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Mörderabenteuer mit Meerblick
Wer Christophe Blains dämonische Piratenbilderbücher liest, versteht, warum der Comic in Frankreich als „fünfte Kunst“ verehrt wird

Zwischen riesige Ozeanwellen, Eisberge, Seeschlachten, Piraten, Skorbut, Meutereien, Meeresungeheuer, Mord und Totschlag hat der 1970 geborene Comiczeichner Christophe Blain seinen Protagonisten Isaak gesetzt. Und der, ein recht erfolgloser Künstler des 18. Jahrhunderts mit dem heftigen Wunsch im Herzen, ein berühmter Marinemaler zu werden, hat unter den Lebensbedingungen schwer zu leiden. Wird hin- und hergeworfen zwischen Abenteuerlust und Heimweh nach seiner Verlobten Alice, die in Paris bereits von einem Verehrer umgarnt wird.

So unvermittelt, wie Christophe Blain seinen Helden Isaak Sofer das raue Leben als Marinemaler in den Fängen des Piraten Jean Mainbasse kosten lässt, so momenthaft ist auch der grafische Stil der vier bisher erschienenen Folgen der Comicserie „Isaak der Pirat“. In der ersten Ausgabe ging die Reise nach Amerika, dann als Gefangener entdeckungslustiger Piratenwissenschaftler an den Südpol. Darauf hatte Isaak amouröse Abenteuer in der Karibik zu bestehen. Und nun, im vierten Band, dienen die Straßen des heimischen Paris als Kulisse für die aufregende Suche nach der verschollenen Verlobten.

Ein Maler durchreist die Welt. Ein Abenteuer, das Christophe Blain in seltener Raffinesse in Szene setzt: Geerdet in der grafischen Kunst des 19. Jahrhunderts – er nennt Gustave Doré als Vorbild –, haben Blain und seine dezent arbeitenden Farbgestalter Walter und Yuka einen ganz eigenen, dämonischen Stil gefunden: typisch etwa die Freude des Künstlers, seine Szenen in Dunkelheit zu tauchen und nur einzelne Lichtquellen, wie ein erleuchtetes Fenster, eine illuminierte Häuserflucht, ein Gesicht vor einer Lampe, aufblitzen zu lassen.

Oft stehen seine mit vielen Innenschraffuren akzentuierten Figuren wie Schattenrisse vor dieser Dunkelheit und recken ihre überzeichneten, verzerrten Physiognomien hervor. Die Piraten sind stets besonders hässliche Kerle, mit großen, spitzen oder knorpeligen Nasen, wilden Haaren und zerlumpter Kleidung.

Wie nah sich Kunst und Comic heute sind, war vor einem Jahr in der Ausstellung „Funny Cuts. Cartoons und Comics in der zeitgenössischen Kunst“ in der Staatsgalerie Stuttgart zu bewundern. Und auch Christophe Blain, der Bildende Kunst in Cherbourg studiert hat, seit den späten neunziger Jahren Comics zeichnet und 2002 mit dem Preis des Comicsalons von Angoulême ausgezeichnet wurde, ist solch ein Grenzgänger zwischen den Szenen. Viele seiner Zeichnungen könnten auch als Einzelbilder bestehen. Manche scheinen von der Grafik des Expressionismus beeinflusst, andere von den dunklen Hervorbringungen symbolistischer Kunst des späten 19. Jahrhunderts.

Blains Stil ist originär, das zeigt sich vor allem im Vergleich mit dem Klassiker des Piratencomics, der 1959 begründeten Serie „Der rote Korsar“ von Jean-Michel Charlier und Victor Hubinon, die auch nach dem Tod des legendären Duos bis heute weitergeführt wird. Gegen den „Roten Korsar“ wirken Blains Schöpfungen unvollkommen: Sein Strich ist in stetiger Veränderung, Schraffuren folgen keinem erkennbaren Prinzip, Perspektiven sind verschoben, der Abstraktionsgrad wechselt zwischen den Einzelbildern.

Doch was Liebhaber klassischer franko-belgischer Comics bemängeln, ist für die neue Generation von Comiczeichnern wie Joann Sfar, Lewis Trondheim, Emmanuel Guilbert oder David B. gerade das Markenzeichen: ein expressiver Strich etwa, der sich um Unregelmäßigkeiten der Perspektive nicht stört, der das Genre der Karikatur streift und jüngst durch euphorische Feuilletonbesprechungen geadelt wurde.

