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Elegante Blicke auf nördliche Welten
Ein Schotte, ein Schweizer und ein Deutscher zogen aus, die stille Schönheit Islands und Grönlands in mystischen Bildern festzuhalten

„Unter dem Licht des Nordens“ ist der Titel eines neuen Fotobuchs von Olaf Otto Becker. Ein Titel, der beinahe zu sachlich klingt für die Werke des 1959 geborenen Fotokünstlers. Der Band umfasst isländische Bilder aus den Jahren 1999 bis 2002, zumeist Landschaften, doch auch Häfen, Dörfer und Kleinstädte.

Was fast alle diese Bilder eint: Sie sind menschenleer. Wenn Becker Menschen zeigt, dann verschwinden sie unter der Weite des Himmels. Der Fotograf findet in Island ein Urbild von Landschaft, dem alles, was Menschen schaffen konnten, ganz selbstverständlich untergeordnet ist. Seine Fotografien feiern das Außerordentliche und Erhabene in der Natur.

Island, das ist eine Randzone. Am Rand Europas gelegen, ist hier noch die Szene für mächtige, weite und auch zeitlose Bilder. Wasserfälle, Stauseen, bemooste Felsenberge und Gletscherzungen, Gletschernebel, die Weite des Atlantiks vor Grymsey, aber auch Menschenwerk wie Werften, Hafenanlagen und Straßen – Becker zeigt sie allesamt unter einem großen Horizont, der oft mehr als die Hälfte des Bildes einnimmt. Der Himmel ist zumeist grau, manchmal nebelverhangen, meistens gänzlich unspektakulär.

Vordergrund und Horizont sind in Beckers Fotografien oft Widersacher, was an die dokumentarischen Arbeiten Bernd und Hilla Bechers erinnert. Doch Beckers fotografischer Blick ist ein anderer: In einem den Bildtafeln vorangestellten Gespräch mit der Kunsthistorikerin Christiane Stahl erzählt er von seiner Liebe zu der amerikanischen Landschaftsfotografie, die in ihren besten Momenten einen Mythos von Landschaft beschwören konnte, der sein Spiegelbild im Künstler selbst findet. Eine zutiefst romantische Kunstauffassung. „In meinen Bildern schwingt immer mit, was mich innerlich beschäftigt“, sagt Becker, „nachts bei Regen wirkt die Landschaft nachdenklich, die Bildinformationen werden reduziert, die Komposition bekommt mehr Raum.“

Ein anderer Nordmeerfotograf unserer Tage ist der Schotte Iain Brownlie Roy. „In Grönlands Fjorden“ ist der Titel seines opulenten Fotobandes, der sich ebenfalls ganz der Landschaft verschreibt. Auch hier ist der Mensch eine Randfigur, Maß für die Größe seiner Umwelt.

Roys Schwarzweißfotografien entstehen noch weiter im Norden – im Nordosten Grönlands. Und mehr noch als bei Olaf Otto Becker verschwinden hier alle Zeichen des modernen Lebens. Sein Stil ist gepägt von Noblesse und Eleganz. Wenn Roy Eisberge ins Bild setzt, dann sehen sie aus wie aus Stein geschaffene Kunstwerke. Auch Roy sucht den poe­tischen Zug jener rauen Landschaften – doch nicht die Kleinheit der Menschen ist sein Thema, sondern die Materie selbst: Stein, Wasser, Schnee, Eis. Alles, was er hier vorfindet, ist von einer elementaren Kargheit und Stille.

Der wunderbar gedruckte Band ist nicht nur für Liebhaber feiner Fotokunst von Interesse, sondern auch für jene, die sich für die Geschichte Grönlands interessieren. In ausführlichen Texten, ergänzt um eine ausgewählte Bibliografie, werden die Entwicklungslinien der Entdeckung Grönlands und das traditionelle Leben der Inuit dargestellt. „In Grönlands Fjorden“ ist ein wertvolles Dokument Roys langjähriger Liebe zu dieser Landschaft.

