Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern…
Zehn Jahre mare, zehn Geburtstagsständchen. Popkritiker Hollow Skai stellt seine liebsten Seemannslieder deutscher Rockbands vor
10. Unten am Hafen
Bernd Begemann & Die Antwort, „1987“, 1987
Der elektrische Liedermacher Bernd Begemann stammt wie so viele andere Vertreter des Deutsch-Rock – Frank Spilker von Die Sterne, Jochen Diestelmeyer von Blumfeld oder Bernadette Hengst von Die Braut haut aufs Auge – aus dem ostwestfälischen Bad Salzuflen, landete aber ebenso wie diese in Hamburg, wo er sich in Elbnähe niederließ und zu sehr romantischen Songs inspiriert wurde. In einem seiner schönsten Lieder beschrieb er, wo er sich am liebsten aufhält: „Unten am Hafen / wo die großen Schiffe schlafen“.
9. Land unter
Herbert Grönemeyer, „Chaos“, 1993
Mit den meisten Marinesoldaten der Bundeswehr hat Herbert Grönemeyer nicht nur die Liebe zum Meer und zur Seefahrt gemeinsam, sondern auch, dass er weder von der Küste kommt noch in einer Hafenstadt geboren wurde, sondern mitten im Ruhrpott aufwuchs, in Bochum. In Wolfgang Petersens Film „Das Boot“ spielte er überzeugend einen Leutnant. Bis er mit „Land unter“ ein sehr berührendes Liebeslied schrieb, in dem die Sehnsucht Wellen schlägt, sollte aber noch mehr als ein Jahrzehnt verstreichen. Wem das Original zu traditionell klingt, der sollte sich mal den „Underground House Mix“ von „Land unter“ anhören.
8. Across The Ocean
Big Balls & the Great White Idiot, „Das Herz von St. Pauli“, 1992
Als die Punk-Welle vor 30 Jahren in Deutschland überschwappte, wurde davon auch eine Hamburger Band durchnässt, die erst kurz zuvor gegründet worden war. Die Gruppe nannte sich Big Balls and the Great White Idiot, sang fortan auf Englisch über „Anarchy In Germany“ und warf, wie der heutige Vorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Verlags, Mathias Döpfner, 1984 schrieb, „überkommene Klischees über den Haufen“. Bevor sie 1998 und 2004 mit dem Schauspieler Jan Fedder („Das Boot“, „Großstadtrevier“) zwei Rockalben aufnahmen, produzierten die Big Balls 1992 mit „Across The Ocean“ ein Stück „satten Seemannsrock, tief aus dem Bauch der Galeere“, der so rollt wie die Wellen auf hoher See – unaufhaltbar.
7. Kap Horn
Gerulf Pannach, „Yorck 17“, 1996
Der Untergang war nah, und das Holzbein vom Käpten der letzte Halt, als der Steuermann den aus Arnsdorf bei Dresden stammenden Liedermacher Gerulf Pannach informierte: „Die Sintflut, die schwarze, sie kommt unser Schiff überroll’n! Wir fahr’n zu den Fischen, die Hölle kommt uns hol’n.“ Doch als die letzte Welle ihn hoch hinaufschmiss, wurde der Himmel plötzlich hell, die Nacht riss auf, und er wachte, vor Kap Hoorn liegend, auf. Wie sich am Ende herausstellte, trieb Gerulf Pannach, der aus der DDR nach Hamburg gespült worden war, aber keineswegs vor Chile im Meer. „Kap Horn“ hieß vielmehr „die Kneipe, die meine letzte war“. Pannach starb 1998 weitab von der Küste, in Berlin.
6. Walkampf
Die Toten Hosen, „Zurück zum Glück“, 2004
Musikalisch kommt der „Walkampf“ der Toten Hosen, eine Koproduktion mit dem Liedermacher Funny van Dannen, wie eins ihrer Trinklieder vom Schlag „Eisgekühlter Bommerlunder“ oder „Zehn kleine Jägermeister“ daher. Weshalb sich der sehr lustige Text, in dem ihr Sänger „nach einer Horrornacht“ schweißgebadet aufwacht, weil er im Traum vergeblich versucht hat, einen gestrandeten Wal zurück ins Meer zu schieben, leicht mitsingen lässt und man prima dazu schunkeln kann. Der Refrain war allerdings so eingängig, dass er Campino gleich einen weiteren Horror bescherte – den Albtraum, dass der Song im „Ballermann“ auf Mallorca von besoffenen Deutschen gegrölt wird.
