mit eher unbekannten Goethekrägen – die sind gar „5 cm“ hoch. Attack malte einen Indianer in leuchtend gelber Wüste, sein Kopfschmuck ist prächtig, aber viel interessanter ist der bemalte Felsen, vor dem er steht, wo zwischen India­nerzeichen plötzlich ein Punk und ein Clown auftauchen. Kitty Kahane hat mit kräftigen Strichen einen blau gewandeten Gärtner auf dunkelroter Erde gepinselt. Oder Karsten Rzepkas riesiger Schmied, der mit seinem feuerroten Wallebart aussieht wie ein griechischer Gott.

Richtig, es gibt so viel zu sehen schon auf der kleinsten Reise, und so ist es gar kein Wunder, dass der kleine Matrose das Boot am Ende gar nicht mehr braucht, kommt da doch plötzlich eine schöne Frau aus dem Gebüsch, weil in jeder guten Geschichte eine Frau vorkommt. Und auf einmal machen der Kartoffelstampfer und der Stopfpilz und all die anderen Sachen einen Sinn.

Natürlich könnten wir jetzt schimpfen, was denn da für ein verwerflich altmodisches Bild einer Ehe gezeichnet wird, aber dafür ist diese absurde Geschichte viel zu lustig. Wir haben viel zu gute Laune, wir werden uns jetzt weder von der Bettkante stürzen noch in den Schlaf heulen, wir wollen noch einmal auf die Reise gehen. Ein Paddel haben wir schon. Iris Alanyali

Franz Zauleck: „Große Reise“, Edition Peix, Berlin, 2004, 32 Seiten, 18,60 Euro


Seele auf Eis
Schrecklich schön, so ein Marsch zum Südpol

Seit sich die Gipfelbesteigung des Mount Everest buchen lässt wie eine Luxuskreuzfahrt, ist auch ein anderes, einst unerreichbares Expeditionsziel in die Hände organisierter Extremtouristen gefallen. Der Südpol, für dessen Entdeckung seinerzeit bärtige, vom Skorbut gezeichnete Helden kläglich verendeten, ist der Fixpunkt des faszinierenden Romans „Horror Vacui“: Vier erlebnishungrige Kunden von „Extreme Adventures“ machen sich mit zwei Guides auf zum Pol. Zwei Monate und 730 Meilen lang ziehen sie ihre Schlitten übers Eis. Ralph, der dickliche Holländer, Michael, der schon auf den höchsten Bergen aller Kontinente stand, Susan, die ehrgeizige Einhandseglerin, und ein von beklemmender Traurigkeit und Beziehungslosigkeit geplagter Deutscher, dessen demente Mutter kürzlich im Pflegeheim starb.

Aufgekratzt schiebt sich der Abenteurertross acht Stunden täglich übers Eis voran, jede Stunde eine Pause und ein Fitnessriegel. Mit jedem Kilometer und den sich biestig in den Weg stellenden Eisplatten bröckeln jedoch die sportlichen Fassaden. Aufgeplatzte Lippen und Schneeblindheit sind die äußeren Zeichen des Ringens mit einer Natur, in der der Mensch offensichtlich nichts verloren hat. Die seelischen Minusgrade äußern sich in darwinistischem Gruppenverhalten. Als ein Schneesturm wie der Weltuntergang draußen vor den Zelten tobt, scheint die Katastrophe nicht weit. Doch wer hier thrillermäßige Erste-Hilfe-Dramatik erwartet, sollte lieber zu John Krakauer greifen – der Horror, den Tina Uebel so brillant und ohne eine Spur von falschem Pathos heraufzubeschwören weiß, hat nichts mit Reality-Schockern gemein. Das Nichts ist surreal und ähnlich bedrohlich wie der Blanke Hans, vor dem es den Ich-Erzähler schon in der Kindheit gegruselt hat.

Wenn ein Buch, wie Kafka sagt, die Axt sein soll für das gefrorene Meer in uns, dann ist „Horror Vacui“ ein geschliffener Eispickel. Beschaulich ist an der antarktischen Tour de force rein gar nichts, am wenigsten die Sprache. Uebel, die selbst auf einem russischen Eisbrecher die Antarktis umrundet hat, weiß das Phänomen des „White-out“ so persönlich zu beschreiben, dass man den verheerenden Effekt beinahe körperlich spüren kann. Ihr Blick ist sezierend und sarkastisch, aber auch voll leisem Mitgefühl für den Zustand der inneren Leere, gegen den hier jeder ankämpft. Aus den frotzelnden Dialogen der hungrigen, hustenden, sich verbissen auf das Ziel hinarbeitenden Leidensgefährten entstehen geniale Minipsychogramme. Selten wurde dieser Sorte von Reisenden so genau aufs zähneklappernde Maul geschaut. Und so wie die Inuit mehr als 100 Begriffe von Schnee kennen, so schafft es die Hamburger Literaturveranstalterin von Seite zu Seite erneut, auf schnörkellose, präzise Weise das Eis mal schön, mal schrecklich zu beschreiben.

Liest man sich vor dem Einschlafen in ihrem Roman fest, kann es sein, dass man Verstörendes träumt. Urängste werden geweckt: mutterseelenallein sein, in der

Weite verloren, erfrieren. Die vier Antarktis-Durchquerer haben noch andere Alpträume zu bewältigen – vor allem den der Desillusion. So unbegreiflich einsam die Eiswüste um sie herum auch ist, so wenig erobern sie einen der letzten weißen Flecken auf der Landkarte. Denn am Südpol werden keine Pinguine warten, sondern nur die Amerikaner. Anke Richter

Tina Uebel: „Horror Vacui“, Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2005, 272 Seiten, 17,90 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 51. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 51

No. 51August / September 2005

mare-Kulturredaktion

mare-Kulturredaktion

Mehr Informationen
Vita mare-Kulturredaktion
Person mare-Kulturredaktion
Vita mare-Kulturredaktion
Person mare-Kulturredaktion
Suchmaschine unterstützt von ElasticSuite