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Aus dunklen Wunderkammern
Georg Forster, Naturforscher auf Cooks Südseefahrt, fertigte Hunderte Skizzen an, die nun erstmals in einem Bildband versammelt sind

„So fürchte ich leider, dass unsere Bekanntschaft den Bewohnern der Südsee durchaus nachteilig gewesen ist“, resümiert Georg Forster gegen Ende seiner Weltreise, die er gemeinsam mit seinem Vater als Naturforscher auf Kapitän Cooks „Resolution“ von 1772 bis 1775 unternommen hatte. „Ich bin der Meinung, dass gerade die Völkerschaften am besten weg­gekommen sind, die sich immer von uns entfernt gehalten und unserem Seevolk nie erlaubt haben, zu vertraut mit ihnen zu werden.“

So hellsichtig war der junge Gelehrte auch in wissenschaftlichen und künstlerischen Belangen, und das hat sein Debüt zu einem Klassiker der deutschsprachigen Reiseliteratur gemacht. Als das Buch 1778 bei Haude & Spener in Berlin auf Deutsch erschien, wurde es über Nacht zu einem Bestseller. Goethe, Wieland und Lichtenberg waren hingerissen, und Alexander von Humboldt nannte seinen Autor gar „den hellsten Stern meiner Jugend“. Doch der Stern verblasste schnell, als Forster sich nach unbefriedigenden Universitätsjahren zwischen Kassel und Wilna zu einem leidenschaft­lichen Revolutionär entwickelte.

1793 beantragte er den Anschluss der Mainzer Republik an Frankreich und wurde ihr Abgeordneter im Nationalkonvent. Abenteuer als Entdeckungsreise schön und gut, aber politische Abenteuer dieser Art galten in deutschen Landen zu jener Zeit schlicht als Hochverrat. Über den wage­mutigen Abtrünnigen wurde die Reichsacht verhängt, sein Vater wünschte ihn an den Galgen, und seine Frau ließ sich eilig scheiden.

Bis heute existiert weder in Mainz noch in Kassel ein Forster-Denkmal. Zwar gab es nach seinem einsamen Tod 1794 in Paris immer mal wieder eine Nachauflage der „Reise“ – und durch die Akademie der Wissenschaften der DDR sogar eine veritable Werkausgabe in 18 Bänden –, aber im Bewusstsein des deutschen Literaturbetriebs und der Lesergemeinde steht Forster noch immer im Schatten seiner gemäßigteren Zeitgenossen von Goethe bis Jean Paul.

Das versuchen nun Klaus Harpprecht und Michael Naumann, die neuen Herausgeber der „Anderen Bibliothek“ des Eichborn Verlags, zu ändern. Weil beide aus langjähriger Erfahrung als Journalisten und Kanzlerberater wissen, dass unser knappes Gut Aufmerksamkeit für Gedrucktes immer noch knapper wird, steuern sie mit Opulenz gegen den Trend. Ihre Ausgabe versammelt eine faszinierende Auswahl von Aquarellen und Zeichnungen, die Forster zwischen Südsee und Antarktis von mehr als 500 Tieren und Pflanzen angefertigt hat.

Weil sein Vater sich über den lukrativen offiziellen Reisebericht mit Kapitän Cook und der Admiralität heillos zerstritt, mussten die ewig verschuldeten Forsters schnell ein eigenes Buch auf den Markt bringen. Zu dessen Finanzierung verkauften sie das Wenige, das ihnen noch geblieben war – Georgs Reisebilder. Sie fanden einen Abnehmer in dem begüterten Sir Joseph Banks, der von 1768 bis 1771 auf Cooks erster Reise dabei gewesen war. Banks aber ließ die kostbaren Stücke in seiner privaten Südseekollektion verschwinden, die nach seinem Tod fast 200 Jahre lang in den Archiven des Londoner Natural History Museum lag.

Sie aus dieser dunklen Wunderkammer herausgeholt zu haben ist das Verdienst der Eichborn-Ausgabe. Sie stellt Georg Forster als Illustrator in eine Reihe mit Forschungsmalern wie Sydney Parkinson und Ferdinand Bauer. Denn obwohl fast keines seiner Aquarelle wegen des Zeitdrucks farblich ausgearbeitet werden konnte, macht gerade das Provisorisch-Skizzenhafte ihren Reiz aus. Seine Tiere und Pflanzen wirken immer noch sehr lebendig, und die Seestücke und arktischen Landschaften sind mitunter von expres­sio­nistischer Bildkraft.

