Fahren, bis ans Ende der Welt!
Von Livingstone bis zur Mondlandung: Ein großer Band über Entdecker, dessen aufwendige Präsentation sogar patentiert wurde
Damit kein Missverständnis aufkommt: Der 1968 in Venedig geborene Autor Andrea de Porti versammelt in diesem Buch nicht etwa „armchair traveller“ und deren Bild von einer Welt, die sie nur mittelbar kennen. Nein, seine „Forscher, Abenteurer und Entdecker“ waren tatsächlich, wie es so schön heißt, vor Ort: am Amazonas und auf den Hochebenen Tibets, auf Sansibar und an den Quellen des Nils.
Was diesen beeindruckenden Wälzer, der 1871 mit Doktor David Livingstone am Tanganjikasee beginnt und mit Neil Armstrongs Landung auf dem Mond im Jahr 1969 endet, jedoch so unvergleichlich gegenüber thematisch ähnlichen Werken macht, ist seine Form. Wetten, dass man solch ein Buch nie wieder vergisst, dass ein Kind, beschenkt mit de Portis „Atlas“, auch später als Erwachsener bei „richtigen“ Reisen die Erinnerung an das erste Hineinlesen und Seitenumwenden immer mit sich tragen wird?
Denn nicht allein, dass hier – ohne politisch korrekt zu moralisieren, ohne verlogen zu glätten – höchst spannende und oftmals widersprüchliche Frauen und Männer auftauchen; de Porti macht die häusliche Lektüre selbst zum Abenteuer und hat sich daher seine Art der Bild-Text-Präsentation sogar patentieren lassen. Was also erwartet die Leser?
Ein Buch, dessen feste, beim Anfassen beinahe kartoniert wirkenden Seiten mit ihren faszinierenden Bildern, Daguerreotypien, Skizzen oder Fotos sich selbstverständlich von links nach rechts, also vertikal aufblättern lassen. Doch wie um eine Ahnung davon zu geben, dass hinter entdecktem Land immer wieder geheimnisvolles Territorium liegt, dass die Meere weit sind und die Ebenen endlos, lässt sich sein „Atlas“ auch horizontal aufklappen: Eine Doppelseite verdoppelt sich und lässt dabei fast schon in Plakatgröße an der Reise Freya Starks durch Jemens Wüste teilhaben (unterwegs in den dreißiger Jahren, wurde die couragierte Dame 100 Jahre alt) oder an Pierre Savorgnan de Brazzas Versuch, Ende des 19. Jahrhunderts im Kongo den Sklavenhandel zu zerschlagen. Oder an Alfred Wegener, dem Entdecker der Kontinentaldrift, der im Grönlandeis starb. Oder an Maria Reiche, die ihr 90-jähriges Leben (sie starb 1998) den Ureinwohnern Perus und deren archäologischen Kultstätten verschrieben hatte.
Solche vermeintlich „unglaublichen“ Geschichten jedenfalls, solche charismatischen Menschen – und solch animierende Buchseiten. Wäre es wirklich übertrieben, hier von einem Ereignis zu sprechen? Wohl kaum. Und für alle jungen Leser, die dieses Buch bereits in ihrer Kindheit oder Jugend durchschmökern können, darf man sich jetzt schon freuen. Marko Martin
Andrea de Porti: „Forscher, Abenteurer und Entdecker“, aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi, 184 Seiten, 350 Bilder, 22 Aufklapptafeln, Frederking & Thaler, München, 2005, 50 Euro
Anfang vom Ende
Auswanderer treffen auf Ureinwohner. Kurze Zeit geht das gut
Wer die Leute auf der „Mayflower“ waren, das ist einigermaßen bekannt. Nicht wenige Familien des heutigen amerikanischen Ostküstengeldadels führen sich direkt auf einen der 102 Passagiere des Schiffes zurück. Nach einer Schätzung aus dem Jahr 2002 leben zurzeit etwa 35 Millionen Nachkommen der „Mayflower“-Passagiere in den USA. Die sich so erfolgreich vermehrten, schafften es dabei nicht nur, ein Land nach ihrem Geist zu formen, sie haben auch die Bevölkerungsverhältnisse gegen die Ureinwohner des Kontinents zu ihren Gunsten entschieden.
Wie es dazu kam, davon erzählt Nathaniel Philbrick, Historiker und Direktor des Institute of Marine Studies in Nantucket, in seinem Buch „Mayflower“. Philbrick ist ein Spezialist für die minutiöse Nachzeichnung verborgener amerikanischer Mythen. So hat er 2000 mit „Im Herzen der See“ die letzte Fahrt des Walfängers „Essex“ beschrieben. Die „Essex“ wurde 1820 von einem Pottwal versenkt; ihre Geschichte diente Herman Melville als Inspiration zu „Moby Dick“.
Philbrick hatte damit einem amerikanischen Mythos eine historische Basis gegeben. Während „Moby Dick“ aber auch allegorisch vom Untergang einer bereits formierten amerikanischen Gesellschaft erzählt, schildert „Mayflower“ deren Gründung.
„Anfänge sind selten so eindeutig, wie wir es gerne hätten“, schreibt er im Vorwort. Er gibt damit einen Hinweis auf seine Methode und seine Absicht. Er will die Geschichte der Besiedlung durch die „Mayflower“-Fahrer nicht von ihrem Ende, also dem Sieg der White Anglo-Saxon Protestants, kurz WASPs, rekonstruieren, sondern aus der Anfangskonstellation heraus. Geschichte aus der Position der Sieger zu schreiben birgt für Philbrick immer die Gefahr, die Spuren der Verlierer zu verwischen. Er nimmt daher die mündlichen Überlieferungen in den Mythen der überlebenden Indianer als Quellen ebenso ernst wie die Schriften der Weißen.
Der Zeitraum seiner Geschichte wird von zwei Eckdaten markiert. Im November 1620 landet die „Mayflower“ in Plymouth Rock an Neuenglands Küste. 1676 läuft an derselben Küste ein Schiff mit dem Namen „Seaflower“ Richtung Karibik aus. Die „Seaflower“ hat aber nicht 102 aus Europa kommende Siedler an Bord, sondern 180 eingeborene Sklaven. Wie es in den 56 Jahren zwischen den beiden Ereignissen zu dieser historisch bis heute gültigen Konstellation der Vernichtung der Ureinwohner kam, rekonstruiert Nathaniel Philbrick mit einer Fülle von Details, die man an den 80 Seiten Anmerkungen und Literaturnachweisen in der US-Ausgabe nachvollziehen kann.
Die Kolonisten der „Mayflower“ waren zum größten Teil puritanische Sektierer, die sich von der englischen Kirche losgesagt hatten. Diese galt ihnen als verkommen. Dass die Kolonisten nicht zu in monolithischen Kulten versteinerten religiösen Fanatikern wurden, hatte in den Anfangsjahren mit den intensiven Kontakten zu den Indianern zu tun.
Wie diese für beide, Indianer wie Siedler, fruchtbare Beziehung in die Brüche ging und in einem grausamen Krieg die Optionen der Gegenseitigkeit verschüttet wurden, davon erzählt dieses Buch. Und zwar so lebendig, dass die gegenwärtige Einseitigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika dahinter wie ein Gespenst auftaucht. Cord Riechelmann
Nathaniel Philbrick: „Mayflower. Aufbruch in die Neue Welt“, deutsch von Norbert Juraschitz, Karl Blessing, München, 2006, 416 Seiten, 19,95 Euro
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