Auch Marco Paoluzzo, geboren 1949 im schweizerischen Biel, fotografiert seit 1991 im Norden. Sein „North. Nord“ betiteltes Fotobuch ist ebenfalls in Island, aber auch auf den Färöer-Inseln entstanden. Und auch Paoluzzo liebt die Ruhe des Nordens.

„Ich fühlte mich wie in einem Zen-Garten, in dem die Stille alles ausfüllt“, schreibt er im Vorwort zu seinem Buch. „Für mich bedeutet der Norden vor allem Island und die Färöer-Inseln, die schwarzen Landschaften, die Unbill des Wetters und das Gefühl der Einsamkeit mit der Vorstellung vom Ende der Welt.“

Paoluzzo ist ein Mystiker mit Kamera, seine Schwarzweißfotografien von meerumspülten Bergen, Felsen und Stränden sind frei von jeglicher Gegenwärtigkeit. Sie spiegeln jenes nordische Lebensgefühl vielleicht am eindringlichsten wider: das ohnmächtige Wissen um eine übermächtige Natur.

Paoluzzo zeigt fantastische, doch tatsächlich existierende Urlandschaften, die in sensiblen Gemütern Lebensangst auslösen könnten. Überall Nebel und Wolken – über den Felsen, über den Riffen, über dem Meer.

Will man hier sein oder sogar bleiben, dann muss man eine Grenze überwinden. „Den Kampf um die Dauer“, so schreibt Andreas Breitenstein in der „Neuen Zürcher Zeitung“ treffend über dieses Buch, „hat der Mensch hier immer schon verloren.“ Marc Peschke

Olaf Otto Becker: „Unter dem Licht des Nordens“, Schaden.com, Köln, 2005, 83 Seiten, signierte Ausgabe, 48 Euro

Iain Brownlie Roy: „In Grönlands Fjorden“, Editon Braus, Heidelberg, 2004, 176 Seiten, 45 Euro

Marco Paoluzzo: „North. Nord“, Benteli Verlag, Bern, 2005, 120 Seiten, 58 Euro


Drei Mal Atlantik
Was eine Seereise alles bedeuten und verheißen kann

Kann man einem exzellenten Schweizer Schriftsteller (Beat Brechbühl), der vor 36 Jahren einen Kultroman („Kneuss“) geschrieben hat, der manchen Jugendlichen angespornt hat, nie, nie spießig werden zu wollen, kann man diesem Dichter mit einem Faible für handgesetzte Bücher, einem Typografiefan, der in der Schweiz einen Verlag (Im Waldgut) mit Druckerei gegründet hat, der Pleite ging und jetzt neu wiedererstanden ist (Waldgut), kann man so einem Mann auch verlegerische Qualitäten im Sinn eines gehaltvollen Buchprogramms zutrauen?

Man kann. In der Reihe „lektur“ ist ein Buch erschienen, schmal wie alle Bände aus dem Programm und ganz nach der Art, die Brechbühl so schätzt: in lyrischer Prosa. „Die Überfahrt“ der Schweiz-Argentinierin Erica Engeler ist die Erzählung dreier Atlantiküberquerungen, die sich in der Erinnerung vermischen und ergänzen. Es ist die Geschichte einer Familie, die nach Südamerika auswandert, mutig, nicht wirklich glücklich („Erst viel später sickerte durch, dass am Anfang eine Heiratsannonce stand. Mann sucht Frau zwecks Heirat und Auswanderung – oder Ähnliches“), aber mit Hoffnung. Die Schiffsreisen werden zum Leben schlechthin („Gab es überhaupt Klänge? Es gab das Dröhnen der Motoren, das war das Geräusch der Welt, der gleichbleibende Hintergrund, der Vordergrund. Der Untergrund war wirklich tief unten und mit einer Verbotstafel markiert. Einen Grund gab es keinen. Auch kein Zeitgefühl“). Auf 64 Seiten steht alles, was eine Seereise bedeuten und verheißen kann. Lesen! Unbedingt. Zora del Buono

Erica Engeler: „Die Überfahrt“, Verlag Im Waldgut, Frauenfeld, 2006, 64 Seiten, Umschlag handgesetzt, 17 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 57. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 57

No. 57August / September 2006

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