5. Singapur
Keimzeit, „Kapitel Elf“, 1991
Im wilden Osten, wo „Leinen los!“ 40 Jahre lang als Aufforderung zur Republikflucht verstanden wurde, stieß die Potsdamer Gruppe Keimzeit zwei Jahre nach Mauerfall in See. Das Schiff war „aus schäbigem Holz“, der Heizer aus China „gegen Pocken und Pest immun“, das Kommando führte ein Käpten, der sein Bein verloren hatte und in „Singapoor“ noch einmal von vorn anfangen wollte. Selten hat eine Seefahrt apokalyptischer geklungen, doch die Gebrüder Leisegang ließen sich nicht von ihrem Kurs abhalten: „Auch wenn der Wind uns das Segel zerreißt – wir müssen weiter, immer weiter, was soll’s.“
4. Das Lied von der Hochseekuh
Achim Reichel, „Dat Shanty Alb’m“, 1976
Der einen Steinwurf von der Reeperbahn entfernt geborene Ex-Rattle war vom Musikgeschäft frustriert, als ihm ein Shanty „in den Schädel“ kam – „Rolling Home“. Reichel, der ursprünglich wie sein Vater Schiffssteward werden wollte, entdeckte, dass Shantys sich aus dem Blues und der Countrymusik entwickelt und dieselbe harmonische Struktur wie Rock-’n’-Roll-Songs haben, und nahm 1976/77 zwei Alben auf, „Dat Shanty Alb’m“ und „Klabautermann“. Darauf interpretierte er nicht nur Volkslieder wie „Wir lagen vor Madagaskar“ („Pest an Bord“), sondern vertonte auch ein Gedicht von Joachim Ringelnatz, „Das Lied von der Hochseekuh“, die über wundersame Kräfte verfügt: „Die Kuh hat einen Sonnenstich und riecht nach Zimt und Nelken. Und unter Wasser kann sie sich mit ihren Hufen melken.“
3. Nichts haut einen Seemann um
Udo Lindenberg, „Alles klar auf der Andrea Doria“, 1973
In seinen Liedern hat der Panikrocker aus dem westfälischen Gronau die ganze Welt bereist und mit der „Andrea Doria“ bei „Lindstärke 10“ den „Lindischen Ozean“ durchquert. Doch unsterblich wurde er mit einem zutiefst melancholischen Song, der an Land spielt und die Frage aufwarf: „Was bleibt einem Seemann, der nicht mehr fährt?“ Udos Geschichte vom alten Kapitän, der so lange den Rum prüft, bis die Boote im Hafen festmachen, sich dann aber übern Deich schleppt, damit er sich nicht sagen lassen muss, er könne ja „wirklich nicht mehr viel vertragen“, half nicht nur über Liebeskummer hinweg, sondern war zugleich ein Abgesang auf die Viermaster und signalisierte den Anbruch eines neuen Zeitalters, in dem Segel- durch Containerschiffe und Menschen durch Computer ersetzt wurden.
2. Unten am Hafen
TempEau, „Kein Weg zurück“, 2006
Dass der Hamburger Hafen trotz allem nichts von seiner Faszination verloren hat, demonstrierte die Hamburger Band TempEau im vergangenen Jahr mit ihrem überaus schwungvollen Rocker „Unten am Hafen“, den sie ihren Fans stilgerecht auf einer Barkassenfahrt vorstellte. Darin besingt Jan Plewka (Ex-Selig) den „Anfang vom Untergang“, der als Schiffskatastrophe beginnt, sich dann aber zum wehmütigen Rückblick auf ein ganzes Leben steigert: „Keine Sterne, kein Schimmer, keine Beiboote mehr, nur noch wir, das Feuer und das ewige Meer.“
1. Übers Meer
Rio Reiser, „Blinder Passagier“, 1987
Abgesehen von zwei Kreuzfahrten, an denen er als Tourist teilnahm, war der „König von Deutschland“ nie zur See gefahren, doch bereits mit der Politrock-band Ton Steine Scherben hatte er eine Piratengeschichte für Kinder vertont („Teufel hast du Wind“), sich auf ein Schiff namens „Hoffnung“ begeben und gefordert: „Komm an Bord“. Auf seinem zweiten Soloalbum beschwor Reiser, der auch hervorragend Hans Albers imitieren konnte, mit dem Song „Blinder Passagier“ die apokalyptische Seite der Seefahrt, mit der Ballade „Übers Meer“ drückte er aber seine Sehnsucht nach dem Fernweh so unnachahmlich in Versen aus, dass einem das Herz schwer wurde und man gleichzeitig Hoffnung schöpfte, die Fahrt durch das Wellental des Lebens unbeschadet zu überstehen.
Irische Bilder
Hugo Hamilton begibt sich auf die Spuren von Heinrich Böll
Das Bücherregal rückt Bölls „Irisches Tagebuch“ nicht raus, also muss hier aus dem Gedächtnis zitiert werden. Nirgends leuchten die Milchflaschen so wie auf den Stufen vom Limerick, stimmt’s? Tee fließt aus Blechkannen, die Uhren stehen still, und Mrs. McNamara bekommt ihre vielen Kinder immer im September. Sehnsuchtsbilder hat er in uns Deutschen geweckt, dieser Henry, der jeden Sommer auf Achill Island im irischen Westen verbracht hat. Alle sind wir hingefahren, mit seinem Brevier in der Tasche und einem Brennen in der Seele, denn Irland ist die Insel, die man bereist, um sie zu verlassen und sich anschließend tüchtig zu sehnen.
Ein Blick in den Kalender bestätigt, dass, stillstehende Uhren hin oder her, ein halbes Jahrhundert verstrichen ist, seit Heinrich Böll sein Tagebuch veröffentlicht hat. Nun hat sich Hugo Hamilton, ein deutsch-irischer Schriftsteller, zum Jubiläum auf dessen Spuren begeben. Seine Version des Reisebuchs heißt „Die redselige Insel“. Sympathisch ist dieses Buch, weil es einerseits die Verwüstungen aufzählt, die so viele Jahre in dem Land ohne Zeit angerichtet haben. In Limerick kommt die Milch jetzt im Tetrapack, in Mayo verlegt Shell eine Gaspipeline, und auf Achill soll Internet mit Breitband eingeführt werden. Andererseits verzichtet Hamilton darauf, Böll als den hoffnungsvollen Romantiker vorzuführen, der er war. Das ist gut so, das schont die deutschen Gemüter. Und erst die Iren! Nein, ohne globale Sehnsucht ist deren Land nicht lebensfähig. Nicht in der Theorie, nicht in der Praxis, und erst recht nicht in den Büchern. Well done. Tanya Lieske
Hugo Hamilton: „Die redselige Insel. Irisches Tagebuch“, aus dem Englischen von Henning Ahrens, Luchterhand, München, 2007,
156 Seiten, 8 Euro
Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 63. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.
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