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Das Meer darf wieder Meer sein
Traumwelt versus Ort grässlicher Umweltzerstörung – eine neue Wanderausstellung zeigt, wie Künstlern die See erscheint

Zugegeben, „Récits d’eaux“, das klingt ungleich melodiöser als das deutsche „Geschichten vom Wasser“, doch ist es keineswegs so, dass sich in dieser von Berlin über Köln bis nach Aachen ziehenden Wanderausstellung nun frankofone Geschmeidigkeit und deutsche Sprödigkeit gegenüberstünden.

Im Gegenteil, die von der „Französischen Gemeinschaft und Wallonischen Region Belgiens“ organisierte Schau mit dem Doppelnamen zeigt eher das Länder-übergreifende angesichts des Faszinosums Wasser. Freilich sind die Herangehensweisen denkbar unterschiedlich, und es ist nicht das geringste Verdienst des Kurators Joost De Geest, innerhalb der individuellen Ansätze durchaus gewisse Trends sichtbar gemacht zu haben. Vereinfacht gesagt: Die Zeit der sogenannten „Zweiten Moderne“, von ihren Kritikern ohnehin nicht ganz zu Unrecht der fantasielosen Routine bezichtigt, ist vorbei, will heißen: Auch das Meer darf endlich wieder Meer sein und nicht allein nur ein blauer Fleck auf weißem Hintergrund, betitelt „Material IV“.

Gleichwohl schleicht sich hier kein konservativer Traditionalismus ein, sondern die Betrachter werden Zeugen einer neuen Freiheit im Umgang mit künstlerischen Formen inklusive der Fotografie. So ist das Meer oder ein Vulkansee bei Hervé Charles Symbol elementarer Kraft, aufgenommen mit einem Fotoapparat in den Lüften. Christian Carez dagegen, 1938 in Brüssel geboren, bevorzugt in seinen „Foto-Fiktionen“ eher die Miniatur, doch ist diese alles andere als heimelig, sondern präsentiert unter dem Titel „Die Orte des verratenen Traums“ trostlose Kanäle, Quais und Zisternen.

Das Wasser also als Menetekel für uns Menschen? So erscheint es jedenfalls in den Bildern der 1950 im russischen Woronesch geborenen und seit 1990 in Berlin lebenden Svetlana Kopystianskaya. Ohne einer plakativen Correctness zu huldigen, zeigt die Käthe-Kollwitz-Preisträgerin das Meer als Ort verhängnisvoller Umweltzerstörung. Wie anders aber geht es zu in der bunten Traumwelt von Colette Detailles Bildern, wo tatsächlich alles fließt und doch in der verwegensten Asymmetrie noch jene „Lignes et passages“ sichtbar werden, die einem der Gemälde ihren Namen gaben? Auch den fidelen Schwimmermarionetten des von Kirchners Expressionismus beeinflussten Hans Scheib scheint ebenso wenig Unheil zu drohen wie den an die Gestalten von Videospielen er­innernden Figuren bei Angélique van Wesemael.

Doch wo, mag sich der Betrachter fragen, bleibt das Geschichtenerzählen? Es bleibt – und ist dort sehr gut aufgehoben – bei dem in Berlin arbeitenden Maler Sigurd Wendland, der jeden Sommer auf der Ostseeinsel Usedom ein sogenanntes „Pleinair“ für Landschaftsmaler organisiert. Figurativ und sonnenhell sind seine Bilder, doch zeigen sie keine Idylle. Von beinahe Edward Hopperscher Einsamkeit ist seine Strandkorbdame mit Laptop, während die nackte Ophelia tot im Schilf liegt. Selten zuvor war eine Wasserleiche attraktiver. Marko Martin

„Récits d’eaux – Geschichten vom Wasser“. In Köln: 7. Februar bis 30. März, an drei Stätten: Maison Belge, Stadtbibliothek, Kunsthaus Lempertz. In Aachen: 3. April bis 20. Mai, an zwei Stätten: Elisabethschwimmhalle, Institut für Romanistik


Der Eisheilige

Bildgewaltig dokumentiert: die Heldentat eines Südpolfahrers

„Männer gesucht für riskante Reise. Wenig Gehalt. Bittere Kälte. Monate in völliger Dunkelheit. Ständige Gefahr. Sichere Heimkehr ungewiss. Bei Erfolg Ruhm und Ehre. – Ernest Shackleton.“ Mit diesen kargen Worten hatte – so die Legende der an Legenden reichen Geschichte der Polfahrer – der Abenteurer in einer Londoner Zeitung Mitreisende für die erste Antarktisdurchquerung gesucht. Die 27 Männer, die sich auf das sonderbare Stellenangebot bewarben, würden später sagen, dass kein Wort davon falsch war. Das Unternehmen scheiterte. Dennoch kam es, dank der übermenschlichen Führungsleistung Shackletons, zu unsterblichem Ruhm und Ehre: als die großartigste Rettungsaktion aller Zeiten.

Ein neuer Dokumentarfilm rekonstruiert die Ereignisse im Weddell-Meer in den Jahren 1915 und 1916. In ergreifenden Szenen schildert er, wie Packeis das Schiff der Expedition zermalmt, die Crew sich erst auf Treibeis, dann in Rettungsbooten zu einer Insel rettet; wie Shackleton in einer Nussschale 700 Seemeilen nach Süd­georgien fährt, wo er nach einem letzten gewaltigen Kraftakt in einer Walfangstation die Rettung seiner Männer organisiert.

Wie dieser Film historisches mit zeitgenössischem Material verbindet, wird er zu einem erschütternden Dokument, das in jeder Sekunde fesselnder ist, als es ein Hollywood-Epos je sein könnte. Gedreht in der Großkinotechnik Imax, lässt er in ungeheurer Bildgewalt teilhaben an einem Happy End in einer Landschaft von roher Schönheit, an einer Geschichte mensch­licher Größe, wie es wenige gibt. Karl J. Spurzem

„Shackleton’s Antarctic Adventure – The greatest survival story of all time“, Imax-Dokumentarfilm, Regie: George Butler, DVD, ca. 40 Minuten, Warner Music Group


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 60. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 60

No. 60Februar / März 2007

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