Eine Naturgewalt, die selbst Fels zerreibt
Jules Michelet verfasste im 19. Jahrhundert eine literarische Naturgeschichte der See, die manche aktuelle Debatte vorwegnimmt
Ein kleines Mädchen wirft grimmig Steine in die Brandung des Ärmelkanals bei Le Havre. Ihr Kampf mit dem stürmischen Element ist geprägt vom Mut der Verzweiflung. In diesem Bild seiner Tochter, die bereits in jungen Jahren sterben sollte, kristallisiert sich für Jules Michelet, den bedeutendsten französischen Historiker des 19. Jahrhunderts, die Bedingtheit des Lebens. Das Meer ist „unermüdliche Ewigkeit“, alle Kreatur muss sich seiner Macht beugen. Das Pferd scheut, der Hund schlägt an, und selbst die küstennahen Bäume künden in ihrer „Gebärde“ vom „mächtigen Odem“ der See: „Sie blicken zur Erde, kehren dem Feind den Rücken, scheinen zu unmittelbarem Aufbruch bereit, zerzaust, auf der Flucht.“ So ist dieses erste Kapitel wirklich ein „Anblick der Meere“, wie das ganze Buch eine sprachgewaltige Naturgeschichte des Meeres und zugleich ein großes Stück französischer Prosa über die kulturelle Bedeutung der Ozeane ist.
Die Erfahrung eines „biederen holländischen Seemanns“ eröffnet Michelets Annäherung an das Meer. Der Fachmann gesteht, dass Furcht der erste Eindruck sei, den man von der See empfange. Bleibt also angesichts der Naturgewalt, die selbst den Fels zerreibt und der allein Nacht und Wüste ebenbürtig seien, nur Todesahnung und Vergänglichkeit? Nein, denn, so Michelet, „die See ist wohl eine etwas heftige Mutter, aber doch eine Mutter“. Der Blick vom Land sei verzerrt, denn eigentlich sei der Ozean Quelle allen Lebens, das „große Weib“ des Erdballs.
Eine bloße Metapher ist das nicht. Michelet sympathisiert mit der Vorstellung des amerikanischen Geografen Matthew Fontaine Maury, dass das Meer nicht, wie in der biblischen Schöpfungsgeschichte, etwas auf einmal Geschaffenes sei, sondern etwas Belebtes, „ja fast eine Person“ darstelle. Zu diesem Schluss war Maury bei der Beobachtung des Wetters, der Vermessung der Meeresströme und der Untersuchung der Äquatorialregion gekommen, in denen er Puls, Arterien und das Herz des Meeres ausmachte. Nur dass Michelet selbst die Kausalitäten umkehrt: Für ihn ist es der „Lebens-Zirkulus des animalischen Meereslebens“, das dem „ganzen physikalischen Zirkulus“ Leben einhaucht. Und so folgt mit dem zweiten Kapitel eine große Evolutionsgeschichte der Meerestiere, von den Korallen über die Weichtiere bis zu den Fischen und Säugern.
Das klingt nach Darwinscher Lehre, und natürlich hat Michelet Charles Darwins Buch „Über die Entstehung der Arten“ von 1859 gekannt. Doch seine literarische Naturgeschichte will keine zufällige „Kette der Lebewesen“, sondern die Erzählung einer „aufsteigenden Metamorphose“ sein, die der „natürlichen Denkweise des Geistes“ entspreche.
So enthält Michelets Natur etwas Kulturelles, wenn er von der „Republik der Polypen“, dem Fisch als Tier der Freiheit und vom Wal als erstem „poetischen Versuch der schöpferischen Kraft“ spricht, die „zum Erhabenen strebte und schrittweise dann zum Möglichen“ zurückfand. Tod und Erfordernis werden zur Feier des erfindungsreichen Lebens und der Individualität. Auch die Schlichtesten haben darin ihren Platz: Schon die mikroskopischen Kleinstwesen feiern „das Fest ihrer Geburt als Bacchanal“. Michelets Naturgeschichte des Meeres ist ein demokratischer Pantheismus.
Und dann kam der (europäische) Mensch. Zunächst noch eingebettet in den Kreislauf der Ozeane, folgt er als Walfänger den Routen der großen Säuger. Doch die Erfindung der Harpune ist der Anfang vom Ende. Er ist kein Sohn der Meereswesen, sondern ihr „grausam feindlicher Bruder“, beseelt von der Gier nach Gold und Kontinenten. Sein Kapitel, das dritte des Buches, ist eine Geschichte des tausendfachen Mordes an seinen Seelenverwandten, den Seehunden, Sirenen (Dugongs) und Walen, die wie er „Wesen aus Blut und Milch“ sind. Für den Verrat an der Kreatur steht das Bild des Bibers, der beim Anblick des Menschen den Bau seiner Burg aufgibt und in Tränen ausbricht. Das Kapitel endet mit Michelets emphatischem Plädoyer für ein Abkommen der großen Mächte zum Verbot der Schleppnetzfischerei, des Walfangs und des Kolonialismus. Denn wer den Menschen quäle, könne das Tier nicht achten.
