mare-Salon

Empfehlungen aus Literatur, Musik, Film und Kulturleben

Vom Himmel aus gesehen
Guido Alberto Rossi fotografiert die Welt von oben, denn von dort sieht man beides: Schönheit und Verwundbarkeit unseres Planeten

In einer der heiligen Schriften des Hinduismus wird gesagt, dass nichts außer dem Wasser es vermöge, in den Augen der Menschen zu ruhen. „Das Wasser ist das wahre Auge der Welt.“ Als wolle der Mailänder Fotograf Guido Alberto Rossi mit diesem Wort Ernst machen, zeigt er uns die Erde von oben unter der Perspektive ihrer Wasser. In den Meeren und Gletschern, den Seen, Flussläufen, Lagunen, den Stränden und Sümpfen, den Stau­becken, den Kanälen spiegelt sich der prekäre Weg der Bewohner des blauen Planeten, die in ihrer Existenz vom Wasser abhängig und zugleich dem Wasser ausgeliefert sind. In fünf Kapiteln verfolgt Rossi den Zeitlauf von der Unberührtheit der Wasser bis zu ihrer industriellen Nutzung, von mäandernden Flüssen zu Wasserstraßen, die, von Autobahnen gesäumt, überquert werden von Brücken, auf denen es nun der Verkehr ist, der fließt.

Rossis Blick ist voller Empathie für dieses Element, das zum Menschen in einer schicksalhaften Verbindung steht. Er zeigt die indigofarbenen und roten Tümpel im Regenwald; die leuchtenden Wasserstellen in der Wüste, an denen Giraffen schreiten, gestaffelte Reisterrassen wie Aquarelle in Grün oder als silberne Schuppenlandschaft; Fischzuchten, in die Meere gezogen, als hätten Kinder hier Rechtecke gezeichnet oder Paul Klee. Er fotografiert Korallenriffe als eine Hommage an die Weber von Paisley. Vielleicht liegt ein Versprechen im Muster, dass Natur und Menschen harmonieren können.

Seine fliegende Kamera führt über Wasserstädte wie Venedig, Amsterdam, New York und bis an die brennenden Ölplattformen im Meer vor Singapur. Die Fotografien sind spektakulär und in ihrer Schönheit melancholisch. Seht, sagen sie, wie herrlich die Erde ist und wie klein der Mensch und wie gefährdet beide.

Kundige kulturhistorische Essays des Ökonomen und Geografen Gabriele Zanetto – derzeit Präsident der Fakultät der Umweltwissenschaften in Venedig – begleiten diesen Wasseratlas der Welt. Die vier Handlungsgrundsätze zur Sicherung der Wasserversorgung, die das Stockholmer Wassersymposium (1998–2002) aufgestellt hat, sind imperativisch zwischen die Kapitel gefügt.

Das Buch heißt in der Originalausgabe „L’Acqua vista dal Cielo“, das Wasser, vom Himmel aus gesehen. Im Deutschen fiel der „Himmel“ aus dem Titel. Dabei passt das emphatische Wort zu diesem in bestem Sinn engagierten Buch. Es ist eine Bibel für Menschen, denen Wasser auch ein Synonym für Sehnsucht ist. Angelika Overath

Guido Alberto Rossi & Gabriele Zanetto: „Wasser von oben“, Gerstenberg, 2006, 312 Seiten, 140 Fotografien, 39,90 Euro


Dreifache Zeitreise
Zu Besuch bei der urchristlichen Gesellschaft der Insel Corvo

„Dann öffne ich das Fenster, atme die kühle, würzige Luft des Atlantiks. Der Mythos leuchtet in den Farben der Dämmerung. Sein Zauberstab hat Corvo berührt und in jenen verheißungsvollen Ort verwandelt, an dem sich, wie es heißt, urgemeinschaftliches Leben erhalten habe.“

Dieser „Utopie einer Gemeinschaft“, die sich in der Kargheit der Azoreninsel Corvo entwickeln und in deren Abgeschiedenheit lange halten konnte, geht der Autor in seinem schmalen Band nach. Und es liegt ein eigenwilliger Charme in der Art, mit der Ralph Roger Glöckner aus der Ich-Perspektive und mit fiktionalen Elementen erzählt. Durch die Gassen schlendernd, in ruhigen Gesprächen mit den Einwohnern, erkundet er den Mythos des Kommunitarismus von Corvo oder das, was von der urchristlichen Lebensweise übrig geblieben ist.