Doch wenn Christian Gasser Blain in der „Neuen Zürcher Zeitung“ einen „begnadeten Erzähler“ nennt, da möchte man doch widersprechen. So interessant der subjektive Strich des Künstlers ist, so träge fließt die Erzählung über manche Seiten. Und noch etwas erschwert die Leselust: Die Übersetzungen von Kai Wilksen wirken an einigen Stellen hölzern und konventionell. Und das bei Mörderabenteuern mit Meerblick. Marc Peschke

Christophe Blain: „Isaak der Pirat“, Band 1: Amerika, Band 2: Das Eismeer, Band 3: Olga, Band 4: Die Hauptstadt, je 48 Seiten, Reprodukt, Berlin, 2005, jeder Band 12 Euro


Lebe lieber anders
Kinder lieben Aufregung – und Katastrophen

Um es gleich zu sagen: dieses Buch ist – nüchtern gesagt – berauschend. Richard Hughes’ 1929 erschienener Roman, der ihn schlagartig berühmt machte, beginnt auf Jamaica, nach der Befreiung der Westindischen Inseln. Eine britische Familie lebt auf einer heruntergekommenen Plantage inmitten der Wildnis, und die ist ein halluzinatives Paradies für deren Sprösslinge.

Schon auf den ersten Seiten verblüfft Hughes durch seine Fähigkeit, die magische Naturverschworenheit, die gnadenlose Abenteuerlust und Katastrophensehnsucht von Kindern zu evozieren. Und die Katastrophen lassen nicht auf sich warten. Ein Erdbeben und schließlich ein Hurrikan setzen der Familie derart zu, dass die vier Kinder zusammen mit den Kids einer zweiten englischen Familie auf ein Schiff nach England verfrachtet werden müssen.

Das Schiff wird von Piraten gekapert. Auf deren verlottertem Schoner, unter dem weichherzigen Kapitän Jonsen aus Lübeck, beginnt eine ziellose Fahrt durch die karibische See – Pequod und fliegender Holländer zugleich auf einem irrwitzig surrealen Trip. Die Grenzen zwischen Gut und Böse, Erwachsenen und Kindern verschwimmen, und die gesamte Besatzung des Freibeuters verfällt einem kollektiven Dauerdelirium. Ein holländischer Frachter gerät in die Fänge dieses Narrenschiffs – das Drama nimmt seinen unerwarteten Lauf.

Aber das wirklich Faszinierende an diesem Roman ist nicht der Plot, so tragisch er auch sein mag, sondern die Fähigkeit Richard Hughes’, sich in die magischen Spiele der Seelen zu versenken und in deren dunkle und verhängnisvolle Regeln. Hier wird nicht, wie es auf den ersten Blick scheint, Kindheit entzaubert, sondern der Mythos, den Erwachsene sich von ihr gemacht haben. Sie kennen die Welt der Kinder nur, solange sie selbst Kind sind.

Diese Seefahrergeschichte hat, wie die meisten Romane von Joseph Conrad, insbesondere „The Nigger of the Narzissus“, nur ein Thema: wie leicht und spielerisch und unbegreiflich ein Mensch den anderen in Bann schlagen kann – und wie unbewusst und impulsiv und mit fatalen Folgen der eine den anderen verrät.

Dass Richard Hughes Kinder zu Protagonisten machen konnte, ist seinem Genie zu verdanken, deren Psychologie, die eher Anarchie ist, besser zu kennen als die meisten Erwachsenen die ihrer Altersgenossen. Auf Erwachsene ist noch weniger Verlass als auf Kinder. Kinder bemitleiden niemanden; sie können kein Mitleid haben – aber sie sind niemals sentimental. Das ist der Grund, warum dieses Buch ganz und gar nicht düster ist, sondern im Gegenteil urkomisch, strahlend und verschwenderisch, bittersweet indeed.

Und Kindern, denen ihre Eltern dieses Buch nicht vorenthalten, dürften Ansichten wie diese gefallen: „Kurz gesagt, das innere Leben von Kindern vollzieht sich nach Gesetzen, die sich nicht in die Begriffe und Kategorien des menschlichen Verstandes übersetzen lassen. Sie sehen zwar menschenähnlich aus, aber offen gestanden nicht so menschenähnlich wie zum Beispiel viele Affen.“

Wer selbst Kinder hat, der wird sie nach dem Lesen dieses Buches mit anderen Augen betrachten. Thomas Findeiß

Richard Hughes: „Sturmwind auf Jamaica“, Verlag Neue Kritik, Frankfurt/Main, 2005, 256 Seiten, 19 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 54. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 54

No. 54Februar / März 2006

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