Die brutale Ausbeutung des Meeres ist für Michelet dabei die Folge der „Zerrüttung“ der „westlichen Rassen“ durch das „gigantische Ausmaß unseres Arbeitens“. Dem betäubenden industriellen Ökonomismus zuwider argumentiert Michelet für eine Wiederbelebung des alten Walfängerwissens, des „Hörens“ auf das Meer: „Frankreich soll ein Volk von Seeleuten erschaffen.“
Das letzte Kapitel ist daher eine Kulturgeschichte des Meeres, der Seebäder und Sanatorien. Aus ihnen geht für den Demokraten Michelet nicht nur die Versöhnung mit der Natur, sondern auch mit den Unterdrückten der Geschichte hervor. Den Arbeitern soll die Vitalität „keltischer“ (bretonischer) Fischer verliehen werden. Heilung der Zivilisation durch eine Rückkehr zum Meer?
Der Anthropologe Georges Bataille hat über diesen Versöhnungsglauben gelächelt. Aber es bleibt einem das Lachen im Hals stecken, wenn man daran denkt, wie harmlos Michelets Vorstellung der Renaissance des französischen Volkes gegenüber Arthur Comte de Gobineaus zeitnahem Pamphlet zur Heilung Frankreichs durch die Behauptung der „nordischen“ (Adels-)Rasse war, das beileibe nicht nur jenseits des Rheins eine unselige Karriere machen sollte. Markus Meßling
Jules Michelet:
„Das Meer“, mit einem Vorwort von Michael Krüger, übersetzt von Rolf Wintermeyer, Campus Verlag, Frankfurt/M., New York, 2006, 348 Seiten, 19,90 Euro
Wasser unser
Ein Kompendium über die Weltgeschichte des H2O
Krieg um das Wasser, Wasser als Lebenselixier, Wasser als Klimaanlage unseres Planeten – die Metaphern sind unzählig, die uns die Wichtigkeit dieses liquiden Stoffes für den Globus deutlich machen sollen. In der aktuellen Debatte um die Klimaerwärmung spielt vor allem das Ozeanwasser, ob in flüssigem, in gefrorenem oder in verdunstetem Zustand, die Hauptrolle. Auch als Geburtsort von Hurrikanen, als Medium, das womöglich unseren Lebensraum überschwemmt: Kommt die Sintflut zurück?
Ein kleiner, aber feiner Verlag aus der Schweiz, dort, wo Europas Quellen sprudeln, hat es jetzt vermocht, ein anspruchsvolles Werk zu diesem Thema zu produzieren, eine gelungene Mischung aus Foto- und Essayband. Gemeinsam mit dem Wasserforschungsinstitut der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich und dennoch, vollkommen ohne in wissenschaftliche Trockenheit zu verfallen – trotz allen Faktenreichtums und der Tabellen.
„Wem gehört das Wasser?“ ist ein emotionalisierendes, aber keineswegs romantisierendes Kompendium über die Weltgeschichte des Wassers, über seine Rolle in der menschlichen Technik seit ihren Anfängen, über seine Verteilung und seinen Kreislauf. 99 Prozent des Wassers gehören den Meeren. Was aber passiert mit ihm, wenn die Ozeane es immer wieder mal vorübergehend dem Menschen leihen und anderen Landlebewesen und -pflanzen zum Gebrauch und Verbrauch?
Frei von Voreingenommenheit wägen die Schweizer da, um nur eines von vielen Beispielen zu erwähnen, das ökologische und soziale Pro und Contra der Wasserkraft ab. Oder sie zeigen auf, welche Verwerfungen in der Versorgung der wuchernden Weltmetropolen drohen. Und gewiss wird gerade die Bewässerungslandwirtschaft immer notwendiger zur Ernährung der wachsenden Menschheit, verbreitet sich daher zunehmend. Leider nicht, ohne fatale Spuren zu hinterlassen. Denn der Stoff, den die Flüsse eigentlich ins Meer transportieren sollten, das Salz, bleibt, je länger das Wasser auf den Feldern genutzt wird und dort verdunstet, in umso höherem Maß in der Scholle. Die Erde versalzt und wird unbrauchbar – ein weltweites Phänomen, vor allem in den ärmeren Ländern mit dem höchsten Bevölkerungsdruck.
„Wem gehört das Wasser?“ ist eine Art Kreislaufcheck unseres Planeten. Ein nüchternes Bulletin ist herausgekommen, unaufgeregt. Vor allem haben sich die Diagnostiker der ETH nicht von der heute so verbreiteten Versuchung zum Katastrophismus leiten lassen, die gerade beim Thema Zukunft von Wasser und Mensch so verbreitet ist. Insbesondere die Bildsprache dieses Bandes zeigt uns deutlich: Wasser ist nach wie vor nicht nur im physiologischen, sondern vor allem im mentalen Sinn ein Quell von Lebensfreude und Menschlichkeit. Ulli Kulke
Christian Rentsch (Hrsg.): „Wem gehört das Wasser?“, Lars Müller Publishers, Zürich, 2007, 536 Seiten, 44,90 Euro
Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 62. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.
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