Vieles ist anders geworden seit dem Jahr 1593, der dritten Besiedlungsphase auf Corvo, als sich der comunitarismo agropastoril entwickelte. Als Hühner oder Hammel noch nicht verkauft, sondern gegen Geschirr oder Kleidung von der Nachbarinsel eingetauscht wurden und Geld kaum eine Rolle spielte. Bis 1971 gab es nur wenige Kühe auf der Insel, war Corvo ein Schafparadies. ‚

Die Weiden sind zwar wie eh und je im traditionell öffentlichen Besitz, dem baldio, aber sind verkommen und werden von Moosen und niederem Gewächs erobert, weil es heute zwar einen Nutzungsplan gibt, aber keine Schafe mehr auf den Weiden grasen. Heute verkauft jeder seine Kühe ganz unabhängig vom Nächsten, ist „das gesamte Leben Privatbesitz“, so lernt der Autor auf seinen Wanderungen. Nichts mehr übrig von der Urgemeinde, die Lukas in der Apostelgeschichte schildert: „Alle aber, die gläubig waren geworden, waren beieinander und hielten alle Dinge gemein.“

Vor allem die Alten hocken noch viel zusammen, trinken Milchkaffee und besprechen Alltägliches. Indes, sie tragen Bluejeans, Tennisschuhe und Schirmmützen; sie „wirken wie ihre eigenen Verwandten aus den Vereinigten Staaten, die gerade zu Besuch gekommen sind“. Der Gedanke an das Allgemeinwohl erlischt, erzählen sie, aber noch immer hilft jeder dem anderen aus und werden Türen kaum abgeschlossen.

Zögernd nähert sich der Autor diesem Inselleben. Um mit seiner Neugier nicht außen vor zu bleiben, drängt er sich nicht auf, sondern macht zunächst die Bewohner neugierig auf sich selbst, den Fremden. „Nur dann geraten wir ins Gespräch.“ Und es funktioniert.

Er wünscht ihnen einen guten Tag, aber geht seines Weges … und: „Boa tarde, antworten sie leise, fast beiläufig, werden bemerkt haben, dass der Fremde ihre Sprache spricht und weiß, was sich gehört.“ Der Gruß als „vertrauensbildende Maßnahme“.

„‚Corvo. Eine Azoren-Utopie‘ entspringt der Obsession eines Nomaden“, schreibt der portugiesische Literaturwissenschaftler José Nobre da Silveira im Nachwort. Das Buch sei eine „dreifache Reise“ zwischen Chronik, Zeugnis und Fiktion, „in der erstarrten Realzeit einer Insel, die im Meer vergessen wurde“.

Ralph Roger Glöckner bringt sie literarisch zurück aus dem „verhangenen Ozean“ und seiner „melancholischen Monotonie“ – in einer wenig erregten Sprache, die offen bleibt für die Erfahrung. Roland Brockmann

Ralph Roger Glöckner: „Corvo. Eine Azoren-Utopie“, Elfenbein Verlag, Berlin, 2005, 100 Seiten, 16 Euro


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 58. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 58

No. 58Oktober / November 2006

mare-Kulturredaktion

mare-Kulturredaktion

Mehr Informationen
Vita mare-Kulturredaktion
Person mare-Kulturredaktion
Vita mare-Kulturredaktion
Person mare-Kulturredaktion
Suchmaschine unterstützt von ElasticSuite