Weil 648 Seiten Reisebericht in Folio zu beinahe 80 Euro vielleicht doch nicht in jedermanns Budget und Zeitkonto liegen, hat der Verlag auch ein preiswerteres Hörbuch, untermalt mit polynesischen Gesängen, aufnehmen lassen. Das weckt dann hoffentlich doch noch die Neugier auf Georg Forsters vergessene Bilder in diesem exzellent ausgestatteten und gedruckten Band. Holger Teschke

Georg Forster: „Reise um die Welt. Illustriert von eigener Hand“, Eichborn, 648 Seiten mit 80 großformatigen Abbildungen, Frankfurt/M., 2007, 79 Euro

Georg Forster: „Reise um die Welt“, Hörbuch mit sechs CDs, Sprecher: Frank Arnold, 528 Minuten, Eichborn,Frankfurt/M., 2007

Salzbrecherin
Die Amerikanerin Laura Veirs singt salzig-blauen Folkjazzpop

Das Meer ist allgegenwärtig auf Laura Veirs Album „Saltbreakers“. Die „Salzbrecher“ – ein Synonym für Wellen – „läuten alle Unterwasserglocken“. Ihre Lieder fordern ein seemännisches Wortspiel mit ihrem Namen heraus: Laura veers. Laura wechselt den Kurs, Laura dreht ab. So zumindest tun es ihre Melodien. Mit mädchenhafter Stimme vorgetragen, rollen sie wie ein krängendes Schiff durch ungewöhnlich instrumentierte, verspielt arrangierte Lieder. Bei aller Leichtigkeit fordert ihre Musik stete Aufmerksamkeit. Jeden Augenblick kann eine unerwartete Halse den Hörer aus der Kurve tragen.

Erstaunlich, dass die Tochter eines Lehrerpaars aus Colorado Springs nicht Meereskunde studierte wie ihr Bruder, sondern Geologie. Allerdings, versichert sie schnell, habe sie niemals auf diesem Gebiet gearbeitet. Sie interessiere sich mehr für die künstlerische Seite der Wissenschaft. Für Muster und Verbindungen, nicht so sehr für Zahlen und Tabellen. So lässt Veirs – empirisch unbeeindruckt –„Flüsse die Berge hinauffließen, in den Himmel und dann in die See“, wo sie ein Meermann mit einem Funkeln auf den Haken nimmt. Sie spielt mit Bildern vom Meer, das so mysteriös sei, sagt sie, nährend und zerstörerisch zugleich. Um fast empört zu ergänzen: „Außerdem wechselt es ständig die Farbe! Man weiß nie, was darin vorgeht.“

Da blitzt die Wissenschaftlerin auf, der sie mit ihrem wachen Blick durch eine Hornbrille viel eher gleicht als dem Klischee der verträumten Naturlyrikerin. „Alle behaupten, ich sähe wie eine Intellektuelle aus und könne Lehrerin sein.

Ich denke aber kaum über mein Image nach.“

Genauso ungezwungen begann Laura Veirs ihre Karriere als Musikerin. Erst spielte sie Folk zum Spaß. Dann kam der amerikanische Geist der Unabhängigkeit dazu, der Gedanke: „Wenn andere eine Band haben, live auftreten und Platten aufnehmen können, kann ich das auch.“

Laura lebte in Seattle, der Hauptstadt des Grunge-Rock. Rund zehn Jahre später veröffentlicht sie ihr sechstes Album. Musikalisch eine nach Folk, Jazz und Pop duftende Brise. Textlich oftmals Sturm: „Ich war grausam. Schützte mich selbst. Zerriss meine Segel und zerfetzte dann deine. Schlang dich um mich wie einen Fluch. Oh, wie nun die Kälte hereinsickert.“

Schweres Wetter – und doch wächst ihr Publikum stetig, erscheinen ihre CDs bei einer großen Plattenfirma. Ist das Erfolg? „Erfolg bedeutet, seine Rechnungen bezahlen und sein Leben genießen zu können. Ist man populär und reich, aber unglücklich, hat man keinen Erfolg. Bescheidenheit und Normalität gehören ebenfalls dazu. Und natürlich die Fähigkeit, große Kunst zu schaffen.“

Lauras Kunst liegt darin, das Einfache mit dem Besonderen zu verbinden. Wie im Song „To The Country“. Den sang der Cedar Hill Choir, ein weißer Gospelchor, mit ihr im Studio von Johnny Cash. Kürzlich brannte das Holzhaus in den Wäldern von Nashville, in dem Popgeschichte geschrieben wurde, ab. Lauras Traum, dort ihr nächstes Album aufzunehmen, wurde zerstört. Doch für einen Hauch Ewigkeit brauchen ihre Lieder keinen geschichtsträchtigen Ort. Es reichen Zeilen wie diese: „Sing mir ein salzig-blaues Lied, und ich verschwinde mit feuchten Wangen über blühende Routen, verblasse auf einem Seelenverkäufer mit zerfledderten Segeln.“ Matias Boem

Laura Veirs: „Saltbreakers“, CD, Nonesuch Records, 2007


Dies ist ein Auszug aus dem Text. Den ganzen Beitrag lesen Sie in mare No. 64. Abonnentinnen und Abonnenten lesen ihn auch hier im mare Archiv.

mare No. 64

No. 64Oktober / November 2007

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